120 zu… Gewonnen!

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Immer wieder hatte es mir mein Vater eingebläut: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ Das liegt zwar schon einige Jahrzehnte zurück, dennoch habe ich mich stets daran gehalten. Aber offensichtlich nicht schweigsam genug. Denn eine Frage ist mir jüngst verdächtig oft gestellt worden: „Und, warst du damit schon zum Arzt?“

Wenn ich so überlege – ich war tatsächlich schon länger nicht mehr beim Doc. Zwischenzeitlich hatte sich eine ganze Liste mit Wehwehchen angesammelt. Es lag also nahe, mit dieser „Einkaufsliste“ mal meinen Hausarzt zu konfrontieren. Und da ich gerade urlaube, nutzte ich die Gelegenheit und stiefelte zur Arztpraxis.

»Was haben sie denn?«, fragte mich die Dame an dem Empfangstresen. Verstohlen schaute ich mich um. In dem Raum warteten noch ein paar andere darauf, mit der Gutesten zu sprechen. Ich hasse diese Situationen. »Ähm ja, dies und das. Die Liste ist lang«, flüsterte ich ihr konspirativ über den Tresen zu. Wenngleich es ihr an Aussagekraft fehlt, meine Antwort entsprach der Wahrheit. Die Arzthelferin befand das wohl ebenso und bohrte nicht nach. Vielleicht habe ich aber auch nur leidend genug ausgesehen.

»Warten Sie bitte im Wartezimmer. Es könnte aber ein bisschen dauern«, entließ sie mich. Derweil ich dort den einzig freien Sitzplatz enterte, gingen mir Wortspiele durch den Kopf: Warten im Wartezimmer – was denn auch sonst? Oder: Was haben sie denn?, als Alternative zu: Was fehlt ihnen denn? Kopfschmerzen kann ich haben, aber wenn sie fehlen, gehe ich doch nicht zum Arzt – oder?

Da saß ich nun im Wartezimmer, dem vollen: Sitzplätze für 15 Personen und acht Zeitschriften. Naja, wenn du lange genug hier sitzt, bekommst du auch mal eine zu lesen, errechnete ich kühn. Doch die Wartezeit vertickte und ich spürte, wie mein Lesehunger ins Unermessliche stieg. In dieser Verzweiflung hätte ich ein Hustenbonbon für ein Telefonbuch gegeben, nur um zum Zeitvertreib die Telefonnummern von fremden Leuten aufaddieren zu können.

Der Wartesaal wurde nicht leerer. Mitleidende wurden aufgerufen, damit Neuzugänge deren Sitzplatz einnehmen konnten. Übrigens, so ein randvoller Wartesaal ist ein sehr Erfolg versprechendes Heizungskonzept für diese Jahreszeit. Leider war es mir nicht möglich, mich in das Konzept zu vertiefen. Denn justamente wurde ein Lesender aufgerufen und warf im Hinausgehen die Lektüre auf den Tisch. Von der Sucht getrieben stürzte ich mich der Länge nach über den Tisch um mir das Heft zu greifen. Eine ältere Dame war schneller. In dieser Position, liegend auf dem Wartezimmertisch, konnte ich erkennen, was mir da an Lese-Stoff entgangen war: Bild der Frau, oder Frau im Spiegel, oder Spiegel-Bild mit Frau… – irgendwas in der Preisklasse.

Über eine Stunde war vergangen und aus der Lesesucht wurde Erschöpfung. Ich fiel in eine Art Trancezustand. Allmählich begann ich mit dem Wartezimmermobiliar zu verschmelzen. Menschen kamen herein, einige davon lasen, und alle gingen sie wieder. Doch mich schien niemand mehr zu registrieren. Der Stuhl, ehedem unter mir, und ich waren nun eins. Gerade als wir zum Schweben abheben wollten, hörte ich wie durch einen langen Tunnel dumpf eine nette Frauenstimme meinen Nachnamen rufen. Konnte das sein? Sie hatten mich nicht vergessen? Unfassbar! Ich beschloss dem irdischen Leben eine Chance zu geben und stieg aus.

Was wollte ich dem Doc noch gleich erzählen?, fragte ich mich, während ich der Arzthelferin hinterhertrottete. Panik stieg auf: Hat die von mir im Wartezimmer verköstigte Luft einige Rillen auf meiner Festplatte gelöscht? Irgendwas wird dir noch einfallen, versuchte ich mich zu beruhigen, die „Einkaufsliste“ war ja lang genug. Verdammt, ich hätte es mir doch aufschreiben sollen. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich mir sicher war: Vergesslichkeit muss nicht mit auf die Liste.

»Wir messen erstmal den Blutdruck und den Puls«, entschied die Arzthelferin, nachdem sie mich in einem Behandlungszimmer platziert hatte. »Gute Idee«, hörte ich mich sagen. Ein blöder Kommentar. Aber diese Zeremonie gibt dir etwas Zeit, die Gründe deines Aufenthaltes hier in Erinnerung zu rufen, ratterte es in mir los.

»120 zu…«, unterbrach die Arzthelferin meine Recherchen, »Sehr gut!«, fügte sie hinzu. Mich erinnern die Blutdruck-Werte jedes mal an Handballspiele oder so etwas: „30 zu 27! Gewonnen! Hervorragend!“ Darum habe ich den zweiten Wert auch gar nicht mehr mitbekommen. Denn mir war egal wie hoch ich gewonnen habe – Hauptsache gewonnen.


Soheit für heute. Mehr dazu gibt es im nächsten Kapitel: „Ihre Leber sollten wir aber doch mal genauer untersuchen.“ Wobei – den Titel des Kapitels werde ich vielleicht noch ändern. Datenschutz, Du verstehst?

Ergänzt am 10.12.2013:

Heute ist das nächste Kapitel meines ersten „Arztromans“ erschienen. Mit viel Bauchschmerzen habe ich mich bei der Wahl des Titels über meine Bedenken hinweggesetzt: Ihre Leber sollten wir aber doch mal genauer untersuchen.