Kindertagesstätten sind mir zuwider

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…Kindergärten dagegen mag ich sehr.

Ach was habe ich mich als „Blogger-Frischling“ über die Anglizismen, Scheinanglizismen und so weiter echauffiert. Ich habe mich sogar feierlich verpflichtet, hier, unter soheit.de, eine einfache Sprache ohne Fremdwörter & CoKG zu verwenden. Das war vor sechseinhalb Jahren. Danach bin ich, wie die meisten Mitmenschen, älter geworden. Gibt es so was wie Altersgelassenheit? Also was das Thema lupenreine deutsche Sprache betrifft, hat die Altersgelassenheit von mir bereits Besitzt ergriffen. Wenn alte Leute was sagen, ist ja häufig von Weisheit die Rede. Also meine Weisheit lautet: Sprache entwickelt sich. – Soweit zur Historie.

#### Altersgelassenheit, aber nicht so ganz

Doch wie so oft im Leben, gibt es Ausnahmen. Gegen die Umbezeichnung von Kindergärten in Kindertagesstätten bin ich damals Sturm gelaufen, und tue es auch heute noch. Vor zwei Monaten habe ich das Unheil schon kommen sehen und mir ein paar Argumente beiseitegelegt: Kindergarten oder Kindertagesstätte?

Was es mit dem Unheil auf sich hat, möchte ich aus Gründen der Diskretion hier (noch) nicht weiter ausbreiten. Gleichwohl hoffe ich, das möglichst viele Kindergärtnerinnen meine Artikel zu dem Thema lesen und mir, auch wenn sie nicht meiner Meinung sind, ihre Argumente in einem Kommentar ausführen.

#### Jüngste Quelle der Inspriration

Eine Kollegin berichtete mir am Freitag, ihr habe die Leiterin eines Kindergartens erklärt: Ihre Einrichtung sei den ganzen Tag geöffnet, und daher handele es sich um eine Kindertagesstätte. Und im Übrigen würde der Begriff Kindergarten einen verstaubten Eindruck machen.

Tief durchatmen Volker: Om!

#### Definitions-Wirrwarr

Also gut: Ich versuche mich mal, mit einer kurzen Recherche an die Begriffe heranzuarbeiten. Wir beginnen mit der Kindertagesstätte, bröseln ein bisschen daran herum und stürzen uns zunächst auf die „Stätte“:

Eine Stätte, bedeutungsgleich mit dem veralteten Statt oder Stättigkeit, bezeichnet einen (Stand-)Ort bzw. eine Stelle, an der sich etwas befindet.

— de.wikipedia.org: Stätte

Eine Stätte ist also ein Ort an dem sich etwas befindet. Solche Orte können sein:

Grabstätte, Gaststätte, Betriebsstätte, Kultstätte, Münzstätte, Opferstätte, Sportstätte, Vergnügungsstätte, Wallfahrtsstätte

— de.wiktionary.org: Stätte, Unterbegriffe

Dass das Wörterbuch bei der langen Aufzählung die Kindertagesstätte nicht aufführt, finde ich merkwürdig. Aber weiter im Text. Die Stätte kann ein Ort sein an dem Opfer dargebracht werden, an dem Sport geübt wird, an dem ein Verstorbener seinen Ruheplatz gefunden hat, an dem kultische Handlungen vorgenommen wurden und so weiter.

Die Kindertages-Stätte müsste demnach eine Stätte, also ein Ort für den Kindertag sein. Hm, ein Ort für den Kindertag? Nunja, gehen wir der Spur weiter nach. Zu dem Begriff „Kindertagesstätte“ erklärt die Wikipedia:

In Deutschland heißen je nach Region unterschiedliche Einrichtungen „Kindertagesstätte“

  • die Kinderkrippe oder Großtagespflege (für Kinder bis drei Jahre),
  • der Kindergarten (für drei- bis sechsjährige Kinder)
  • der Hort oder Schulhort, den Grundschulkinder vor Schulbeginn und nach Schulende besuchen können.

Zum Teil werden auch nur Ganztagseinrichtungen (für jegliches Alter) oder Einrichtungen, die Betreuung für alle drei Altersgruppen (Kinderkrippe, Kindergarten, Hort) umfassen, Kindertagesstätte genannt.

