Ihr könnt ja auch nix dafür

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Eine metallene Säule stützt einen metallenen
Träger Eine metallene Säule stützt einen metallenen Träger (25.9.2013, 0019)

Sonntag, 22. September 2013, Bundestagswahl. Herrje, was ist über diese Wahl schon geschrieben worden. Uns, die wir uns acht Stunden dieses denkwürdigen Tages im Wahllokal als „Parkplatzeinweiser der Demokratie“ um die Ohren gehauen haben, hat sich kaum jemand gewidmet. Dabei ist der Job des Wahlhelfers extrem wichtig:

Die Mitglieder des Wahlvorstandes üben ihre Tätig ehrenamtlich aus. Sie ist verantwortungsvoll und muss gewissenhaft wahrgenommen werden […] Diese ehrenamtliche Tätigkeit kann nur aus wichtigem Grund abgelehnt werden.

…heißt es in dem kleinen Bedienungshandbuch, dass mir vom hiesige Wahloberst vorab ausgehändigt wurde.

Ein bisschen hat mich unsere Tätigkeit an diese Szene aus dem Film Das Leben des Brian erinnert: »Zur Kreuzigung?« »Ja.« »Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur ein Kreuz. – Der nächste bitte.« Wobei wir aber sagen mussten: »Jeder nur zwei Kreuze.« Was wir aber meistens nicht taten. Denn die Leute wussten Bescheid.

Und wie sie Bescheid wussten: »Es ist vollbracht«, meinte einer, nachdem er sich seiner Kreuze entledigt hatte. Abends wusste ich es, der Mann ist ein Hellseher. Ich hätte mir seine Visitenkarte geben lassen sollen.

Die meisten Wähler_innen wurden nach ihrem „Kreuzgang“ redseliger. Das ist ganz normal. Manchmal ist es eben schwer eine Entscheidung zu treffen. Vor allem, wenn man auf einem rund einen Meter langen Stimmzettel gefühlte Drölf Millionen Kreuz-Alternativen hat. Aber wenn man sich erstmal entschieden hat, dann fühlt man sich auch gleich um fünf Kilogramm leichter. Die Problem-Fokussierung ist weg, der Kopf ist wieder frei und Frau wie Mann wird wieder gesprächiger.

Für ein Gesprächs-Warm-up bietet sich das Wetter immer an: „Bei dem Regen bleiben die Leute lieber zu Haus im Warmen. Da werden bestimmt nicht viele zur Wahl kommen – stimmts?“ Bei anderer Wetterlage, doch mit gleicher Schlussfolgerung: „Ach, bei dem Sonnenschein kommen sicher nicht viele zum wählen. Die sind doch alle auf Achse – nicht wahr?“ Doch ein Wahlhelfer muss bei der Beantwortung von Fragen vorsichtig sein, denn:

Die Mitglieder des Wahlvorstandes sind kraft Gesetztes zur unparteiischen Wahrnehmung ihres Amtes […] verpflichtet.

…ist in dem Wahlhelfer-Guide nachzulesen. Das Wahllokal unserer Kohorte befand sich in dem verbliebenen Gebäudeteil der ehemaligen Grundschule von Elbrinxen. Das diese Schule jüngst von „Rom“ zu einer ehemaligen „umgewidmet“ wurde, hat vielen Elbrinxern nicht unbedingt zugesagt, woraufhin sich der Ort ein kleinwenig zum gallischen Dorf von Lügde formiert hat. Und so nahmen sich viele der gallischen „Kreuz-Ritter“ nach getaner Tat die Zeit, uns ihre kommunalpolitischen Entscheidungen (wenn sie sie denn treffen könnten) zu unterbreiten.

»Aber uns fragt ja keiner«, lautete meistens das Fazit. Die Frage: »Was wird denn nun aus diesem Gebäudeteil?«, ist uns so oft gestellt worden, dass mir ein-, zweimal rausgerutscht ist: »Wenn wir das wüssten, hätten wir die Antwort schon mit großen Buchstaben auf die Klassentafel hinter uns geritzt.«

Überhaupt waren bundespolitische Themen bei „unseren“ Wähler_innen kaum angesagt. Daraus hätte man vielleicht schon auf das Wahlergebnis schließen können: „Da oben sitzt Mutti, die wird das schon richten. Lass die mal weitermachen.“

Also weiter mit Lokalpolitik: Ich habe gelernt, Schulkinder unangeschnallt in Bussen zu transportieren, geht gar nicht. Allein mit dem dazu Gehörten wäre ich nun imstande, einen großen Kuchen mit Argumenten zu backen und diesen mit einem ordentlichen Sorgen-Guss zu überziehen – allerdings ohne hernach eine Lösung anbieten zu können.

Selbstredend wurde auch über das geplante Pumpspeicherwerk auf dem Mörth ausgiebig diskutiert. Denn das ehemalige Grundschulgebäude in Elbrinxen – in dem wir am Wahlsonntag residierten – steht quasi auf den Füßen vom Mörth (wir berichteten neulich schon). Aus den Gesprächen habe ich viele interessante Informationen mitnehmen können. Aber eine echte Quelle, bei der man diese Dinge noch mal schwarz auf weiß nachlesen kann, gibt es leider immer noch nicht.

Apropos „residieren“: Wie wir vom Wahlvorstand im Wahllokal so saßen, hatte etwas von einem Tribunal. Links von mir saß die Schriftführerin, rechts von mir der Mann mit der Urne und in der Mitte, an einem ausgedienten Lehrerpult saß ich, und lenkte freundlich und gestenreich die Wähler_innen durch die Location. Daher übrigens der obige Vergleich mit dem Parkplatz-Einweiser. Doch wie ein Tribun fühlte ich mich in keiner Weise – eher wie ein Priester im offenen Beichtstuhl.

Wenn man mal die Unmengen an Floskeln herausfiltert, gibt es als Wahlhelfer in einem Wahllokal doch reichlich zu lernen. Schön fand ich die Absolution, die uns viele Vortragende am Ende ihrer Worte aussprachen: »Aber ihr könnt ja auch nix dafür. Ihr müsst hier nur sitzen.«

PS: Vielleicht fragen sich einige ortskundige Leser_innen: Was macht der Kernstädter in einem Wahllokal der Lügder Südstadt Ebrinxen? Die Frage habe ich mir auch gestellt, als man mich kurzfristig dorthin abgeordnet hat. Also konfrontierte ich einen guten Freund aus Elbrinxen mit der Angelegenheit: »Ihr habt euch so aufgeregt, als eure Schule geschlossen wurde. Aber wenn ihr schon nichtmal mehr genügend Wahlhelfer aus eurem Ort zusammenbekommt, dann muss es Elbrinxen doch wirklich dreckig gehen.« »Waaaas?! Du solltest dich geehrt fühlen, im Golddorf Elbrinxen Dienst zu leisten!«, brüllte er mich an. Sind sie nicht goldig, diese Elbrinxer?