Fahrradfahren ist für einige #Neuland

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Ein Fahrrad steht auf dem
Seitenständer Mein Fahrrad in Monaco (5.6.1997)

Prolog

Ein Fahrrad, kurz Rad, […] ist ein zumeist zweirädriges (einspuriges) Landfahrzeug, das mit Muskelkraft durch das Treten von Pedalen angetrieben wird.

[Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Fahrrad]

Der Ausdruck Fahrradfahren – auch Radfahren – bezeichnet die Fortbewegung auf einem Fahrrad. […] Ohne Eingriffe durch den Fahrer würde ein Rad innerhalb kürzester Zeit umfallen. […]

[Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Fahrradfahren]

Hinweis: Die Hervorhebungen in den Zitaten erfolgten durch den Verfasser dieses Artikels.

Monaco 1997

Es war schon später Nachmittag, als wir in Monaco ankamen. Bis dahin kannte ich den Stadtstaat nur von einigen Nachrichtenmeldungen. Der Eindruck den das Fürstentum in den ersten Momenten meines Aufenthaltes dort in mir prägte, hat sich bis heute nicht geändert: faszinierend und gleichzeitig preziös, befremdlich.

Ich spürte, wir passten nicht in das Bild dieser Stadt. Zwei Fahrradfahrer in Freizeitzivil von der Stange mitten in dieser glanzvollen Kulisse. Wir fuhren zum Hafen und schauten uns die riesigen, glänzenden Yachten an. Jedes der Schiffe sah so aus, als sei es just vom Stapel gelassen worden.

Am Heck eines der luxuriösen Yachten hatte sich jemand auf einer Art Schaukel heruntergelassen, um das lackierte Holz in winzig kleinen, kreiselnden Bewegungen zu polieren – so, als würde er ein kristallenes Cognacglas zum Strahlen bringen wollen. Tatsächlich sah er nicht wie ein Seemann, sondern eher wie der Barmann in einem Fünf-Sterne-Superior-Hotel aus.

In einem kleinen Lokal ganz in der Nähe des Hafens wagten wir Lasagne zu bestellen. Meine Sorge, der Preis dafür würde uns die Reisekasse gänzlich leeren, stellte sich als unbegründet heraus. Von dem Blick den wir aus dem Restaurant hatten, habe ich bestimmt schon an die hundertmal berichtet:

Im Hintergrund einige große Luxusjachten vor Anker, die Hafenkante mit Flaniermeile, davor eine Straße mit einem Parkstreifen für PKWs, und entlang der Seite des Lokals ein großzügig angelegter Gehweg. Auf dem Parkstreifen standen Fahrzeuge, für deren Bereifung ich vermutlich schon drei Jahresgehälter auf den Tisch legen müsste. Einer der PKW-Parkplätze allerdings wurde nicht von einer Edelkarosse geehrt. Dort parkten zwei Fahrräder – Dietmars und meines.

Ich kann nicht genau erklären, warum sich dieser Anblick in mir so festgebrannt hat. Es gibt allerdings etwas entlarvendes: Immer wenn ich an das Bild denke, geht das mit einem infantilem Grinsen und innerlichen Händereiben einher. Wobei ich ergänzen sollte, dass sich dort niemand an unseren Fahrrädern gestört hat. Doch das sollte sich ändern.

Mit unseren Fahrrädern machten wir uns auf den Weg, die Stadt weiter zu erkunden. Je länger wir uns in Monaco aufhielten, desto märchenhafter, aber auch unwirklicher wurde mir der Ort. Die Straßen waren beinahe menschenleer. Es schien so, als hätte sich der „König“ zu Bett begeben und vorher angeordnet, dass es ihm seine Untertanen gleich tun.

Wie von einem Magnet angezogen befanden wir uns irgendwann auf dem Schlossplatz. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir ihn gezielt angesteuert hätten. Der Fürstenpalast bot einen beeindruckender Anblick, der dadurch verstärkt wurde, dass ich im ersten Moment außer uns keinen einzigen Menschen sah.

Geradezu andächtig lehnten wir unsere Fahrräder an das etwas über einem Meter hohe Mauerfundament einer Terrasse. Plötzlich hörten wir eine Frauenstimme so lautstark wettern, dass davon mit Sicherheit die Hoheiten im Palast auf der anderen Seite des Platzes aus dem Bett gefallen sind. Es dauerte ein Weilchen, bis wir den Grund für den Ärger der Dame in Erfahrung bringen konnten.

