Was bringt die Kommentarfunktion? [Update 2]

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Immer mehr Blogs schaffen die Kommentare ab. Zu Recht?“ lautet der Titel eines Betrages von Jürgen Vielmeier im Basic Thinking Blog. Nicht nur der Artikel ist interessant, auch viele der dazu verfassten Kommentare sind lesenswert.

Es ist schon merkwürdig: Auf der einen Seite stehen die, die die Kommentarfunktion hinterfragen oder sie vielleicht schon abgeschaltet haben, und auf der anderen Seite die, die die Kommentarfunktion noch immer mit einem Kontakt-Formular oder einen E-Mail-Fenster verwechseln. Wird die Kommentarfunktion „aussterben“, noch ehe alle erfasst haben welche Vorteile sie hat? Und bin ich vielleicht sogar ein ganz kleines bisschen an dieser Entwicklung Schuld, weil ich in meinem Umfeld die Vorteile das Kommentieren zu ermöglichen, nicht deutlich genug erklärt habe? – Aber:

Was bringt die Kommentarfunktion?

Hier einige Argumente, die aus meiner Sicht dafür sprechen, Kommentare in Blogs weiterhin zuzulassen.

Leser können mehr als nur konsumieren.

Die Kommentarfunktion ist meines Erachtens ein wichtiges Puzzleteil des Mitmachwebs. Es ermöglicht mir, direkt zu einem Artikel, zu einem Thema Stellung zu nehmen. Auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Diesen Artikel schreibe ich nicht nur für mich, sondern weil ich damit auch die Frage an meine Leser verknüpfe: Was ist Eure Meinung dazu? Welche Argumente habt Ihr zu dem Thema?

Nun kann man argumentieren: Wenn ich keinen Kommentar schreiben kann weil die Kommentarfunktion ausgeschaltet ist, schreibe ich halt selbst einen Artikel zum Thema. Das ist möglich, aber ein Problem für denjenigen, der keine eigene Plattform (Website, Blog, Facebook, Google+ und so weiter) im Netz betreibt.

Kurzum: Mit der Kommentarfunktion ermögliche ich es meinen Lesern, nicht nur zu konsumieren, sondern auch direkt, hier bei soheit.de mitzumachen.

„Klassische“ Medien wie die Zeitung, das Radio, das Fernsehen bieten die Möglichkeit des Mitmachens nicht, beziehungsweise nur sehr, sehr eingeschränkt. Im Netz dagegen kann jeder und sofort seine Argumente anbringen. Das Medium Internet ermöglicht mir beides: Ich kann dort Konsument und auch Produzent sein. Und die Kommentarfunktion ist ein wichtiger Baustein dieses Vorteils.

Nebenbei: Der Vorteil eines Blogs gegenüber eines Angebotes bei Facebook, Google+ und CoKG ist, dass ich keine V.I.P.-Eintrittskarte, also keine Zugangsdaten benötige, um einen Kommentar unter einen Artikel schreiben zu können.

Kommentare können wie ein Korrektiv wirken.

Je mehr Menschen an einer Diskussion teilnehmen, desto größer die Chance, dass dabei auch mehr Argumente vorgetragen werden. Und je mehr Argumente aufgezeigt werden, desto größer ist die Herausforderung, diese abzuwägen (Stichwort: Bildung).

Ein guter Kommentar bereichert nicht nur den Verfasser des Artikels, sondern auch alle anderen Leser.

Dazu eine kleine Anekdote: »In deinem Artikel „Hochglanzbroschüre, CD oder Internet?“ hättest du noch deutlicher herausstellen können, dass Fotos und Texte in einer Hochglanzbroschüre nur für einen kleinen Kreis von Menschen einen Vorteil haben. Fotos und Texte im Netz dagegen können sich weit mehr Menschen anschauen.« Dieser Hinweis eines guten Freundes ist ein Beispiel dafür, was ein Kommentar bewirken kann. Der Guteste versteht weiß Gott mehr von EDV, Internet & CoKG als ich, und er wollte mir einen gut gemeinten Tipp geben. Wenn er aber den Hinweis als Kommentar verfasst hätte, hätten möglicherweise auch andere davon etwas gehabt, weil dann ein Argument in dem Artikel klarer, verständlicher geworden wäre. Kurzum:

Kommentare können dazu beitragen, das Thema oder einzelne Argumente zum Thema sauberer herauszuschälen.

Kommentare als Quelle von Ideen:

„Da spricht er aber einen Punkt an… Den werde ich in einen separaten Artikel noch mal eigens beleuchten.“ Dieser Gedanke ist mir schon häufiger beim Lesen von Kommentaren durch den Kopf gegangen. Das Kommentare eine gute Quelle von Ideen und Vorschlägen sein können, wird meines Erachtens oft unterschätzt.

