Warum sich Verwaltungen mit Open Data schwer tun

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Voll integriert (21.4.2013, 110)

Fast jeder nutzt heute das Internet – irgendwie. Doch am Ende eines Beitrages auf 3sat über die re:publica 2013 heißt es:

„Das Netz ist längst in der Gesellschaft angekommen, aber verstanden ist es noch nicht.“

[Quelle: 3sat.de, “Zeit zu handeln!” Blogger-Konferenz “re:publica”]“ Warum wird das Netz nicht verstanden? Wenn ich mich nicht irre, war es Gunter Dueck der auf der re:publica sinngemäß gesagt hat: „Hier sind sie viele, aber nicht da draußen“. Was sind die Gründe dafür?

Ich glaube, dass ich weit davon entfernt bin, dass Netz zu verstehen. Dennoch beobachte ich täglich, dass hier

„draußen“ die Uhren anders ticken. Mit einem fiktiven Dialog versuche ich mal zu erklären was ich meine:

»Klasse, worüber es im Internet alles Informationen zu finden gibt.« »Ja, spannend ist auch, wie schnell und wie viel man von manchen Dingen findet.« »Richtig! Aber habt ihr beiden euch denn mal Gedanken darüber gemacht, wer die vielen Infos ins Netz gestellt hat?« »Blöde Frage. Weil irgendwelche Leute das darein gestellt haben.« »Irgendwelche Leute? Was genau meinst du damit?« »Na, das waren nicht nur Experten, sondern auch Leute wie du und ich.« »Und Leute wie du und ich haben Infos ins Netz gestellt, die dich weiter gebracht haben?« »Ja, auch.« »Schön. Und was hast du schon dazu beigetragen, anderen Internetnutzern Infos an die Hand zu geben – zum Beispiel aus deinem Arbeitsbereich?«

Cut. – Ein Thema, das an meiner Arbeitsstelle eine Rolle spielen könnte, ist Open Data. Open Data war auch Thema auf der diesjährigen re:publica:

Ein Transparent-machen öffentlicher Daten scheitere demnach oftmals schon daran, dass Behörden in ihren Abläufen zu festgefahren seien und daher wenig Bereitschaft zeigten, Daten offenzulegen. „Open Data heißt auch, viele alte Zöpfe in der Verwaltung abzuschneiden. Die eigene Bereitschaft dazu ist natürlich nicht sonderlich groß“.

[Quelle: politik-digital.de, Ludwig Lagershausen, „Open Data – „Viel Luft nach oben““]

Verwaltungen denken nicht, sie werden gedacht.

„Die eigene Bereitschaft ist natürlich nicht sonderlich groß.“ Ist das so? Ich halte die Aussage für zu allgemein. Sonst würde ich, ein gewöhnlicher Verwaltungsangestellter einer kleinen Kommunalverwaltung ja nicht diesen Text schreiben. Aber ich kann bestätigen: Verwaltungen sind, was Veränderungen betrifft, oft sehr, sehr träge. Einer von vielen Gründen dafür ist, dass Verwaltungen aufgrund ihrer Stellung in der Struktur des Staates und in der Gesellschaft so konditioniert sind. Als Exekutive sind sie „eingequetscht“ von vielen übergeordneten Behörden, Fachbehörden, Politikern, Bürgern und unzähligen Vorschriften. Aber sie befinden sich in gewisser Weise auch in einer „Monopolstellung“. Darum: Verwaltungen agieren nicht, sie reagieren – sie sind die ausführenden.

Anhand des Beispiels Open Data versuche ich zu erklären, warum meines Erachtens „das Netz noch nicht verstanden ist“, warum wir hier „draußen“ so wenige sind und warum die „Bereitschaft [für Veränderungen noch] nicht sonderlich groß ist“.

