Was haben die, was ich auch habe?

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Transparenz. Oder: Zu tief ins Glas geschaut.

Manch ein Arzt oder Rechtsanwalt würde was darum geben, so auszusehen wie ich.

Gestern, ich bestieg gerade mein in die Jahre gekommenes, unmotorisiertes Steel-Horse, da begrüßte mich ein Mann. Ich erkannte den gut gebauten Herren sofort. Er, eine Zylinderhöhe länger und eine halbe Schranktür breiter als ich, hatte mich vor einiger Zeit schon mal auffällig unterwürfig angesprochen. Bereits bei dem Gespräch konnte ich mir sein devotes Verhalten nicht erklären.

Gestern aber hatte er zuvor vermutlich all seinen Mut zusammengenommen, als er mich fragte: »Sind sie Rechtsanwalt?« Da war sie wieder, diese Frage nach meinem Beruf! »Nein, keine Sorge. Ich bin harmlos.«, antwortete ich ihm freundlich lächelnd und radelte davon. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie er sich entspannt wieder seinem Schaffen hingab.

Natürlich lies mich seine Frage nicht los. Was habe ich bloß an mir? Erst vor einigen Wochen hatte mir der Besitzer eines Restaurants ähnliche Fragen gestellt: »Entschuldigung, ich glaube ich kenne Sie. Sind sie Arzt?«

Die Frage ist so abwegig nicht, dachte ich daraufhin, denn die Gaststätte befindet sich im Kurzentrum von Bad Pyrmont, da ist die Arzt-Population sicherlich sehr hoch. Aber sehe ich aus wie ein Arzt? Vielleicht ist das aber auch seine Taktik, die Gäste zu umschmeicheln. Doch statt den Gedankengang weiter zu verfolgen, legte ich ein joviales Lächeln auf und antwortete ihm wahrheitsgemäß: »Nein, ich bin kein Arzt.«

»Rechtsanwalt! Sie sind Rechtsanwalt!«, nun schien er sich absolut sicher zu sein, mich diesmal korrekt eingeschubladet zu haben. Doch ich musste ihn enttäuschen: »Nein, ich bin auch kein Rechtsanwalt.« »Aber ich kenne sie! Ich habe sie schon öfters gesehen!«, insistierte er. Unbekannt war mir der Restaurantbesitzer auch nicht.

Während ich noch angestrengt überlegte, wo wir uns mal getroffen haben könnten, hatte er bereits eine neue Schublade gefunden: »Ich hab´s! Sie sind Lehrer! Stimmts?« Eigentlich wollte ich vermeiden, dass ihn meine Antwort in ein tiefes Tal der Tränen stürzen lässt. Doch den Tatsachen muss man sich stellen: »Nein, Lehrer bin ich auch nicht.«

Der Mann drohte vor meinen Augen in sich selbst zusammenzusinken. Also fügte ich eilig ein paar tröstende Worte hinzu: »Aber das passiert mir häufiger. Mal bin ich für die Leute ein Vertreter der Presse. Ein andermal bin ich wieder „Unser Lehrer Doktor Specht“.« Fleißige Leser meiner Artikel wissen, das mir das tatsächlich des Öfteren passiert.

Doch warum ist das so? Was haben Journalisten, Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer an sich, was sich in meiner Person vereinigt? Ich denke gerade an einige Vertreter dieser Berufsgruppen in meinem Bekanntenkreis. Nie versäumen sie es, in mindestens drei von zehn Sätzen auf ihre berufliche Reputation zu verweisen. Wie glücklich, wie zufrieden wären sie wohl, wenn sie so aussehen würden wie ich? Sie brauchten sich nie mehr zu rechtfertigen, viele Erklärungen würden sich erübrigen – jeder wüsste sofort, mit wem er es zu tun hätte.

Jetzt könnte man ja leichthin auf den Gedanken kommen: Hey, Volker, wenn du so bei den Leuten ankommst, dann musst du doch vor Selbstbewusstsein kaum gehen können. Nun, dem ist nicht so. Ich kann gut gehen, sogar sehr schnell. Ich sage Euch: Geistreicher auszusehen als man ist, kann auch ein schweres Los sein.

Muss es aber nicht. Denn eines weiß ich jetzt, ich habe beruflich ein paar zusätzliche Optionen. Wenn das Fernsehen Serien wie „Unser Lehrer Dr. Specht“ oder „Rechtsanwalt Liebling” fortsetzen möchte, dann wäre ich der ideale Hauptdarsteller.