Von Lichtgestalten

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Ein Katzenkater

Billy das Model (25.12.2012, 50)

Wenn in Texten eine Lichtgestalt ihren Auftritt hat, dann ist in aller Regel der Zenit eines Spannungsbogens nahe. Den Klassiker für eine solche Textpassage kennt Ihr alle. Das ist die im Buch der Bücher: „Da erschien ihm [also Joseph] ein Engel des Herrn und sprach…“ Ich kürze das mal ab: „Fürchte dich nicht Joseph, Maria ist schwanger – und zwar vom heiligen Geist.“

So was soll es auch heutzutage noch geben. Nur die Engel nicht. Die sind aus. Heute tun sich andere Lichtgestalten hervor. Frau kennt das: „Boah ey! Was für eine Erscheinung!“ Mann würde das freilich nie laut sagen, weil er üblicherweise keine Götter neben sich duldet – was irgendwie genetisch bedingt ist.

Jedenfalls ändert sich alles, wenn so eine Lichtgestalt aufgetaucht ist. Meistens für den Mann – meistens nicht zum Guten. Bevor Ihr Eurer Phantasie freien Lauf gewährt: So eine Erscheinung muss nicht unbedingt strahlen, schlank sein und noch dazu gut riechen. Sie muss auch überhaupt nicht groß sein. Es reicht das Ausmaß einer Katze.

Für mich ist das jedes Mal ein Phänomen: Mann steht da, lässt den Frust der Frau in verbaler Form auf sich abgewittern, und wie aus dem Nichts erscheint am unteren Bildrand die Katze. „Da ist er ja. Mein Katerchen. Jaaa, komm zu Mama. Na mein Süsser, hast du mich schon vermisst? Ja, ja, du bist ganz ein lieber.“ Und Mann fragt sich: „Hä?!“

Klang ihre Stimme eben noch wie die einer Furie, vernimmt Mann jetzt nur noch ein liebevolles Säuseln – allerdings nicht mehr an unsereins adressiert. Innerhalb von einer Sekunde wirst du vom Blitzableiter zum nichtsnutzigen Requisit degradiert. Glaubt es mir, das ist kein Einzelfall, das ist typisch. Katzen sind Lichtgestalten – für Frauen.

Das sollte Mann mal wagen – für eine Katze den Klang der Stimme zu ändern. Neulich habe ich das gebracht. Nicht in Formvollendung, aber ähnlich: Das Hausreh befand sich mal wieder in einer längeren Entscheidungsphase – es ging um die Wahl einer geeigneten Körperisolierung. Zwischendurch wurde ich dazu um Rat gefragt: »…oder muss ich was wärmeres anziehen?«, schallte es aus dem Schlafzimmer. Natürlich waren meine Antworten grundfalsch (Mann kennt das ja).

Zur Überbrückung dieser Zwangspause widmete ich mich ihrem Katzen-Kater: »Na Billy? Alles klar? Warum fragt sie eigentlich nicht dich was sie tragen soll?« Der Kater schnurrte nur und schlich mir um die Beine. Wobei er immer mal wieder verstohlen in Richtung Schlafzimmer schaute, so als müsse er auf der Hut sein, dabei von ihr ertappt zu werden: Bloß nicht Frauchen eifersüchtig machen.

Irgendwann hatte die Angst bei ihm wohl überhand genommen. Also schlunzte er sich auf Distanz zu mir und legte sich danieder, um anschließend (vermutlich für sie) sein Fell in Form zu lecken. »Oh Billy. Oh Billy. Oh Billy, Billy bo«, kommentierte ich gedankenverloren, fast flüsternd die Szene. Unvermittelt rauschte das Hausreh an mir vorbei, vermutlich um den Spiegel im Badezimmer zu befragen. »Du redest, als seist du schwul«, brummte sie mich dabei an. Und ich sah noch, wie sich ihre Gesichtszüge schlagartig aufhellten, als ihre Augen den kämmenden Kater erfassten.

Es ist halt nicht das gleiche, wer den Klang seiner Stimme in Gegenwart einer „Lichtgestalt“ ändert.

PS: Darf´s noch etwas mehr sein? Bitteschön: „Katzen-Flausch am Montag“.