Fotografieren: Lokalredakteure bei der Arbeit beobachtet.

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Eine Schnecke mit
Schneckenhaus

„Darf ich dich fotografieren?« »Um Himmels Willen, nein! Ich sehe auf Fotos immer [PIEP!] aus.“ Na, liebe Leserinnen, aufzeigen, wer von Euch hat schon mal so geantwortet? Aha, wusste ich´s doch! Ein Klassiker ist auch diese Antwort: „Nein! Das hättest du mir vorher sagen müssen. Dann hätte ich mir heute Morgen die Haare gemacht und mir etwas besseres angezogen.“ Und aus diesen Gründen gibt es hier kaum ein Foto vom schönen Geschlecht.

Aukaie, es gibt auch noch andere Gründe, warum das so ist, zum Beispiel das Recht am eigenen Bild. Doch ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich mir die Fotos in den lokalen Zeitungen so anschaue, die in ihren Online-Ausgaben gern auch mal mit Fotostrecken agieren. Diese hier, habe ich mir aus gesundheitlichen Gründen nicht näher angesehen, zumal ich als Hofschranze selbst über das Ereignis berichtet habe.

Liebe Leserinnen, was haben die Fotografen die solche Fotos von Euch schießen dürfen, was ich nicht habe? Bitte, sagt es mir – schreibt mir E-Mail´s oder Kommentare. Ich bin todunglücklich!

Vergangenen Samstag lief im Lügder Schützenhaus die Fortsetzung vom Winterball: Der Winterball 2013. Wieder war ich vor Ort. Diesmal jedoch nicht als hofschranzender Vasall, sondern als verdeckter Beobachter in Zivil. Nicht nur die amtierende Königin nebst König und Hofstaat hielten in feierlicher Prozession Einzug, selbst die Vertreter der Presse taten es ihnen gleich. Dabei ging sogar ein ehrfurchtsvolles Raunen durch die Menge: „Ah, oh, die Presse!“ Wer wird hier eigentlich mehr hofiert, der Hofstaat oder die Pressevertreter?, eine Frage, die ich mir jedes Mal stelle, wenn ich bei solchen Anlässen die Presse-Vertreter, besonders die fotografierenden, beobachte.

Es ist wirklich bemerkenswert zu sehen, was sich die eigentlichen Hauptakteure alles gefallen lassen, wenn die fotografierenden Pressevertreter zu Werke gehen. Rigoros dürfen diese Zeremonien durchkreuzen und mit ihrer Präsenz unbestraft Formationen der Feierlichkeit berauben. Aber nicht nur das: Mit dem brüllendem Befehlston eines altgedienten Adjutanten und mit ausladenden Armbewegungen betätigen sie sich allzu gern auch als Choreograf – das alles, damit ihnen das, was sie zuvor zerstört haben, für ihre Fotos gelingt: Ein harmonisches Bild.

Ich glaube jeder hat mal einen Aufruf von Pressevertretern wie diesen vernommen: »Die Geehrten alle mal hierher fürs Pressefoto!« Ich finde diese gestellten Gruppenfotos derart langweilig, dass ich sie schon wieder lustig finde: Ah, wen haben wir denn heute wieder zu Kegeln gruppiert?

Zwischenfrage: Warum lassen die so Fotografierten das widerspruchslos über sich ergehen? Ist es wirklich nicht möglich, Fotos von den Protagonisten zu schießen, ohne dabei so einen Wirbel zu machen?

Amüsant zu beobachten sind auch Ausstellungseröffnungen, öffentliche Vorträge, Einweihungen und so weiter. Zum Beispiel wenn die fotografierenden Presse-Leute den Künstler anweisen mit erklärender Mine auf eines seiner Exponate zu zeigen. Damit das nicht gestellt wirkt, müssen die Künstler auch noch irgendwas daher brabbeln wie:

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[Quelle: loremipsum.de] Bei öffentlichen Vorträgen ist es ähnlich, hier werden die Referierenden halt angehalten zu tun als ob. Der Mögleinkeiten sind viel, doch letztendlich sind auch diese Fotos Coverversionen.

Wo ich gerade Einweihungen und Eröffnungen angesprochen habe: Müssen es eigentlich immer dieselben, prominenten Leute sein, die dabei in Szene gesetzt werden? Warum schneiden eigentlich immer hohe Behördenvertreter und Politiker das rot-weiße Absperrband durch? Warum haben immer die die Spaten beim offiziellen Beginn eines Bauprojektes in der Hand und tun so, als könnten sie damit tagelang arbeiten.

