Schluss mit dem Redaktionsschluss

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Das Internet kennt keinen Redaktionsschluss! – Der Redaktionsschluss ist der

Zeitpunkt, zu dem eine Zeitungsausgabe in Druck geht und die Redaktion an dieser Ausgabe keine Änderungen mehr vornehmen kann.

[Quelle: de.wiktionary.org] Um einen Text, ein Foto, ein Video im Internet zu veröffentlichen muss ich nicht warten bis auch die letzte Detailinformation vorliegt. Ich kann das jederzeit und - dank Laptop, Smartphone und Tablet-PC – von nahezu allen Orten.

„Mensch Volker, das ist doch selbstverständlich!“, werden mir vermutlich einige erzählen wollen: „Die Erkenntnis, dass man seine Texte im Netz rund um die Uhr eintragen, ändern und ergänzen kann, ist doch ein alter Hut!“

Dennoch glaube ich: Es gibt noch sehr viele Menschen, die mir zwar die obige „Erkenntnis“ sofort unterschreiben würden, gleichwohl aber noch in der Printmedienwelt denken. Hier ein erstes Beispiel (von mir mehrfach so oder ähnlich beobachtet):

Die Über-Flyer

Wann immer es in einer Gesprächsrunde darum geht etwas bekannt zu machen, kommt mit Sicherheit irgendwann der Hinweis: „Dafür muss ein Flyer erstellt und an alle Haushalte verteilt werden!“ Okay, ich gebe zu, manchmal kommt aber auch schon die Idee: „Das könnte man doch im Internet veröffentlichen!“ Doch bevor ich mich darüber freuen kann, folgt dann nicht selten der Einwand: „Aber erst, wenn der Flyer gedruckt und verteilt worden ist.“

Tja, trotz Internet scheinen Flyer für viele Mitmenschen nach wie vor das Medium zu sein, um aktuell und schnell zu informieren.

Soheit an dieser Stelle zum Thema Über-Flyer. Wer sich gern mehr in das Thema hineinsteigern möchte, der lese bitte: „Hast´e mal´n Flyer“ oder „Druck vor Netz?“.

Die Nachher´s

An einem weiteren Beispiel möchte ich kurz erläutern, wo sich das in Druck-Medien-Denken zeigt:

Die Zeitungsfälle

Nehmen wir eine große, dreitägige Veranstaltung eines Vereins, die außerhalb der Reihe stattgefunden hat. Wenn man nun hergeht, und das Drumherum in einzelne Arbeitsschritte zerlegt, wird daraus etwa das:

  • Die Idee, diese besondere Veranstaltung durchzuführen,
  • die Vorberatungen,
  • die Entscheidungsfindung,
  • die Organisation,
  • die Durchführung
  • die Nacharbeiten,
  • das Resümee.

Mir ist klar, das ist nur eine sehr grobe Gliederung. Allein die Organisation einer großen Veranstaltung wird sich in viele einzelne Schritte unterteilen lassen.

Doch jetzt meine Fragen:

  1. Über welche der oben genannten Punkte der Veranstaltung wird der Verein auf seiner Website berichten?
  2. Auf welchen der Schritte wird der Schwerpunkt seiner Berichterstattung liegen?
  3. Wann wird der Verein darüber berichten?

Ich beantworte meine Fragen auch:

  1. Nach meinen Beobachtungen erfolgt in solchen Fällen lediglich eine relativ kurze Ankündigung der Veranstaltung und eine Info über die Veranstaltung selbst.
  2. Das heißt, im Focus der Berichterstattung stehen nur die drei Tage der Veranstaltung.
  3. Bleibt noch die Frage: Wann wird der Verein berichten?
    1. Vor der Veranstaltung, erfolgt lediglich eine kurze Ankündigung – aber bitte mit Druck: „Hier das Plakat zur Veranstaltung mit dem Programm als PDF. Das Plakat können sie sich ausdrucken und behalten.“
    2. Nachher, oft erst Tage später, wird über die Veranstaltung berichtet.

Meines Erachtens erinnert das doch sehr an die Berichterstattung eines Druckmediums, einer Zeitung. Das eigene Webangebot wird also primär so genutzt, als wäre es eine Zeitung. Aber wie war das noch mit dem Redaktionsschluss und der Erkenntnis: „…dass man seine Texte im Netz rund um die Uhr eintragen, ändern und ergänzen kann…“?

