Wohin mit den Weihnachtspräsenten?

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Ein Schaukelperdchen

Die warmen Worte zu Weihnachten von denen ich unlängst schrub, verursachen Kosten: Personalkosten, Materialkosten, Porto und so weiter. Je nach Aufwand und Menge kann dadurch schon ein mehr oder weniger großes Sümmchen zustande kommen.

Wenn es sich um einen „guten“ Kunden handelt, also einen der regelmäßig und auch größere Aufträge an das Unternehmen vergibt, bleibt es natürlich nicht nur bei einer Weihnachtskarte auf Hochglanzpappe. Dann wird den warmen Worten auch schon mal ein Weihnachts-Präsent beigefügt. Das Ausmaß einer solchen „Dankbarkeit“ richtet sich nach der Großartigkeit der Zusammenarbeit. Die Formel lautet in etwa: große Auftragssummen gleich große Präsente.

Kleiner Exkurs: Die kürzlich angesprochene Sinnhaftigkeit von Weihnachtsgrüßen verliert mit dem Weihnachtspräsent an Bedeutung. Der Grad des Bedeutungsverlustes wird an Faktoren bemessen wie sie da wären: Größe des Präsentes und Charakter des Empfängers. Das heißt (Regel Nummer 1): Je üppiger das Weihnachtspräsent, desto unwichtiger die warmen Worte. Oder die Superlative: Ist das Präsent „schwer“ genug, spielt der Inhalt, der Text des Weihnachtsgrußes keine Rolle mehr. Das einzige was (vielleicht) aus der dem Präsent anheftenden Weihnachtskarte noch zur Kenntnis genommen wird, ist der Name des Absenders.

Dazu folgende „Weisheit“: Beurteile einen Menschen lieber nach seinem Weihnachts-Präsent als nach seinem Grußwort; denn viele schenken schlecht und schreiben vortrefflich (1). Ende des Exkurses.

Solche Weihnachts-Präsente zu kaufen, sie zu verpacken und zu versenden verursachen natürlich auch Kosten. Ich unterstelle mal: Diese werden sogar weit höher sein, als die der Weihnachtsgrußkarten.

An dieser Stelle sei noch auf eine weitere Formel hingewiesen (eigentlich ist es eine Regel, und ich nenne sie fortan Regel Nummer 2): Je größer das dem Weihnachtsgruß anhaftende Präsent, desto höher das Einkommen und/oder Vermögen des Empfängers. Mit anderen Worten: Die großen, wertvollen Weihnachtspräsente landen ausschließlich in der Chefetage.

Ergänzen möchte ich die Regel Nummer 2 mit einer von mir aufgestellt These, die ich bislang nicht widerlegen konnte: Aufgrund ihres Einkommens / Vermögens können die Empfänger dieser Weihnachtspräsente nebst unbeachteter W-Karte es sich finanziell durchaus leisten, die Präsente selbst zu erwerben. Im Klartext: Die Empfänger der W-Präsente sind überhaupt nicht darauf angewiesen.

Ziehen wir eine kurze Zwischenbilanz:

Wir haben Weihnachtsgrußkarten, die nahezu keine Beachtung mehr finden – also sinnlos sind (2), und wir haben Weihnachtspräsente die keinen erwähnenswerten sozialen Effekt entfalten.

In Anbetracht dieser Erkenntnis stellt sich die Frage: Was bringt dann dieser ganze Aufwand, der notwendig ist Weihnachtsgrußkarten und W-Präsente zu verschicken?

Eine denkbare Alternative wäre: Die Unternehmer würden keine W-Karten und W-Präsente mehr versenden und damit ihre Gewinn- und Verlustrechnung verbessern. Doch es ist ja Weihnachten – Zeit des Schenkens.

Alternative II: Ich habe mir erzählen lassen, dass es in einigen Unternehmen Usus sei, die in der Chefetage eingegangenen Präsente an die Mitarbeiter zu verschenken – zum Beispiel mittels einer Tombola während der Weihnachtsfeier.

Alternative III: Es soll auch Firmen geben, die auf das Versenden von Weihnachtspräsenten verzichten und stattdessen in soziale Projekte investieren. Das Motiv ist: Nicht Menschen zu beschenken, die sich problemlos die Weihnachtspräsente auch selbst kaufen könnten, sondern Menschen etwas Gutes zukommen zu lassen, die sich viele Dinge nicht leisten können, die Hilfe brauchen.

Ich bin mir sicher, wenn Unternehmen so agieren und wenn sie das transparent und glaubwürdig darlegen, dann wird auch die Mehrzahl der Kunden zufrieden sein, die Grußkarten und Präsente zu Weihnachten vormals erwartet haben. Mit „transparent“ meine ich, dass über die „Weihnachts-Investition“ im Detail mit Fotos, Erklärungen und vielleicht Interviews, sowie unter Darlegung der bereitgestellten Beträge berichtet werden sollte. Der ideale Ort für eine derartige Dokumentation ist die firmeneigenen Website. Mit „glaubwürdig“ meine ich, dass für den Leser spürbar werden muss, dass das Unternehmen hinter dieser Investition steht. So, dass nicht der Eindruck entsteht: Da hat jemand lediglich, lieblos etwas abgearbeitet.

Ja, so zu agieren erfordert ein Umdenken und vor allem Mut. Denn ich kann mir schon vorstellen, dass einige Firmen sich dann mit zitternden Knien fragen: Uh, uh, wie werden meine Kunden wohl reagieren, wenn sie nunmehr keine W-Karte und erst recht keine W-Präsent von mir bekommen?

Nun, ich halte die Geschenk-„Kultur“ hierzulande grundsätzlich für sehr fragwürdig – besonders die zu Weihnachten. Doch wenn wir – wie es partiell zurzeit auch in der großen Politik getan wird – darüber nachdenken, wie wir Menschen die es wirklich nötig haben mehr Gutes tun können, dann wäre doch auch dies ein guter Weg – oder?

  • (1): Matthias Claudius wird sich bei dieser Formelumstellung seines Sinnspruches bestimmt im Grab umdrehen – (sorry Herr Claudius.)
  • (2): Gemeint sind hier die mit Weihnachtspräsenten versehenen Weihnachtsgrußkarten, die ob ihres gemeinsamen Auftretens an Bedeutung verlieren – siehe Regel Nummer 1. Aber es sind auch die W-Grußkarten gemeint, die pauschal, ohne deutlichen individuellen Bezug zwischen Absender und Empfänger herausgehauen wurden (siehe „Warme Worte zu Weihnachten“). Notabene: Solche W-Grußkarten können sogar kontraproduktiv sein, weil sie den Empfänger aufgrund ihrer Undifferenziertheit verärgern.

PS: Da es hier heute noch immer weihnachtet: Another Christmas Song von Jethro Tull