Ich würde die Honoratioren nach Körpergröße in einer Reihe aufstellen lassen und mit dem bewaffenen, womit sie sich am wenigsten verletzen können: mit Kugelschreibern. Naja, das nicht, aber: Warum dürfen bei solchen Anlässen nicht mal die das Flatterband durchschneiden, für die das zu erstellende Objekt ist: Zum Beispiel Schüler, wenn es sich um den Baubeginn für einen Schulanbau handelt? Oder wie wäre es mit Steuerzahlern bei der Eröffnung einer Straße?

Gerade kommen mir ein paar Bilder in den Kopf, die mich schmunzeln lassen: Einige von diesen permanent präsenten V.I.P. sind offensichtlich weit entfernt von solchen Bedenken, wie ich sie im ersten Absatz skizziert habe. Für sie wirken Kameras vermutlich wie ultrastarke Magnete, so oft wie es sie vor die Linse zieht. Ganz gleich wie häufig sie abgelichtet und gedruckt werden, sie werden dessen nicht überdrüssig – im Gegenteil, sie scheinen das zu brauchen.

Doch wenden wir uns wieder dem Wirken der Fotografen zu. Fotografieren erinnert manchmal auch an Kampfsport. Dieser Gedanke ist mir erstmals gekommen, als ich fotografierenden Pressevertreter bei der Arbeit beobachtete: Wenn sie sich beispielsweise der Länge nach bäuchlings über Tische werfen oder sich auf dreckigen Fußböden wälzen, um eine nicht klassische Perspektive auf ein Foto zu bannen, und wenn sie dann Sekunden später wie eine Spiralfeder in die Höhe schnellen, damit sie eilends noch einen weiteren, untypischen „Treffer“ landen können.

Die fotografierenden Vertreter der Lokalpresse haben es auch nicht einfach. Ihr braucht dabei nur mal an die Jahreshauptversammlung von Vereinen denken, die in dieser Jahreszeit zu Milliarden über die Bühne gehen. Für mich sind Jahreshauptversammlungen selbst als Vereinsmitglied ein Graus. Und was müssen die Presseleute denken, wenn sie sich durch diese zähen, immer gleichen Abläufe solcher Versammlungen quälen. Der neue Vorstand wurde gewählt, Mitglieder geehrt und jezze bitteschön mit diesen noch ein Foto.

Und wen interessieren solche Zeitungsberichte mit Fotos? Zu 99 Prozent doch wohl nur die Mitglieder des betreffenden Vereins. Machen solche Berichterstattungen Sinn? Okay, ein bisschen Platz ist bedruckt, einige, wenige Leser zufrieden gestellt und… – mehr Gründe fallen mir gerade nicht ein. Spass am Fotografieren bekommt man dabei sicher nicht.

Neulich, das heißt kurz nach dem Winterball, war in einer Zeitung ein Foto mit einem geradezu innovativen Motiv abgedruckt. Zu sehen waren darauf viele junge Mädels die ihre Kompaktkameras und Smartphones in eine Richtung hielten und offenbar begeistert ein bestimmte Szene fotografierten. Bei den Mädchen handelte es sich um die mitgereiste Fangemeinde der jüngeren Hofdamen des diesjährigen Hofstaates. Was sie in dem Moment fotografierten lässt sich schnell erraten: Nämlich den Moment, in dem „ihre“ Hoheiten erstmalig offiziell präsentiert wurden. Und der piffige Lokalredakteur hat justement seine Kamera in genau die andere Richtung gehalten.

Wobei: So originell ist die Idee nicht. Ich habe das hier und da auch schon praktiziert. Allerdings habe ich keine jungen Frauen beim Fotografieren aufgenommen, sondern die Vertreter von lokalen Zeitungen. Doch im Unterschied zu den Mädels mögen die das in aller Regel überhaupt nicht. Einmal bin ich sogar richtig derb angegangen worden. Danach hatte ich natürlich die totale Angst vor dem Leut und vor dem Fotografieren im Allgemeinen. – Selbstverständlich nicht. Aber ich respektiere den Wunsch, wenn Mitmenschen nicht fotografiert werden wollen. Außerdem bin ich im Laufe der Zeit sensibler im Umgang mit Fotos geworden, auf denen Menschen zu sehen sind.

Als ich mit dem Schreiben dieses Artikels begann, dachte ich daran, ein Aufmacherfoto auf dem ein „wichtiger“ Vertreter der „fotogenen“ Lokalprominenz zu sehen ist obenan zu stellen. Doch dann entschied ich mich dafür, den kleinen Mann von der Straße die Aufmerksamkeit meiner Leser_innen zukommen zu lassen. Wie Ihr seht, es geht auch anders.

PS: An dieser Stelle noch mal der Lese-Tipp: die Website rechtambild.de.