Sind Fahrradfahrer im Straßenverkehr gleichberechtigt?

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 5 Minuten

„Radfahren ist eine gleichberechtigte Teilnahme am Straßenverkehr.“ Diese Aussage ist nicht von mir. Sie ist aus einer Mitteilung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. „Sicher unterwegs mit dem Fahrrad“, mit der ich mich bereits vorgestern kurz auseinandergesetzt habe. Heute also die angekündigte Fortsetzung.

Sind Fahrradfahrer im Straßenverkehr gleichberechtigt?

Ich denke gerade an einen mehrere hundert Meter langen Straßenabschnitt ganz in der Nähe. Die Straße führt dort in einer S-Form-Kombination an einem kleinen Berg entlang. Dadurch bedingt ist sie unübersichtlich. Wohl weil die Straße auch noch sehr schmal ist, gibt es dort eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 70 Stundenkilometer.

Der Straßenabschnitt wird mitunter auch von Fahrradfahrern genutzt. Ich muss gestehen, dass mich das als Autofahrer meistens ärgert, weil es „ganz in der Nähe“ einen Fahrradweg gibt. Und ich muss gestehen, dass ich den Straßenabschnitt auch als Fahrradfahrer schon häufiger genutzt habe – obwohl es den Fahrradweg gibt.

Als Autofahrer ärgere ich mich, dass mich die Fahrradfahrer zwingen hinter ihnen herzufahren, weil ich sie wegen der unübersichtlichen Straßenführung kaum überholen kann. Als Fahrradfahrer ärgere ich mich über den Radweg.

Denn der Radweg führt in einem großen Bogen um den Straßenabschnitt herum. Ein großer Teil des Weges ist kein klassischer Fahrradweg, sondern ein Wirtschaftsweg, der auch von Landwirten mit ihren großen Fahrzeugen genutzt wird. Außerdem muss ich bei der Benutzung des Weges mehrere Höhenmeter überwinden. Kurz: Wenn ich den Radweg nutze, mache ich einen Umweg.

Für Rennradfahrer ist dieses Stück Fahrradweg auch kein Vergnügen. Meine Rennradfahren-Phase liegt zwar schon etliche Jahre zurück, aber ich glaube dennoch behaupten zu können: Das Gros der hiesigen Radwege kommt den Rennradfahrern nicht entgegen. Daher kann ich gut nachvollziehen, dass Rennradfahrer oder Fahrradfahrer die schnell von A nach B kommen wollen, die Radwege nicht immer benutzen. – Als Autofahrer aber nervt mich das. – Und als Fahrradfahrer nervt es mich, wenn Autofahrer sehr dicht an mir vorbeifahren.

Vielleicht befinden sich andere Verkehrsteilnehmer in dem gleichen Konflikt. Je nachdem wie sie sich im Straßenverkehr bewegen, ob als Fußgänger, Fahrrad-, Motorrad-, Auto- oder LKW-Fahrer, gehen ihnen die anderen Verkehrsteilnehmer gern mal auf den Keks.

Gleichwohl: Bis Anfang des Jahres war ich der Überzeugung, Fahrradwege werden gebaut, um den Fahrradfahrern ein sicheres Vorankommen zu gewährleisten. Daher sollten möglichst viele Radwege geschaffen werden. Dann las ich im Blog von Andreas seinen Artikel „Der radfahrende Rüpel“ und versah ihn mit einem Kommentar, woraufhin ich von Andreas und einem weiteren Kommentator eine Meinung zu lesen bekam – die mir zu denken gab. Andreas antwortete mir:

[…] und genau darum sind die Radwege wie wir sie in aller Regel haben, eben kein Sicherheitsgewinn, sondern das exakte Gegenteil. […] Genauso ist es mit “sporteln”. Zeig mir mal einen straßenbegleitenden, benutzungspflichtigen Radweg in Ostwestfalen, den ich entspannt mit mehr als 30 Km/h befahren kann. Gibt keinen? Ja, denke ich auch.[…]

Ein anderer Kommentator schrieb:

