Ein ka(r)minrotes Kleid

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Farngrün

»Na, wie findest du das Kleid?« Meine Schwester drehte sich um die eigene Achse und fummelte dabei mit dem Händen im Stoff vom Rockteil. Letzteres vermutlich, um damit den Wind zu simulieren, der, wenn er mit einem Stück freihängenden Stoff zu spielen beginnt, so ein Kleid natürlich viel schöner macht.

»Was jetzt?«, insistierte sie, »Findest du es nicht gut?« »Wie kommst du darauf, ich habe doch noch nichts gesagt«, empörte ich mich kühn. »Eben! Darum! Wenn Männer nichts sagen heißt das, es gefällt ihnen nicht.« Wie gut, dass ihr uns Männers so gut kennt. Das habe ich natürlich nicht gesagt – aus gesundheitlichen Gründen, Ihr versteht?

»Also – also ich finde es gut. Echt.« Warum auch immer, dieser Entspannungsversuch ist mir gelungen. Sie schien vorerst zufrieden. Und ich habe es sogar so gemeint wie gesprochen. Denn das Kleid ist nicht übel. Wirklich nicht. Ein Kleid halt. Eines für besondere Anlässe.

»Wirklich…?«, hakte sie dann doch noch mal nach. Ich: »Ja doch! Ist gut!« Ich kam mir schon vor wie ein Wackeldackel am Heckfenster von einem Opel-Kadett A. Denn zur Bekräftigung meiner Meinung war ich zu einem permanentem Nicken übergangen. Wobei ich mir schon Sorgen machte, es damit zu übertreiben.

Zumal schon eine alte Poker-Regel sagt: Eine falsche oder zu heftige Gestik und du bist raus. Aber wem erzähle ich das? Ihr kennt solche Situationen und solche Dialoge zu genüge. Es ist ein Kreuz mit ihnen. Eine noch so liebevoll gemeinte Meinungsäußerung kann, besonders in solchen Situationen bei Frau blitzartig zu einem Wetterumschwung führen – allein schon, wenn der Gutesten die Betonung nicht passt. Doch weiter im Text:

Meine Schwester zog glücklich davon und ich war froh, diesem Krisenherd konfliktfrei entkommen zu sein. Am nächsten Tag erwähnte ich – wenn auch in einem Nebensatz – dennoch dummerweise – die neue Hautbedeckung meiner Schwester gegenüber meiner Kollegin. Augenblicklich potenzierte sich ihre Aufmerksamkeit. Ihre Augen wurden größer, das Gesicht entspannter und offener: »Erzähl! Wie sieht es aus?« Jetzt war ich es, der mit den Händen im maginären Rockstoff nestelte, so als würde ich damit alles erklären können. »Wie jetzt?« Meine Kollegin vermochte meinen Schilderungen offensichtlich nicht zu folgen.

»Na, es ist halt ein Kleid. So hier mit Stoff«, noch immer wedelte ich mit Armen und Händen in Kniehöhe. Ich bin halt beweglich. Die Kollegin war zum bersten „interessiert“ und ich konnte ihr schlicht nicht vermitteln wonach ihr dürstete. Wieder so ein Minenfeld, aus dem Mann, also ich auf jeden Fall, sich am liebsten sofort in den Biergarten beamen würde. »Dünner Stoff«, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, »Ein Hauch von nichts.« Meine Kollegin legte ihre Stirn in tiefen Falten des Zweifels.

»Dann sag mir wenigstens, welche Farbe das Kleid hat!?«, ihre Stimme überschlug sich fast. »Rot. Ich glaube es ist rot«, ganz sicher war ich mir aber nicht. »Was?! Du glaubst es sei rot?« »Also grau ist es nicht!«, konterte ich mit schwindendem Mut. Das mit dem Grau war mir just in den Sinn gekommen. Ihre Tochter habe ihr zu einem grauen Kleid geraten, sie aber wolle Farbe bekennen – so was in der Art hatte Schwesterherz bei ihrer Präsentation noch erwähnt.

»Also das Kleid ist rot.« »Jupp.« »Was für ein Rot!?« Jetzt war mir klar: Sie will den Sieg. Doch ich gab nicht auf: »Naja, nicht ganz so rot.« »Wie bitte?!« Ihr ahnt es. Solche Antworten sind für Frauen die totale Provokation. Eilig schritt ich zu zwei verschiedene Plakaten, die auf einem Nebentisch darbten und ihr erhängen herbeisehnten. »Etwas roter als dieses, aber nicht ganz so rot wie das.« Mit meinem Zeigefinger hüpfte ich von einem Plakat zum anderen und zielte dabei jeweils auf eine rote Fläche. »Also ka®minrot!«, meine Kollegin war sich einig. Wieder machte ich beflissentlich den Wackeldackel und nickte meine Kopfbehaarung schwindlig.

Meine Kollegin sah mich an und begann auch den Kopf zu schütteln, aber horizontal: »Sonst ist er so detailverliebt, aber wenn er ein Kleid beschreiben soll, versagt er auf ganzer Linie.« Sie meinte mich, aber eine direkte Ansprache wäre zu diesem Zeitpunkt wohl zuviel Frieden gewesen. Aber Mann kennt das ja. Soll sie sich doch an der vermeintlichen Lufthoheit sonnen und laben, dachte ich. Die Hauptsache ist, dass ich auch diese Gefahrensituation ohne Blessuren umschiffen konnte.

Warum nur nötigen wir von unseren Mitmenschen ständig Meinungen ab, obwohl wir schon vorher wissen wie konfliktbeladen so etwas sein kann? Kleidern gilt nicht soo mein Interesse. Ich bevorzuge andere Nischenthemen, zum Beispiel Pflanzen. „Du, ich habe zirka 20 verschiedene Farne im Garten. Total schön! Soll ich sie dir mal zeigen?“ Was glaubt Ihr, wie 99,9 Prozent der Antworten ungefähr lauten? Hier die diplomatische Version: „Später vielleicht.“ – Sind Farne weniger wichtig als Ballkleider?

Apropos Ballkleider: Das bringt mich noch mal zurück zum unbestimmten Rechtsbegriff „besondere Anlässe“. Warum sind Ballkleider für viele Frauen von so großem Interesse? Weil solche „besonderen Anlässe“ für sie die einzige Möglichkeit bieten, sich ohne scheu einmal in eine Prinzessin verwandeln zu können. Eine interessante These, finde ich. Sie ist übrigens von einer Frau.

Update 23.6.2013: Uhi-jui-jui, was für ein Malheur! Da habe ich doch beim Schreiben bewiesen, dass ich von Farben wirklich keine Ahnung habe. In den Kommentaren weist Andreas zu Recht darauf hin, dass die Farbe Karminrot „mit dem Kamin nicht so viel zu tun“ hat. – Wohingegen Bordeauxrot sehr wohl etwas mit dem französischen Wein zu tun hat. Darum ist mir Bordeauxrot auch viel sympathischer.