Zahnarzt: Der Trend geht zum Zweitrad

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Gestern war sie noch locker …

»Was? 50 Euro für eine professionelle Zahnreinigung?« Dem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung des Zahnarztes nach zu urteilen, scheint ihm die Situation unangenehm. Trotzdem fragt er mutig aber im Ton kleinlaut: »Machen oder nicht?« Der Preis ist nicht angemessen, aber nun sitze ich schon mal in diesem Apollo-2012-Cockpit-Sessel. »Machen. Aber ich habe nicht so viel Geld dabei«, antworte ich brummig.

Der Zahnarzt fühlt sich offensichtlich wieder obenauf: »Kein Problem. Lassen sie einfach den Autoschlüssel hier. Ich hoffe das Auto ist vollgetankt.« Der ist tatsächlich auch noch so frech, wieder fröhlich zu sein. »Mein Auto steht etwa 7 Kilometer von hier in einer verschlossenen Garage. Ich könnte ihnen die Fahrradluftpumpe hier lassen. Vor der Tür steht mein Rad mit zwei vollgetankten Rädern.« Ich fühle mich nicht witzig.

Der Zahnarzt zieht die Augenbrauen hoch und reißt dabei die Augen weit auf: »Wie? Mit dem Fahrrad? Wirklich?« Sehe ich wie ein Lügner aus?, will ich ihn fragen, verkneife es mir aber. Ohne meine Antwort abzuwarten beugt er sich, die Rechte mit schwerem Arbeitsgerät bewaffnet, über mein Gesicht und beginnt mir eine lange Geschichte zu erzählen. Das macht er jedes mal. Vermutlich ist das Methode. Soll wohl narkotisierend wirkend. Von der Story bekomme ich jedoch selten etwas mit. Der Doc trägt einen Mundschutz und gegen die kreischenden Geräusche seines Winkelschleifes hat seine Stimme keine Chance.

Diesmal habe ich seine ersten Sätze aber mitbekommen. Er habe in einem Fahrradladen ein tolles Fahrrad gesehen, erzählt er mir. Seine Begeisterung erkenne ich an seinen Augen. Die hat er Gott sei Dank nicht verhüllt. Das Fahrrad würde irgendwas zwischen 4.500 und 5.000 Euro kosten. Das sei ihm aber zu teuer. Ich möchte etwas einwenden, was allerdings nicht geht, weil der Doc mit einer Schleifhexe an meiner Knusperleiste werkelt.

»Sie können jetzt mal Spülen!«, blökt mir die Zahnarzt-Assistentin nach einer Weile ins linke Ohr. Das ist meine Gelegenheit, das Wort zu erheben. Ich spüle den Mund und habe mit dem Ausspucken vergessen, was ich dem Zahnklempner entgegnen wollte. Im halb vermummten Gesicht meines Zahnarztes suche ich nach einer Erinnerungsstütze. Vergeblich. Mir fällt ein, dass ich einen großen Teil seiner Rede nicht mitbekommen habe. Dennoch wäre es mir egal, ob sich meine Bemerkung harmonisch an seine jüngsten Ausführungen anhängen lassen.

Noch während ich in meinen Gedanken krame, beugt er sich wieder über mein Gesicht. Doch bevor er sich erneut an der Baustelle zu schaffen machen kann, wende ich meinen Kopf ab. Denn eine Millisekunde zuvor hatte ich meinen verloren geglaubten Gedanken wieder eingefangen. »Leider kann ich mir ein Fahrrad in der Preisklasse nicht leisten. Würde ich es trotzdem versuchen, könnte ich nie mehr eine professionelle Zahnreinigung von ihnen finanzieren. Aber selbst wenn das neue Fahrrad nur 20 Prozent von dem kosten würde, hätte ich ständig Sorge, wenn ich es zum Beispiel beim Einkaufen vor einem Geschäft stehen lassen müsste.«

Das Thema scheint dem Doc wichtig. Er schiebt den Mundvorhang beiseite und setzt an: »Ja genau! Das ist ein echtes Problem! Selbst wenn du heute an einem alten Fahrrad einen neuen Mantel aufziehst, musst du dich nicht wundern, wenn du nach dem Einkauf nur noch ein Einrad am Baum angeschnallt vorfindest.« Seinen Kindern habe er daher zwei Fahrräder gekauft. Eines mit dem sie zur Schule und zu den Freunden fahren, und ein gutes Fahrrad um damit zu sporteln, erklärt mir Doc Zahn und fügt grinsend hinzu: »Der Trend geht zum Zweitrad!«