[…] Bessere Radwege wünsche ich mir auch bisweilen. Allein — es gibt sie nicht! Ausnahmslos alles, was mir seit dreissig Jahren in D als Radweg untergekommen ist, ist schlecht und gefährlich. Solange es nicht wirklich gut umgesetzt wird, bin ich massiv gegen neue Radwege. Was wirklich sinnvoll wäre, wird einfach nicht gemacht. Ja, auf der Fahrbahn kommt man fast immer schneller und sicherer voran! […] Die “Straße” ist für alle da, wenn der Rdweg “separat” zur “Straße” verläuft, ist er nicht benutzungspflichtig. Falls Du einen separat von der Fahrbahn gemeinten Radweg meinst: Das sind ja genau die Konstruktionen, die ein schnelles und sicheres Vorankommen nicht erlauben. Völlig untauglich für ein Rennrad und meist auch für zügiges Vorankommen mit einem “normalen” Fahrrad. Mit welcher Berechtigung wird man auf solche Wege verbannt? Die StVO erlaubt nur einen Grund: zu hohe Gefährdung auf der Fahrbahn. Dieser Grund ist obsolet, wenn der Radweg genauso gefährlich ist. […]

[…] Und nein, auch als Autofahrer kann ich den “Frust” nicht nachvollziehen. Es hat etwas mit unverzerrter Wahrnehmung der Verhältnisse zu tun: Da fährt ein langsamerer Verkehrsteilnehmer. Gut, ist genug Platz zum Überholen. Nicht? Warum nicht?, Ach, weil ich so breit bin und einen Beifahrerplatz neben mir umher fahre, deswegen. Muss ich eben warten, bis auch dafür genug Platz ist. […] Das Problem ist doch die Unentspanntheit vieler Autofahrer, während von mir aber unbedingte Entspanntheit erwartet wird, wenn man mir als langsamerem Verkehrsteilnehmer zusätzlich und unnötig Hindernisse bereitet (Radwegparken, Radwege überhaupt, …) […]

Die vollständigen Kommentare könnt Ihr unter dem Artikel „Der radfahrende Rüpel“ nachlesen. Andreas & Co setzen sich darin auch mit meiner Frage: „Was sagt Du zu einem Senior, der, weil er ängstlich ist, fast mitten auf der Fahrbahn radelt?“ auseinander. Doch zurück zur Ausgangsfrage:

Sind Fahrradfahrer im Straßenverkehr wirklich gleichberechtigt?

Ich denke Fahrradfahrer sind im Straßenverkehr nicht gleichberechtigt. Ein einfacher Grund ist: „Das Recht“ des Stärkeren, des motorisierten Verkehrsteilnehmers. Als Fahrradfahrer habe ich Respekt, mitunter sogar etwas Angst, wenn ein riesiger LKW wenige Zentimeter an mir entlangfährt und ich mich frage: Hat er mich auf dem Schirm, wenn er gleich rechts abbiegt? – Außerdem glaube ich zu wissen, wie Autofahrer ticken. Ich bin selbst einer.

Und wenn ich es mal ganz losgelöst betrachte, kann ich die Argumentation der Kommentatoren (siehe oben) nachvollziehen. Mit einem Radweg entlang einer Straße werden Verkehrsteilnehmer klassifiziert. Du bist Fahrradfahrer? Dann darfst du nicht auf die Straße, dann musst du den schmalen Weg da nehmen! Ist der Fahrradfahrer dann gleichberechtigt?

Spätestens an der Stelle frage ich mich: Dienen Radwege wirklich der Sicherheit von Fahrradfahrern, oder sind sie nicht viel mehr der Durchsetzung anderer Interessengruppen geschuldet, wie die der Fahrzeugbauindustrie? – Und sind es nicht wir, die Autofahrer, die sich mit dem unreflektiertem Argument der Sicherheit, vor den Karren der Fahrzeugbauindustrie spannen lassen?

Aber die Autobauer sind ein eminent wichtiger Wirtschaftsfaktor, werden mir vielleicht einige entgegenhalten. Richtig, aber müssen wir deswegen die Fahrradfahrer aus dem Straßenverkehr verbannen? Oder sollten wir uns nicht doch mal überlegen, wie wir mehr Gleichberechtigung im Straßenverkehr ermöglichen.

Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer ist meines Erachtens nicht so sehr durch ein Wust neuer Verkehrsregeln und den Bau von besonders ausgetüftelten Straßen zu erreichen. – Auch um diese Gleichberechtigung zu erreichen, braucht es einer entsprechenden Haltung aller Verkehrsteilnehmer. Ich muss diese Gleichberechtigung wollen, und mich dafür – zum Beispiel als Autofahrer – zurücknehmen.