— de.wikipedia.org: Kindertagesstätte, Begriff

Kindergarten dürfen sich demnach nur die Einrichtungen nennen, die Kinder von drei bis sechs Jahren betreuen. Apropos Einrichtung: Klingt Einrichtung für Euch nach einem Wohlfühlort? Für mich nicht. Für Euch auch nicht? Dann würde ich, wenn ich von „meinem“ Kindergarten spreche, den Begriff auch nicht verwenden.

Doch zurück zum Thema. Nach der Kindertagesstätte wenden wir uns nun dem Kindergarten zu. Auch dazu enthält die Wikipedia einen Eintrag:

Hinsichtlich der Öffnungszeiten [von Kindergärten] kann man grob drei Formen unterscheiden:

  • Teilzeitbetreuung, am Vor- und/oder am Nachmittag
  • Verlängertes Vormittagsangebot, von morgens bis nach dem Mittagessen
  • Ganztagsbetreuung, von morgens bis zum Spätnachmittag. Diese Einrichtungen heißen in Deutschland häufig Kindertagesstätten (kurz Kita), Tagesheime oder Tageskindergarten.

— de.wikipedia.org: Kindergarten

„Diese [Kindergärten] heißen […] häufig Kindertagesstätten.“ Heißen häufig. Also nicht immer. Hat uns das jetzt weitergebracht? Nicht wirklich.

Offen bleibt die Frage: Wo ist unverrückbar festgelegt, das Kindergärten die den ganzen Tag geöffnet haben, Kindertagesstätten heißen müssen? Mir hat das bislang niemand sagen können. Und gefunden habe ich eine solche Quelle auch nicht. Aber noch mal: Ich freue mich über entsprechende Hinweise in den Kommentaren.

#### Der Geburtsort der Kindertagesstätte

Es nutzt nichts, ich versuche mich mal in das Thema hineinzu-fühlen. Nehmen wir das eingangs erwähnte Argument: „…ihre Einrichtung sei den ganzen Tag geöffnet, und daher handele es sich um eine Kindertagesstätte“.

Wisst Ihr, wie ich mir die „Geburt“ der Kindertagesstätte vorstelle? Ich glaube nicht, dass der Begriff in einem Kindergarten von Kindergärtnerinnen kreiert wurde – sondern weitab in einem nach Papierstaub riechenden Büro eines Verwaltungstechnokraten wie unsereins. Als einige Kindergärten dazu übergingen ganztags zu öffnen, suchte er, wie sich das für unsereins gehört, nach einem ordnenden Begriff mit dem er den neuen Aktendeckel beschriften konnte:

„Die Einrichtung [er wird nicht Kinder-Garten gesagt haben, weil sich die Pflanzen in seinem Bürofenster schon seit Jahren in einer Dürrephase befinden] hat den ganzen Tag auf, dann nennen wir sie fortan Kindertagesstätte.“

#### Angestaubt oder sogar verstaubt

Der Begriff Kindertagesstätte ist meines Erachtens eine typisch bürokratisch, ordnende Beschreibung, während der Begriff Kindergarten eine bildhafte Umschreibung ist. Womit ich beim zweiten obenan genannten Argument wäre: „Und im Übrigen würde der Begriff Kindergarten einen verstaubten Eindruck machen.“

Viele Kindergärten geben sich neben ihrer Bezeichnung Pflanzennamen (wie Pusteblume) oder Tiernamen (wie Tausendfüßler). Warum? Ich muss jetzt raten: Weil sich das freundlich, lebensfroh anhört. Und weil das für die Kinder, die beginnen das Leben, die Natur zu entdecken eine Art von Identifikation sein kann. Welche Kinder, welche Kindergärtnerinnen, welche Eltern würden ihren Kindergarten schon gern „Ernst Otto von Ganzwichtig“ nennen?

Soheit so nachvollziehbar. Nun aber frage ich mich: Warum muss es dann ein so knöcherner, unfreundlicher, wenig lebensfroher Begriff wie Kindertagesstätte sein? Was sagen eigentlich die Kinder dazu? Was geht denen leichter über die Lippen: Kindertagesstätte oder Kindergarten?

