100 Jahre Schulsystem können sich nicht irren

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Doppelt-digitales-Tintenfass und Einfach-digitaler-Füllfederhalter (4.1.2013, 29)

Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, als mir vor ein paar Jahren der Leiter der Bildungsschule in Harzberg vom Unterricht in seiner Schule erzählte. Auch ich war über Äonen konditioniert, was die Art und die Inhalte des Schulunterrichtes anbelangte. Doch der Unterrichtsstil der Bildungsschule hat in meinem Oberstübchen einen Schalter umgelegt. Mir wurde klar, „Schule geht auch anders“.

Parallel dazu beobachtete ich hier in Lügde, wie aus zwei Grundschulen ein Grundschulverbund mit zwei Teilstandorten wurde – der mittlerweile nur noch aus einem Standort besteht, weil ein Schulstandort mangels Schüler geschlossen werden musste. Und ich sah, wie aus einer Haupt- und einer Realschule ein „Organisatorischer Zusammenschluss“ wurde – der nun, ab kommenden Schuljahr, eine Sekundarschule werden soll.

Das Problem auch hier in Lügde: Die Geburtenzahlen gehen zurück und damit auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler. Um die Schulstandorte zu erhalten wird alles getan, was die Gesetze ermöglichen. Zur Sekundarschule heißt es zum Beispiel:

Die Sekundarschule ist eine zukunftsfeste Schule, die den Kommunen die Möglichkeit bietet, ein wohnortnahes, attraktives, umfassendes Schulangebot zu erhalten bzw. zu schaffen. Sie ist damit eine Antwort auf die zurückgehenden Schülerzahlen und das veränderte Elternwahlverhalten. Die Sekundarschule hält die Bildungsgänge länger offen und kommt dem Wunsch vieler Eltern nach längerem gemeinsamem Lernen nach. Diese Schule der Zukunft ist leistungsstark, vielfältig und gerecht. In ihr kommen die Stärken aller Schulformen zum Wohl aller Kinder zusammen.

[Quelle: schulministerium.nrw.de] Das ist alles gut und lobenswert. Doch ich werde das Gefühl nicht los, dass der Gesetzgeber im Großen und Ganzen lediglich neue Bezeichnungen für Schulen kreiert und diese mit anderen „Einstiegs-Vorraussetzungen“ (Klassengrößen und Zahlen) versehen hat, um den Gemeinden eine Möglichkeit zur Rettung ihrer Schulen an die Hand zu geben. Das Land hätte auch sagen können, ich erleichtere einfach die Voraussetzung zum Fortbestand von Haupt- und Realschulen.

Nun, das ist wohl der großen Politik geschuldet: Die einen mögen keine Hauptschule mehr sehen, während die anderen Ganztagsschulen ganztags schrecklich finden. Ach lass doch die Politiker, die Hauptsache ist doch, es können auch in kleinen Gemeinden möglichst viele Schulen überleben, könnte man meinen. Wenn ich aber darüber nachdenke, wie viele Sitzungen auf allen politischen Ebenen dafür nötig waren und wie viel Bürokratismus damit verbunden ist das umzusetzen, dann frage ich mich schon: Das alles, um, ich bin jetzt etwas drastisch, alten Wein in neue Schläuche zu packen? Dafür hat das ziemlich viel Ressourcen gekostet. Ich könnte mir vorstellen, dass sich diese Energie besser hätte einsetzen lassen.

Aber halt, die Schulen müssen, wenn sie zum Beispiel Sekundarschule werden wollen, neue Konzepte erstellen. Außerdem sollten Klassenräume neu eingerichtet werden und so weiter. Also ändert sich schon weit mehr, als nur der Titel der Schule, werden mir sicherlich viele entgegenhalten. Okay, viele Schulen werden nun nicht geschlossen und können (länger) überleben. Doch wird sich für die, für die wir das alles tun, für die Schülerinnen und Schüler wirklich etwas gravierendes ändern? Wie viel wird sich daran ändern, was und vor allem wie sie lernen – müssen? Bleibt zum Beispiel der Frontalunterricht?

Mit erhöhten Bildungsausgaben gewinnt man keine Wahl, wenn die Wähler seit 50 Jahren keine Schule mehr von Innen gesehen haben, und die Stimmen derer, die drin sitzen, nicht zählen.

[Quelle: spreeblick.com] An all diese Dinge musste ich denken, als ich mir den Beitrag von Tanja und Johnny Haeusler „Unser Netzgemüse-Rant, vorgetragen auf der re:publica 2013“ angeschaut habe.

Kurzer Einschub: Von den beiden ist auch das Buch „Netzgemüse“:

Wie Youtube funktioniert, was bei Facebook geht und was nicht – das wird eben erklärt für Eltern, die gerade nicht das Internet zu ihrem Alltag zählen. […] ich würde dieses Buch direkt am Anfang empfehlen. So wie ich dies derzeit bei allen Freunden tue, die Kindern im Teenageralter oder knapp darunter haben. Denn etwas besseres als “Netzgemüse” kenne ich in diesem Feld nicht.

…schrieb zum Beispiel Thomas Knüwer in seinem Blog indiskretionehrensache.de über das Buch.

Doch zurück zum Netzgemüse-Rant von Tanja und Johnny Haeusler, aus dem ich übrigens auch die Überschrift für diesen Artikel stibitzt habe:

[…] Wie oft hat es uns zuletzt genützt, zu wissen, wo die Hypothenuse verläuft, wann die Nebenflüsse des Amazonas entsprangen, welcher Hugenotte den Siebdruck erfand, wer das Universum vertonte? […]

[…] Schule muss heute lehren, Informationen richtig einordnen und Zusammenhänge erkennen zu können. Sie muss die Fähigkeit zu kreativem, analytischem Denken, flexiblem Umdenken, kollaborativem Handeln fördern in einer vernetzten Welt […]

[…] Wir könnten viel Zeit sparen, würden wir das Bildungssystem von Heute den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen. […] Doch der öffentliche Fokus liegt hartnäckig auf den Gefahren des Kulturraums Internet und vereitelt den optimistischen Blick auf die Chancen die er eröffnet.[…]

„100 Jahre Schulsystem können sich nicht irren“ – oder doch? Ich glaube, wir sollten uns wirklich mehr um die Inhalte kümmern, statt auf Titel, Standorthoheiten und „Fassadenrenovierungen“ zu setzen. Und diesen Satz beziehe ich nicht nur auf die Schulen, sondern auch auf die Kommunen. Denn Schülerinnen und Schüler lernen nicht nur in der Schule, sondern auch in der Stadt in der sie leben…