Freundliche Grüße sind passé

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Eine herzförmige
Kartoffel

Ein Herz aus Kartoffel

Vor vielen, vielen Jahren habe ich auch mal eine „Lehre gemacht“. Damals gab es noch ein Unterrichtsfach „Organisation“ in der Berufsschule für angehende Verwaltungsleute. Heute nennt sich das Fach vermutlich „Bases of Administrative-Management“ oder so.

Der Orga-Lehrer, ein junger, hochgewachsener Dandy vermittelt uns etwas, was mich noch heute beschäftigt. Es ging um den Aufbau eines Briefes.

Anreden wie: „Sehr geehrte Frau“ oder „Sehr geehrte Damen und Herren“, sowie Grußformeln wie: „Mit freundlichen Grüßen“ seien was für Weicheier passé. Ein ganz wichtiges Institut wäre dahinter gekommen, dass dieser Schnickschnack eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen sei, verklärter er uns mit erhobenen Zeigefinger.

Alles sei in die Berechnung mit einbezogen worden. »Stellen Sie sich mal ein großes Rathaus vor. Sie ahnen ja gar nicht, wie viele Briefe da täglich geschrieben werden.« Und dann rechnete er uns vor: »Die Anrede und die Grußformel nehmen mindestens zwei Zeilen in Anspruch. Zwei Zeilen mal soundsoviel Briefe, macht soundsoviel Blatt Papier pro Tag! *Pro Tag!*« Seine Stimme begann sich bereits zu überschlagen.

Doch er war noch nicht am Ende seiner Berechnung: »Was für eine Verschwendung an Farbbändern!«, ereiferte er sich. Wie ein aufgedrehter Pfau schritt er durch die Reihen der mit uns Sch*ö*lern bestückten Schülertische, bevor er mit einer theatralischen Geste zur finalen Argumentation ansetzte: »Und jetzt rechnen Sie mal hoch, wie viel Lebenszeit Arbeitszeit solche Höflichkeitsfloskeln kosten!«

Die Zahlen mit denen er uns torpedierte, habe ich nicht mehr im Kopf. Ich befürchte, sie wären auch nicht mehr ganz aktuell. Aber Ihr gewinnt sicherlich eine Ahnung davon, was in den Rathäusern bis dato für das bisschen Freundlichkeit verschwendet wurde.

Ich bin mir nicht sicher, doch ich glaube die Quelle auf die sich unser Orga-Lehrer bezog hieß damals sinnigerweise: Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung. Heute heißt die Stelle: Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement. – Management – natürlich.

Vielleicht sollte ich noch ergänzen, dass dieses Einsparpotential nur bei der Korrespondenz mit anderen Behörden oder Einrichtungen gesehen wurde. Bei Briefen an Bürgerinnen und Bürger müsse man das „leider noch“ anders handhaben, ist uns einschränkend mit auf den Weg gegeben worden. Wobei der agile Lehrer das „leider noch“ zwar nicht gesagt, aber unüberhörbar in seiner Betonung der Aussage hat mitschwingen lassen. Nach dem Motto: „Stellt Euch darauf ein, auch den Firlefanz ersparen wir uns bald.“

Zehn, fünfzehn Jahre später hat dasselbe Institut eine neue Parole rausgegeben: „Die bürgerfreundliche Verwaltung“. Das war die Zeit, in der die Meldeämter in Bürgerbüros umgetauft, und an den Eingängen der Rathäuser die ersten „Wie hat Ihnen Ihr Rathaus gefallen“-Fragebögen ausgelegt wurden.


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