Relevanz von Informationen

Ja, ich beobachte oft, dass Menschen mich fragend anschauen: „Wie, ich soll etwas für´s Internet schreiben?“ Sie können sich nicht vorstellen, dass die Informationen mit denen sie täglich arbeiten, für viele Menschen eine Relevanz haben könnten. Für wen sollte das denn interessant sein?, fragen sie sich. Das Internet wird zwar als Informationsquelle wahrgenommen, aber nicht als Werkzeug. Zum Beispiel in dem Daten die man selbst verwaltet mit Daten die andere verwalten zusammengeführt werden, um daraus neue Antworten zu extrahieren.

Zusätzliche Arbeit nervt jeden

Wenn etwas Neues mit zusätzlicher Arbeit verbunden ist, dann entsteht eine natürliche Abwehrhaltung. Vor allem, wenn nicht verstanden wird, welchen Sinn die zusätzliche Arbeit haben soll: Jetzt muss ich auch noch zusätzlich für das Internet arbeiten. Unvermittelt wird aus dem Internet ein befremdliches Ding – eine Technik die Arbeit macht. Es wird nicht verstanden, dass das Internet die Daten nur weitergeben soll – an Bürgerinnen und Bürger, die sonst ins Rathaus wandern müssten und sich die Infos mühselig von Abteilung zu Abteilung, von Büro zu Büro zusammenbetteln müssten. Es werden zu wenig Erfahrungen gemacht, dass dieses Internet auch Arbeit erleichtern kann. Denn wer auf seine Frage im Internet eine zufriedenstellende Info erhalten hat, fragt nicht noch mal persönlich nach.

Das Internet ist eine Aufgabe für den Webmaster.

„Für das Internet bin ich nicht zuständig. Das macht der Webmaster“ – oder die Internet-Redakteurin oder die Pressesprecherin. Das nahezu jede Arbeit in der Verwaltung für das Internet – also für die eigene Website als Informationsquelle für Bürgerinnen und Bürger – von Bedeutung sein kann, ist selbst in den Führungsetagen einiger Verwaltungen noch nicht angekommen: „Internet? Klar, das haben wir auch. Das macht bei uns der Herr X in Zimmer 21.“

Und was ist mit dem Datenschutz?

Und dann ist da dieser Datenschutz: „Wie? darf ich das jetzt so raushauen?“ Es ist in der Tat nicht immer leicht zu erkennen, ob diese oder jene Infos dem Datenschutz unterliegen oder nicht. Aber:

„Bei Open Data geht es mitnichten darum, persönliche Daten offenzulegen! Vielmehr geht es ganz explizit um Daten, die den Staat und sein Handeln beschreiben und dadurch von gesellschaftlichem Nutzen sind.“

[Quelle: politik-digital.de, Zitat: Lorenz Matzat in „Open Data – „Viel Luft nach oben““]

Das gibt das Programm nicht her.

„Ja, die Daten haben wir. Aber die sind hier in dieser Software, mit der wie sie erfassen. Die bekomme ich nicht so gefiltert – das gibt das Programm nicht her.“ Auch die Softwarehersteller haben nach meinen Beobachtungen das Thema Open Daten oft nicht berücksichtigt. Daten werden erfasst, von Rechenzentren in alle Richtungen gescheucht und auch gefiltert – aber „offen, frei verfügbar“ können sie nicht bereitgestellt werden.

Wie müssen denn offene Daten aussehen?

Ist ein auf der Website veröffentlichter Haushaltsplan als PDF Open Data? Ich denke, ein guter Ansatz ist das allemal. Aber wer daraus Daten herausgreifen will um sie mit anderen Daten für bestimmte Auswertungen zu kombinieren, hat sicherlich zu tun. Er muss zunächst verstehen, wie ein Haushaltplan aufgebaut ist, was er aussagen will – und dann muss er sich die benötigten Infos noch mit einem ziemlichen Zeitaufwand daraus klauben. Die große Frage bleibt auch für mich: Welche Dateiformate werden für Open Data überhaupt gebraucht: txt, csv…?