Kommentare können „erfrischen“.

Nicht jeder Artikel muss auf beinharte Argumentation fußen. Ein paar Spritzer Humor zwischendurch „erfrischen“. Das gilt auch für Kommentare. Auch sie müssen nicht immer schwere Kost sein. Ich freue mich auch über witzige Dialoge.

Die Kommentarfunktion, ein Werkzeug für mehr Demokratie.

Ja, ich fühle mich unwohl dabei, das große, gewaltige Wort Demokratie in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Gleichwohl erwähne ich es hier, weil der Begriff Demokratie einige der oben genannten Argumente auf den Punkt bringt. Allen zu ermöglichen mitmachen zu können, ist Kern der Demokratie. Die Kommentarfunktion ist daher ein Werkzeug für mehr Demokratie.

Die Kommentarfunktion ermöglicht Glaubwürdigkeit und Transparenz.

Schon wieder zwei Begriffe, die für einige Leser in diesem Rahmen vermutlich etwas überladen klingen. Der Grund dafür dass ich hier solche wuchtigen Begriffe wie Demokratie, Transparenz und Glaubwürdigkeit einstreue ist: Gerade Behörden sollten die Kommentarfunktion in Ihren Webangeboten nicht abschalten. Denn der offene Umgang mit Kommentaren der Bürger, Steuerzahler, Wähler kann dazu beitragen, Glaubwürdigkeit und Transparenz zu schaffen.

Was kann der Betreiber eines Blogs dafür tun, dass Kommentare nicht „aus dem Rahmen fallen“?

Artikel und Kommentare bedingen sich.

„Ach, geistreiche, bereichernde Kommentare sind doch eher die Ausnahme“, werden mir vermutlich viele sagen wollen. Das stimmt. Dennoch meine ich: Je mehr Substanz ein Artikel hat, desto größer ist die Chance, dass dazu wertvolle Kommentare eingetragen werden. Wer liefert schon gern Qualität, wenn die Vorlage keine hat? Ich habe es als Verfasser eines Blogartikels also selbst in der Hand, das Fundament für gute Kommentare zu setzen.

Bessere Kommentare durch gute Moderation:

Wie eben schon angedeutet, die Diskussionskultur im Netz lässt oft zu wünschen übrig. Aber unterstellt, dass das Netz das digitale Spiegelbild der Gesellschaft ist, ist an der oft mangelnden Etikette im Netz nicht das Internet Schuld. Das Internet ist „nur“ ein Werkzeug – und es kommt darauf an, wie wir es nutzen.

Aus diesem Grund finde ich es in Ordnung, wenn Kommentare zunächst in eine Moderationsschleife landen. Das heißt, ich schalte sie nur frei, wenn sie „sauber“ sind. Trolle, Spammer und so weiter braucht niemand. Und wer sich im Ton vergreift, dem kann ich, wenn er seine E-Mail hinterlassen hat, zurückschreiben: Bitte nicht so. Du bist eingeladen, erneut einen Kommentar zu schreiben, wenn du deine Argumente in einem höflichen Ton verfasst.

Das kann viel Arbeit bedeuten, wenn man einen Blog mit einer großen Leserschaft betreibt (beispielsweise A-Blogger). Daher kann ich es nachvollziehen wenn die Kommentarfunktion abgeschaltet wird, weil der Aufwand die Kommentare zu moderieren zu groß geworden ist. Vor allem dann, wenn kaum noch Kommentare abgegeben werden, die die jeweiligen Artikel bereichern. – Aber von einer solchen Kommentarflut sind die allermeisten der hier auf dem Land betriebenen Blogs weit entfernt.

Also: Auch als Moderator eines Blogs habe ich die Möglichkeit, ein Stück weit zur Verbesserung der Kommentare beizutragen.

Fazit:

Es gibt nachvollziehbare Gründe, Kommentare nicht, beziehungsweise nicht mehr zuzulassen. Grundsätzlich aber halte ich die Kommentarfunktion für eine Bereicherung.

Update 22.1.2012: Die Kommentarfunktion macht eine terminunabhängige Teilnahme möglich (siehe das Argument: „24 Stunden lang, jeden Tag“).

Update 20.2.2012:

Martin Weigert schreibt in seinem Artikel „Kommentarspalten in Gefahr: Warum es sich lohnt, für Blogkommentare einzustehen“ (« netzwertig.com):

[…] Bei aller sachlichen und berechtigten Kritik an Kommentaren sollte nicht vergessen werden, dass die Möglichkeit, direkt im Umfeld von Onlineinhalten ohne unnötige Hürden die eigene Sicht wiedergeben zu können, ein elementarer Teil der demokratischen Netzkultur darstellt, für den viele lange Zeit gekämpft haben. […]