Ihre Leber sollten wir aber doch mal genauer untersuchen

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 4 Minuten

Hier nun die Fortsetzung meines ersten „Arztromans“. Im vorhergehenden Kapitel haben wir uns immerhin bis zum Blutdruck vorgearbeitet: 120 zu… Gewonnen!

»Jetzt messe ich noch den Puls«, die Arzthelferin hielt mein Handgelenk. Sie zählte sehr lange. Vergeblich versuchte ich den Grund aus ihrem Gesichtsausdruck abzulesen. Ist mein Puls so langsam? Oder kann man daraus mehr herauslesen? Ich dachte an die Spionage-Affäre und war geneigt, den Arm wegzuziehen. »Auch in Ordnung«, sagte die Arztassistentin nach einer Weile und notierte einiges in die Kladde. Leider hat sie die Kladde mitgenommen, als sie das Behandlungszimmer verließ. Ärgerlich. Ich hätte daraus bestimmt noch ein paar Anregungen für meine „Einkaufsliste“ erlesen können.

»Der Doktor kommt gleich«, hatte sie im Rausgehen behauptet. Aber wie das mit dem Wörtchen „gleich“ so ist: gleich in einer halben Stunde oder gleich morgen? Nun, was soll ich sagen – es dauerte. Ich studierte die Plakate an den Wänden, auf denen die menschlichen Innereien in vielen mir bisher unbekannten Details vorgestellt wurden. Ich fragte mich, welche Rückschlüsse die „Freunde“ aus den Überwachungs- und Spionageabteilungen daraus wohl ziehen würden.

Dabei erinnerte ich mich an einige Mitleidende im Wartezimmer, die dort auf ihren Smartphone herumwischten. Wie sicher sind eigentlich die in den Arztpraxen erfassten Daten?, grübelte ich. Denn das durch ein Smartphone erzeugte Bewegungsprofil, kombiniert mit den hier erfassten Erkrankungen des betreffenden Patienten, ist für die ehemaligen Kollegen von Edward Snowden bestimmt ein feines Leckerli.

Jäh wurde ich aus diesem Gedanken gerissen. Der Doc stürzte in den Raum. Er begrüßte mich fast überschwänglich. Heiland, hat der gute Laune. »Wie geht es ihnen?«, wollte er von mir wissen. Das ist eine Fangfrage, ganz klar! Sage ich ihm, dass es mir gut geht, was bis auf die Wehwehchen die mir just nicht einfallen wollten, der Wahrheit entspricht, oder stelle ich die Wehwehchen in den Vordergrund? Wenn du in der heutigen Zeit die falsche Antwort gibst, bist du ratzfatz verdächtig.

Dem Doc dauerte meine Ausarbeitung der Antwort auf seine Frage zu lange. Er schaute auf die beiden jüngsten Einträge seiner Assistentin in der von ihm wieder mitgebrachten Patienten-Kladde. Nach einem gedehnten »Okay« meinte er: »Daraus ist nichts verdächtiges zu ersehen.« Ich wusste es! Und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich den Bundesinnenminister vor mir sitzen zu sehen.

Dann kam die Frage, vor die mir so graute. Die Frage nach den Einträgen auf meinem „Einkaufszettel“. Ich fühlte mich wie bei einer mündlichen Prüfung. Heute Früh wusste ich noch alles, konnte noch all meine Wehwehchen aufzählen, aber seit meinem Aufenthalt im Wartezimmer ist alles wie ausradiert. Ich versuchte Zeit zum Nachdenken zu gewinnen: »Naja, in meinem Alter haben auch Indianer mal Schmerzen.« Dem Doc war anzusehen, dass er mit der Erklärung nicht viel anfangen konnte. Logisch, der Guteste kennt ja nicht meine eherne Regel aus Kindertagen.

Doch dann nahm der Doc meinen Hinweis auf die beinharten, schmerzbefreiten Männer von heute zum Anlass, mir etwas über typische Erkrankungen von Männern in meinem Alter zu erzählen. Ausführlich schilderte er mir, welche Folgen es hat, wenn diese nicht rechtzeitig erkannt werden. Mir wurde schlecht. So kann man Menschen auch zu einem Geständnis bringen, ging es mir durch den Kopf. Doch nun hatte ich einen Punkt, den ich ihm nennen konnte. Der Damm war gebrochen:

»Mir ist in jüngster Zeit so oft übel«, berichtete ich ihm. Wenn mir auch nicht mehr einfallen wollte was ich mir auf meinem „Einkaufszettel“ geschrieben hatte, aber die vielen Punkte die bei mir Übelkeit verursachen, die ratterten nur so aus mir heraus – angefangen von den Abhörskandalen und den gruseligen Reaktionen der politisch Verantwortlichen, bis hin zur großen Koalition, die ja weiß Gott auch nicht „alternativlos“ ist.

Der Doc nickte verständnisvoll. Besorgt schien er jedoch nicht zu sein. »Das bekommen wir schon wieder hin. Ich verschreibe ihnen was gegen ihr Unwohlsein. Ist was pflanzliches.« Dann gab er mir die Hand, wünschte mir gute Besserung und war auch schon wieder raus. Ich kann ihn verstehen. Dennoch erinnerte mich das wieder an die politischen Entscheidungsträger. Behandelt werden meistens nur Symptome, den Ursachen wird nicht nachgegangen.

Nachdenklich verließ ich die Praxis und machte mich auf den Heimweg. Aus einem Hauseingang kam ein älterer, mir gänzlich unbekannter Herr mit einem Hund. Er winkte und kam auf mich zu. »Wir gehen jetzt erstmal einkaufen«, begrüßte er mich, schaute dabei aber die Promenadenmischung an. »Zu Fuß!«, betonte er und fokussierte mein Gesicht. Das sei gesund. Ich bejahte das. Woraufhin er begann, mir von seinen Erkrankungen zu erzählen. Obgleich irritiert, hörte ich ihm höflich zu.

Irgendwann hat er wohl die vielen Fragezeichen in meinem Gesicht entdeckt: »Ach sie sind ja gar nicht der Doktor! Entschuldigen sie bitte.« Ich stammelte etwas wie: »Kein Problem.« »Nun komm, wir gehen jetzt«, meinte er zum Hund. »Machen sie es gut!«, rief er mir noch über seine Schulter zu.

»Ja, gute Besserung!«, rief ich ihm hinterher, und: »Ihre Leber sollten wir aber doch mal genauer untersuchen!« – Hatte ich tatsächlich „wir“ gesagt? Unglaublich.