Mag sein, denke ich, aber warum hast du mich vorhin so gefragt, als sei es auch für dich total ungewöhnlich, wenn ein ausgewachsener Mensch am späten Montagabend mit dem Fahrrad zum Zahnarzt fährt? Sogar der übersportliche Zahnarzt scheint vergessen zu haben, dass ein Fahrrad auch für Erwachsene durchaus als Alltagstransportmittel verwendbar ist. Nun ja, das ist ein sehr weit verbreitetes Phänomen: Sobald der Mensch in der Lage ist ein motorisiertes Transportmittel selbst zu fahren, vergisst er augenblicklich, dass das Fahrrad auch im Alltag ein alternatives Vehikel zur Fortbewegung ist.

Gefühlte zwei Stunden später meint der Doktor: »Gut, ihre Zähne sind jetzt wieder blitzblank«, und verabschiedet sich hoffnungsfroh: »Bis zur nächsten Vorsorge-Untersuchung mit Zahnreinigung im Herbst!« Dann schiebe ich dir mein Fahrrad hier rein, damit du wirklich was zu reinigen hast, liegt mir auf der Zunge. Doch ich halte mich zurück. Man sollte sich nicht unnötig mit Leuten anlegen, die über ein derartiges Waffenarsenal verfügen.

Vor der Türe befreie ich mein Steel-Horse von den Fesseln und stelle fest: Unter der Zahnarztpraxis praktiziert ein Friseur in seinem Salon. Alle Autoparkplätze in der Umgebung sind belegt aber am Fahrradständer steht nach wie vor nur ein Zweirad – meins. Merkwürdig. Viele Ziele erreiche ich doch viel schneller mit dem Fahrrad als mit dem Auto – mal ganz abgesehen von dem Problem mit der Parkplatzsuche.

Aber ich sehe das oft. Erst kürzlich beim Figaro meines Vertrauens. Auf dem Parkplatz stapelten sich die Autos, aber den Fahrradständer hatte Klaus-Dieter (so nennt sich mein Radel mit Vornamen) – wie meistens – für sich allein. Auch das Procedere ist immer the same. »Wie darf´s denn heute sein?« »Bitte ein Fahrradschnitt.« Womit ich eine Frisur meine, die bei jedem Wetter hält. Wenn die Haare dann in Fasson gebracht wurden, erklingt die nächste obligatorische Frage: »Soll ich ein bisschen Gel…?« »Nein danke. Das bringt nichts. Ich bin mit dem Fahrrad da.« »Ach ja.« – Wirklich! Das geht schon zehn Jahre so.

Okay, nicht ganz. Die Fragestellungen variieren je nach Wetterlage. Oft sind diese Klassiker-Fragen verbunden mit einem Ausdruck tiefen Bedauerns: Was? Mit dem Fahrrad? Bei dem Regen, bei dem Schnee, bei dem Wind, bei der Kälte? Diese Fragen höre ich selbstschreibend nicht nur beim Frisör.

Das Wetter spielt offensichtlich eine wichtige Rolle bei der Wahl des Verkehrsmittels. Zweirad-Experten sprechen, wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind, vom „Fahrradwetter“: Sonne, warm, nicht zu heiß, windstill, sonntagsnachmittags – habe ich einen Faktor vergessen?

Lassen wir das mit dem Wetter. Das kann eh niemand ändern. Aber: Mit dem Fahrrad zu fahren spart nicht nur Benzin oder Diesel.

Gelegentlich bekomme ich Sätze wie diese zu hören: »Du hast es gut. Du bist schlank. Wenn du wüsstest, wie schwer es ist abzunehmen…« Abnehmen zu müssen ist bestimmt nicht einfach. Aber auch schlank bleibt man nicht ohne eigenes Zutun. Wie das Auto hat der Mensch einen Verbrennungsmotor. Das gemeine Fahrrad kommt ohne aus. Es fährt nur Kraft des Zusatzmoduls Mensch – egal wie das Wetter ist, egal welchen Wochentag die Uhr schlägt.

Wir waren beim Verbrennungsmotor Mensch. Ist „zu Fuss gehen“ eigentlich auch ein alternatives Transportmittel? Hm, auf die Frage komme ich vielleicht später noch mal zurück.

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