Lasst die Kinder unsere Stadt für uns entdecken

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Eine beleuchtete Kirche bei Nacht, darüber ein
Mond. Kirche Sankt Kilian in Lügde (27.5.2012, 0007)

Bleiben wir noch kurz beim Kirchturmdenken mit dieser Definition:

Denk´ doch mal nach, was es im Radius eures Kirchturms [eurer Stadt] an tollen Dingen zu sehen und zu entdecken gibt. Und denk doch mal nach, was euch an eurer Stadt lieb und teuer ist.

Das ist doch auch eine Frage von Standpunkten und Perspektiven, dachte ich mir. In dem Artikel schrieb ich:

Oft muss erst ein Außenstehender kommen und uns mit der Nase auf die Schönheit eines Blickwinkels stoßen. Und schwupps, hält jeder die Kamera darauf.

Woran liegt das? Vielleicht daran, dass wir mehr nachmachen, kopieren als selbst zu entdecken.

Ein Beispiel: Ich hätte gern gewusst, wer mit Kaffeetassen als Fotomotiv angefangen hat. An alle Freunde des gepflegten Fotografierens da draußen: Hoch die Hände, wer von Euch hat schon mal Kaffeetassen fotografiert? Na, ist Euch die Idee dazu selbst gekommen oder habt ihr vorher schöne Kaffeetassenfotos gesehen?

Ein weiteres Beispiel: Die Kilianskirche in Lügde ist ein beliebtes Fotomotiv. Gerne würde ich mal eine Statistik sehen, woraus hervorgeht, wie häufig sie von den jeweiligen Seiten fotografiert wurde, woher der Fotograf der einzelnen Fotos kommt, ob er die Örtlichkeit kannte oder ob sie ihm neu war, warum er diese Seite favorisiert und nicht eine andere und so weiter. Wenn ich das richtig verfolgt habe, ist die südliche Seite der Kirche für die meisten Fotografen die Schokoladenseite. Warum?

Apropos Kilianskirche: „SiebenAchtVier war Karl der Große hier“, das hat vermutlich jeder, der hier in Lügde zur Grundschule gegangen ist, gelernt… Und dass Karl der Große bei der Gelegenheit hier das Weihnachtsfest gefeiert hat. Und dass er an dem Ort eine kleine Kirche errichten ließ, mutmaßlich den Vorgängerbau der heutigen Kirche Sankt Kilian.

Was haben wir daraus gelernt? Die Kilianskirche ist unglaublich alt und wichtig. Natürlich haben wir die Kirche dann auch fotografiert als wir Jahre später die erste Kamera in den Händen hielten – meistens mit den Perspektiven, die wir auf den Fotos in den Chroniken gesehen haben.

Mit diesen Beispielen wollte ich verdeutlichen, wie sehr unsere Blickwinkel – auch bei der Wahl von Fotomotiven – beeinflusst, vorgeprägt sind. Deswegen finden Menschen, die eine Stadt ganz neu erkunden, viel häufiger Perspektiven die wir so noch nicht schätzen gelernt haben.

Gut, jetzt könnte man Leute aus dem tiefen Süden und dem hohen Norden einladen und sagen: Entdeckt für uns mal unsere Stadt. Was macht unsere Stadt aus?

Oder aber wir bitten die Schüler aus unserer Stadt: Habt ihr eine Kamera? Fotografiert doch mal die schönsten Ecken von Lügde. – Warum die Kinder? Weil ich glaube, dass sie noch nicht so fixiert sind auf bestimmte Motive, wie sie in vielen Büchern, Flyern und so weiter zu sehen sind.