Hofberichterstattungen

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 3 Minuten

Doppelt-digitales-Tintenfass und Einfach-digitaler-Füllfederhalter (4.1.2013, 29)

Zweimal schon hatte ich die Ehre, von einem Königshofstaat zu berichten. Der jüngste Bericht trägt den Titel: Fotografieren: Lokalredakteure bei der Arbeit beobachtet. Was hat so eine Überschrift mit Hofberichterstattung zu tun?

Unlängst sprach mich jemand vom Fach auf den Artikel an. Mit einem Grinsen im Gesicht fragte er mich, ob ich seine Zunft verunglimpfen wolle. Er erläuterte mir, dass zu solchen Veranstaltungen von den Zeitungen oft „Schreibsklaven“, also keine Redakteure geschickt würden. Über derartige Veranstaltungen zu berichten sei, wie ich es in meinem Artikel auch durchblicken lassen habe, ein undankbarer Job. Während der Mann vom Fach erzählte, musste ich unwillkürlich an meine Erfahrungen als Protokollführer in den Ausschüssen des Stadt-Rates denken – und verstand was er meinte.

Und was die Fotos anbelangt, erklärte er mir weiter, könne man das nicht viel anders handhaben. »Stell dir mal vor, du würdest von der Königin ein absolut tolles Porträtfoto aus der Deckung schießen. Und vielleicht noch einen guten Schnappschuss von einer anderen Szene. Was meinst du würde passieren, wenn das die Bilder sind, die am nächsten Tag in der Zeitung abgedruckt sind?« Mir wurde klar, worauf er hinaus wollte: Wenn sich nicht der komplette Hofstaat mit Bild und Namen im Zeitungsartikel wiederfindet, dann hagelt es Kritik: „So ein blöder Reporter! Das ist eine [PIEP!] Zeitung. Die kannste vergessen!“

Für mich heißt das: Um des lieben Friedens willen, um keine Leser_innen zu vergraulen, berichten Lokalzeitung bei solchen Anlässen halt so, wie es die Kunden von ihnen erwarten. Dagegen ist nichts einzuwenden. Allerdings: Die Funktion der Vierten Gewalt stelle ich mir anders vor:

Neben Exekutive, Legislative und Justiz gibt es danach die Medien, die zwar keine eigene Gewalt zur Änderung der Politik oder zur Ahndung von Machtmissbrauch besitzen, aber durch korrekte Berichterstattung und öffentliche Diskussion das politische Geschehen beeinflussen können.

[Quelle: de.wikipedia.org] Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen? Es geht hier doch „nur“ um die Berichterstattungen von Lokalzeitungen über den Winterball eines Schützenvereins. Ja, sicher. Aber wenn die Berichterstatter einer Lokalzeitung sich schon bei der Wahl eines Foto-Motivs solchen Beschränkungen unterwerfen, dann ist das für mich schon bemerkenswert.

In seinem Artikel: „Ein spannender Tag für den Lokaljournalismus“ schreibt Thomas Knüwer:

Die meisten Lokalzeitungen betreiben Leser- und Honoratiorenbeschmusung, für Recherchen bleibt wenig Zeit, Termin- und Verlautbarungsjournalismus dominiert die papierenen Seiten. Martin Balle, der Verleger des “Straubinger Tagblatts” formulierte dies im vergangenen November so: “Wir wissen viel mehr, als wir schreiben.” Und: “Wir müssen ja auch dafür sorgen, dass die Menschen friedlich miteinander leben.” Journalismus als Doping für’s Gruppenkuscheln – so stellt der Leser sich das wohl eher weniger vor.

Wie jetzt: „So stellt der Leser sich das wohl eher weniger vor“? Doch, so stellt er sich das vor! Das habe ich doch eben beschrieben. Leser_innen wollen von ihrer Lokalzeitung beschmust werden.

Hofberichterstattung oder Verlautbarungsjournalismus: [ist] die distanzlos-unkritische Veröffentlichung von Informationen im Interesse von Politikern, Parteien oder Institutionen

…ist in der de.wikipedia.org unter der Kapitelüberschrift „Arten von Medien-Manipulation“ zu lesen. Okay, okay, Politikern und Parteien muss man schon auf die Finger schauen. Aber darum geht es hier nicht. Hier geht es um den Winterball eines Vereins – harmlos, unerheblich. Also: Text schreiben, Fotos machen, drucken und fröhlich bleiben. Thomas Knüwer schreibt allerdings:

Inhaltlich ist ein Bedarf an recherchiertem und kritischem Lokaljournalismus absehbar vorhanden.

Nee, nicht wenn es um einen Winterball, einen Heimatabend, ein Reitturnier oder sonst irgendeine Veranstaltung eines Vereins geht! Dann macht man keine Porträtfotos! Dann schießt man ein, zwei Fotos auf denen möglichst alle zu sehen sind und erwähnt in dem Text möglichst jedes Vereinsmitglied.