Fachchinesisch

Bleiben wir beim Stichwort Haushaltsplan. Auch wenn Insider das anders sehen: Für den Normalsterblichen ist ein Haushaltsplan ein fast chaotisches Zahlen- und Nummernsammelsurium. Insider kommen mitunter gar nicht auf die Idee, dass so ein Zahlensalat schwer verdauliche Kost ist. Auch für mich, der ich für Außenstehende eigentlich als Insider gelten müsste, ist der Haushaltsplan ein gutes Beispiel für teils sinnlos anmutendes Zahlen-Jonglieren. Meines Erachtens ist ein Zahlensalat wie der Haushaltsplan nur schwer mit Begriffen wie Transparenz und Open Data in Verbindung zu bringen. – Das soll heißen: Es fällt Experten oftmals schwer, ihr Wissen, ihre Informationen, ihre Daten für jedermann „bekömmlich“ zu servieren. Und nicht zuletzt bedeutet das einen zusätzlichen Arbeitsaufwand.

Statistiken ohne Ende

„Mensch, wir müssen so viele Statistiken zum Beispiel für die Statistische Ämter ausfüllen. Jetzt sollen wir auch diese Daten aufbereiten? Können sich die Leute die Daten nicht beim Statistischen Landesamt raussuchen?“ Das sind berechtigte Fragen. Tatsächlich werden Verwaltungen mit Abfragen für statistische Erhebungen geradezu erschlagen. Es gibt hierzulande ein undurchschaubares Dickicht an statischen Erhebungen, die aber allesamt – oft aus verständlichen, eben datenschutzrechtlichen Gründen – nicht miteinander vernetzt sind. Hier müsste meines Erachtens dringend aufgeforstet werden. Und wer weiß, wenn Open Data gut installiert wird, kann Open Data eine gute Alternative zur bisherigen Daten-Sammelwut einiger Behörden sein.

Nur wo Consulting dran steht, ist gute Beratung drin.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass gute Ideen, eine gute Beratung bei vielen Verantwortlichen erst ankommen, wenn sie dafür bezahlen müssen, wenn der Berater Anzug und Krawatte trägt, wenn man dazu an teuren Schulungen teilnehmen muss, wenn die Beratungsfirma mit bedeutungsschwangeren Namen daherkommt. Das Vertrauen in das Können der eigenen Leute ist oftmals so gering, dass man lieber ein Mal mehr teure Gutachten auf Hochglanzbroschüren erstellen lässt. Das ist in Verwaltungen keinesfalls anders. Daher kann Open Data eigentlich nur „von oben“ oder aber mit „Krawatte gepaart mit reichlich Eau de Cologne“ daherkommen.

Fazit

Die oben aufgeführten Gründe anhand des Beispiels Open Data in den Verwaltungen sind sicherlich nicht vollständig. Und es sind lediglich meine Erfahrungen und Beobachtungen, die ich als Sachverarbeiter in einer kleinen Verwaltung gemacht habe. Insofern ist das verallgemeinernde Wort „Verwaltung*en*“ in der Überschrift nicht korrekt.

Einige der genannten Gründe sind rein menschlicher Natur und beziehen sich nicht nur auf das Thema Open Data, sondern allgemein auf dieses konische Dingen namens Internet. Aber ich denke, es wird aus dem Text deutlich, warum sich Veränderungen in Verwaltungen nur schwer umsetzen lassen. Auch ich glaube, Open Data nicht richtig verstanden zu haben. Doch ich glaube an die Idee, an das Ziel.

„Open Data heißt auch, viele alte Zöpfe in der Verwaltung abzuschneiden.“ – Das ist, wie oben geschildert, sicherlich richtig. Doch ich denke, ich habe auch aufzeigen können, dass die „Open Data Bewegung“ noch einiges verständlicher, nachvollziehbar erklären muss.

“Wenn es Veränderungen gibt, ist es klug, Teil der Veränderung zu sein.”

Quelle: indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer, „re:publica 2013: Bunt und schön“ – Den Satz soll Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der re:publica gesagt haben.