Christiane und ich

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Dass ich schon als kleiner Steppke nicht der Norm entsprach wurde mir klar, als ich von der Obrigkeit der Grundschule zum Sonderturnen verdonnert wurde. Zum Sonderturnen mussten nur die Ausnahme-Erscheinungen. Für die Schulleitung waren das offensichtlich Kinder, die zu groß, zu klein, zu dick oder zu dünn waren. Die genauen Kriterien habe ich aber nie in Erfahrung bringen können.

Ich war, da beißt die Maus keinen Faden ab, klein und schmächtig. Für mich war das kein Problem. Für die Schule aber schon. Also Sonderturnen. Dort traf ich Christiane wieder. Christiane aus der Parallelklasse. Sie war einen Kopf größer als ich und ziemlich umfangreich. Viele meine Mitschüler haben sie deshalb gehänselt. Aber ich fand sie lieb. Und ich glaube, sie mochte mich auch. Vielleicht habe ich bei ihr schon die frühen Mutterinstinkte geweckt: Ach, komm her mein Mäuschen…

Da standen sie nun in der Turnhalle zwischen ungefähr 30 anderen Auserwählten: die Elefantendame Christiane und Volker das Mäuschen. Doch Sonderturn-Unterricht unterschied sich nicht großartig vom „normalen“ Turnunterricht. Nur die Sonderturnlehrerin war viel netter.

Zum Turn-Unterricht (Sport hatte noch keiner erfunden) gehörten Klassiker wie Völkerball, Brennball und Schubkarre. Wer beim Völkerball nicht in der Gruppe von Christiane spielte, befand sich in großer Gefahr. Ich würde mich daran nicht so gut erinnern, wenn es mich nicht mehrmals erwischt hätte. Ein von Christiane geworfener Ball war wie eine Kanonenkugel. Davon getroffen zu werden war mindestens schmerzhaft. Mich haben ihre Treffer sogar jedes mal aus dem Feld geschleudert.

Schnell hatte ich raus: Christianes Mutterinstinkt bedeutete nicht bedingungsloser Welpenschutz. Sie wollte mich auf die Härten des Lebens vorbereiten. Das sie dabei nie zimperlich war, bekam ich beim Schubkarren-Rennen immer wieder zu spüren.

Kurz zur Bedienungsanleitung vom Schubkarren-Spiel: Beim Schubkarre-Spiel greift sich ein Kind die Unterschenkel des anderen, auf dem Bauch liegenden Kindes und hebt sie an. Das nun nur noch auf dem Oberkörper liegende Kind drückt sich mit den Armen nach oben, und beginnt damit zu laufen, während das andere Kind von hinten leicht schiebt (ich hätte Turnlehrer werden sollen).

Zurück zum Sonderturnen. Der Auftrag bei diesem Rennen war immer gleich: Einmal mit der Schubkarre längs durch die Halle, Rollentausch, und dann zurück zum Ausgangspunkt. Christiane und ich standen also – nein, Christiane hatte sich schon auf den Bauch gelegt, an der Startlinie. Ich schaute mir rechts und links die anderen „Streitwagen“ an und mir war Angst und Bange.

Christiane zischte nur: »Los, fass zu!« Wie immer leicht zitternd griff ich mir ihre Fesseln, die starken, und stemmte ihre Beine hoch. Kinderarbeit ist verboten!, würde ich heute denken. Was ich damals dachte ist mir entfallen. Dann der Startpfiff. Christiane ruderte los. Sie war (wie immer) fest entschlossen mit mir zu gewinnen.

Mein Part als Schubkarrenschieber war eine riesige Herausforderung. Irgendwie musste ich Schmachthaken Christianes kräftigen Beine oben halten, musste aber gleichzeitig darauf achten, nicht von ihnen getroffen zu werden. Denn die Tragarme meiner Schubkarre machten Schwimmbewegungen wie ein gewaltiger Frosch. Dank Christiane waren wir die ersten an der Wendelinie.

Rollentausch: Ich glaube, hätte ich mich an der Wendelinie nicht sofort selbst auf den Bauch geschmissen, Christiane hätte mich ohne zu zögern umgeworfen. Doch ich hatte nie Angst vor ihr. Im Gegenteil. Ich sah es gern, wenn sie sich über ihre Erziehungserfolge freute und mich dabei aufmunternd anlächelte. Sie packte also meine Beine und schob mich im Akkordmodus durch die Halle, so als sei ich ein Wischmop.

Meine Arme, die ja eigentlich das Schubkarrenrad spielen sollten, konnten mit der von der Wagenlenkerin vorgegebenen Schubkraft nicht mithalten und klappten nach hinten. Dadurch wurde die Schubkarre vorderlastig. Aber Christiane schob Schubkarren auch ohne Vorderrad. Meine Nase bot nur kurz Widerstand. Derweil sie versuchte in meinen Mund auszuweichen wischte ich mit meiner Unterlippe, die sich auf links gedreht hatte, den Hallenboden.

Christiane und ich haben das Schubkarren-Rennen immer gewonnen.

Nach der Grundschule habe ich Christiane nie wiedergesehen. Leider. Gerne würde ich sie fragen, wie sie es damals empfunden hat so ausgesondert zu werden. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Aber wenn ich an das gemeinsame Turnen mit Christiane und den andern „Unnormalen“ denke, muss ich grinsen. Wir waren ein chaotischer Haufen. Und Christiane und ich ein unschlagbares Team.