Doch wir waren bei an- oder sogar verstaubten Begriffen. Frage an die Regie: Was hört sich für Euch verstaubt an: Kindertages–Stätte oder Kinder-Garten? Und: Welche Farbe verbindet Ihr mit dem Begriff Kindertagesstätte und welche Farbe verbindet Ihr mit dem Begriff Kindergarten?

(Hier meine Auflösung der zweiten Frage: Grau für Kindertagesstätte und Grün für Kindergarten. Außerdem: Was ist wohl farbenfroher: eine Stätte oder ein Garten?)

#### Eine fragwürdige Auszeichnung

Mit einem „Argument“ habe ich mich in der hier geführten Debatte noch nicht auseinandergesetzt: die Bezeichnung Kindertagesstätte als Auszeichnung. Konkret hat mir das niemand gesagt, aber bei einigen Gesprächen vermittelten mir meine Gesprächspartnerinnen, es sei eine Ehre für einen Kindergarten, wenn er sich hinfort Kindertagesstätte nennen dürfe. Okay, so etwas kann man als Auszeichnung sehen. Muss man aber nicht. Und es gibt Auszeichnungen, die man besser nicht ausstellt. Dazu zählt für mich die begriffliche „Auszeichnung“ eines Kindergartens als Kindertagesstätte.

#### Erzieherin oder Kindergärtnerin?

Ich finde, dem Begriff Erzieherin haftet ein Beigeschmack von Strenge und Maßregelung an. Daher benutze ich lieber den Titel: Kindergärtnerin. Denn der beinhaltet für mich auch die bessere Umschreibung ihrer Arbeit. Eine Kinder-Gärtnerin begleitet „ihre“ Kinder beim wachsen, lässt sie sich entfalten, beschützt und bestärkt sie wenn es erforderlich ist, und gibt ihnen „Rankhilfen“.

#### Die Publikumsfrage

Stellt Euch vor, Ihr würdet Leiterin oder Leiter eines Kindergartens der Kinder von morgens bis zum Spätnachmittag betreut: Würdet Ihr, wenn Ihr frei entscheiden könntet, den Kindergarten dann Kindertagesstätte nennen?

Ergänzt am 4.2.2014:

Eine Antwort habe ich schon erhalten. Siehe: Ein Garten geht sich präsentieren.

Ich bin gefragt worden: Warum beißt du dich denn an so einem Wort fest? Mich stört es manchmal, wenn Dinge meiner Meinung nach zuwenig hinterfragt werden. Siehe: Lügde, Stadt der Osterräder.

Ergänzt am 12.2.2014:

Am 6.2.2014 schrieb mir eine Kindergartenleiterin:

Wenn wir jetzt richtig Verwirrung hinein bringen wollten, müssten wir, laut Kibiz, nicht von Kindergarten oder Kindertagesstätte sprechen, sondern von Kindertageseinrichtung. Dieser Begriff wird dort benutzt.

Ich habe dunkel in Erinnerung, dass man den Begriff Kindertagesstätte nutzte, wenn in der Einrichtung ein warmes Mittagessen angeboten wurde. Ich denke aber, dass das heute keine Begründung mehr dafür ist.

Kindertagesstätte ist bei uns hier und auch bei den Eltern kein Begriff, der benutzt wird. Unsere Einrichtung ist ein Kindergarten […] das war er immer und das wird er auch bei uns und “unseren” Eltern bleiben. […] Den Eltern ist “Kindergarten” ein Begriff […] er hat Wiedererkennungswert […] Diesen verbinden sie vielleicht auch mit schönen Erinnerungen aus ihrer eigenen Kindheit und haben ein gutes Gefühl dabei, ihre Kinder zu uns zu bringen. Wenngleich ich damit nicht sagen will, dass wir dort stehen geblieben sind, wo wir vielleicht vor 20 Jahren waren. Der Anspruch an Kindergarten und die damit verbundenen Aufgaben sind schon andere geworden.

[…] Ich glaube, der Begriff Kindergarten ist positiv besetzt, da man ihn natürlich mit Wachsen, Begleiten und Führsorge verbindet. […]

Liebe Leserinnen und Leser, ich sammele weiter Argumente. Schreibt mir einen Kommentar oder schickt mir eine E-Mail.