Die Dame hatte ein Souvenirgeschäft, wovor sich die besagte Terrasse befand. Sie befürchtete, dass unsere Fahrräder die Sicht ihrer Kunden auf den Palast behindern würden. Auch wenn wir ihren Wunsch die Fahrräder an einem anderem Ort abzustellen folgten – es war eine bizarre Situation. Auf der Terrasse stehend konnte man nur noch die Lenker der Fahrräder sehen. Dafür musste man aber nach unten schauen. Den Blick auf den Palast hätten die Lenker nur gestört, wenn man sich das Grimaldi–Domizil auf der Terrasse bäuchlings liegend anschauen wollte. Und obendrein war weit und breit – außer uns – kein potenzieller Kunde zu sehen.

Es dämmerte bereits, als wir uns auf den Rückzug machten. Wären da die vielen Illuminationen nicht gewesen, die fast leer gefegten Straßenzüge hätten unheimlich gewirkt. So aber erwachte der spielerische Erkundungstrieb in mir, den ich mit dem Fahrrad ausleben wolle. Und ich radelte durch die leergefegten Straßen als gehörten sie mir. Unvermittelt bohrte sich ein schriller Pfiff in mein Ohr. Als ich die Quelle des Geräusches erfasste, verlor mein Herz kurz den Rhythmus. Ein Polizist winkte mich zu sich.

Höflich begrüßte er mich auf Englisch. Er fragte mich nach meinem Herkunftsland. Nachdem ich ihm wahrheitsgemäß geantwortet hatte, erklärte er mir auf Deutsch: »Auch in ihrem Land kennzeichnet ein solches Schild eine Einbahnstraße«, wobei er auf ein mir nicht unbekanntes Verkehrsschild zeigte. »Sie haben gerade die Straße in falscher Richtung befahren«, ergänzte er.

An das weitere Gespräch mit dem Ordnungshüter kann ich mich kaum noch erinnern. Nur dass er sehr distinguiert war, mich ermahnt hat künftig die Verkehrsregeln zu beachten, und mich ohne Strafe zahlen zu müssen fahren ließ. Während der ganzen Zeit habe ich außer uns niemanden die Straße entlang gehen oder fahren gesehen.

Der Polizist und ich müssen ein sehr kontrastreiches Bild abgegeben haben. Er mit soldatischer ausgerichteter Körperhaltung in einer perfekt sitzenden Uniform und ich in Freizeitbekleidung, mit vom Fahrtwind verwuseltem, schulterlangem Haar und wie meistens unrasiert. Noch heute zolle ich dem Gesetzeshüter großen Respekt für seine unglaublich kultivierte Form der Zurechtweisung.

Mit etwas mulmigen Gefühl setzte ich die außergewöhnliche Fahrradtour fort. Dietmar hatte korrekterweise eine Parallelstraße für seine Erkundungsfahrt gewählt und wartete an der nächsten Straßenkreuzung auf mich.

Es war später Abend, als wir uns die Spielbank Monte Carlo anschauten. Schien Monaco mir bis dahin fast wie ausgestorben, zeigte dieser Ort ein ganz anderes Gesicht. Hier pulsierte das Leben. Dietmar hatte sich mit seiner Digitalkamera auf den Weg gemacht um möglichst viele der glamourösen Eindrücke einzufangen, derweil ich mich in einer der wenigen nicht vom künstlichem Licht erfassten Winkel positionierte, um die dortigen Geschehnisse ungefiltert auf mich wirken zu lassen.

Edelkarosse um Edelkarosse fuhren vor und gebaren Menschen. Und doch hatte ich mir das Treiben dort anders vorgestellt. Ich hatte angenommen, dass ich vor der Spielbank eine Menge affektierter Menschen zu sehen bekomme. Aber das war kein Showlaufen. Viele wirkten, als wollten sie mal eben im Lebensmitteldiscounter einkaufen gehen. Vielleicht ist das für diese Menschen auch nichts anderes. Oder sie fühlen sich dort unter ihresgleichen…

Ich dagegen fühlte mich wie jemand, der bei einer scharfen Rechtskurve aus der Zeitmaschine in eine andere Welt gefallen ist. In meiner Erinnerung sind wir die einzigen Menschen, die in dem Land mit dem Fahrrad unterwegs waren.

Epilog

[Lena Klussmann:] Fahrradfahrer schaffen sich oft ihre eigenen Verkehrsregeln. Wie kann man dem entgegenwirken?

[Angela Merkel:] Ja, es ist so: Die Straßenverkehrsordnung gilt auch für Fahrradfahrer.[…]

[Quelle: www.bundeskanzlerin.de]