Die Plakatfälle – oder die NUR Vorher´s

Es gibt noch eine andere, eigenartige Variante der Berichterstattung: In den Fällen wird eine Veranstaltung relativ ausführlich in einem Webangebot angekündigt, aber kein Wort mehr darüber verloren, wie sie denn nun gelaufen ist. Das wirkt wie: Wir kleben hier nur Plakate ins Netz.

Vorher geht doch auch

Vorher, was soll ich denn vorher erzählen?

Ganz einfach, erzähl die ganze Geschichte noch während sie geschieht… Dazu kann man sich an den Arbeitsschritten entlang hangeln. Wenn über jeden Arbeitsschritt knackig berichtet wird, dann werden Leser neugierig und besuchen auch am nächsten Tag die Website (Sind wir nicht alle Fans von guten Serien?). Ich versuche das mal anhand des obigen, fiktiven Beispiels zu skizzieren:

  • Die Idee: Wir haben da eine Idee. Und zwar… Was halten sie davon? Schreiben sie uns, wir freuen uns über ihre Meinung
  • Die Entscheidung: Super, die Eckpfeiler sind gesetzt. Das große Festwochenende wird stattfinden! Danke für die vielen Vorschläge. Wenn alles klappt werden wir den, den und den Vorschlag in das Programm einbauen…
  • Die Organisation: Die Vorbereitungen sind angelaufen. Morgen wird uns die Band „Hopsasa“ mitteilen, ob sie auch mitmacht. Klar dass wir euch das sofort mitteilen. Um den Vorschlag ABC umsetzten zu können benötigen wir… Wer kann uns helfen? Wo bekommen wir das? Für die Aktion „XYZ“ brauchen wir noch Helfer. Haben sie Zeit und Lust? Dann…
  • Die Durchführung: Wir sind hier live vor Ort. Der Laden ist rappelvoll. Eben tritt die Combo „LMN“ auf die Bühne, vorhin hat „EFG“ gespielt…
  • Die Nacharbeiten: Liebe Helfer, danke für eure Unterstützung. Enorm was wir in den vergangenen Tagen mit euch geschafft haben…
  • Resümee: Was war gut, was machen wir beim nächsten mal besser.

Und warum sollte ich das tun?

Hier ein paar Argumente in loser Reihenfolge:

Vorfreude ist die schönste Freude. Wenn das stimmt, sollte man sie auch erzeugen. Ich könnte mir vorstellen, dass eine so geführte Website dazu beitragen kann, den Zusammenhalt des Vereines zu stärken: „Ja, das sind *wir!*“

Natürlich wecken solche Informationen das Interesse potenzieller Besucher. Auch sie werden viel eher geneigt sein, die Veranstaltung zu besuchen: „Uhi, die legen sich aber mächtig ins Zeug. Das muss ich mir mal ansehen…“

Außerdem bin ich davon überzeugt, dass wer so informiert, so kommuniziert gute Chancen hat, auch Nicht-Vereinsmitglieder dafür begeistern kann zu helfen. „Die sind ja richtig gut drauf, da mache ich mit!“ Und wer weiß, vielleicht wollen sie dann auch Vereinsmitglied werden.

Begeisterung ist ansteckend. Jeder der im Vorfeld einer Veranstaltung mit Freude mitwirkt, wird Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte mobilisieren: „Mensch komm´ doch, das wird der Hammer! Ich bin um von 15 bis 17 Uhr an dem Stand „HIJ“ tätig, da wird… Das muss du dir anschauen!“

Der Verein, die Organisatoren lernen dadurch nicht nur mehr Menschen kennen, sie können dabei auch im wahrsten Sinne des Wortes selbst lernen. Denn je mehr Arbeitsschritte thematisiert werden, desto transparenter werden Arbeitsstrukturen.

Also:

Schluss mit dem Redaktionsschluss

…es gibt ihn nicht im Internet. Wer kann detaillierter, schneller von einem Verein, einem Kinderkarten, einer Schule, einer Behörde berichten – als der Verein, der Kindergarten, die Schule, die Behörde selbst. Um zu informieren muss man nicht warten, bis ein Flyer, eine Zeitung, ein Plakat gedruckt ist.

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Wer gern mehr in der Richtung lesen möchte, den empfehlen wir die Artikel: „Hochglanzbroschüre, CD oder Internet?“ und auch „Warum es sich lohnt, im Netz zeitnah zu dokumentieren“.

Bevor ich es vergesse: Dies ist ein Textbaustein.