Lügde, die 90 Minuten Stadt? [Update]

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[…] wurde im Namen der SPD-Fraktion der Antrag für einen Namenszusatz auf dem Ortsschild der Stadt Lügde gestellt. Der Zusatz soll eine höhere Verbundenheit zur eigenen Stadt ausdrücken.

…ist in der Niederschrift der Sitzung des Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Lügde vom 29.3.2012 nachzulesen. Begründet wird der Antrag (siehe Anlage4 - PDF-Dokument) so:

Vorschlag: 1.) Osterräderstadt Lügde 2.) Lügde Stadt der Osterräder […] Die Zusätze auf Ortschildern bringen zusätzliche Identität, und erhöhen die Verbundenheit zur eigenen Stadt, zur eigenen Gemeinde. Mit dem offiziellen Zusatz können wir als Stadt unsere Einzigartigkeit darstellen. Das wollen wir unterstützen, denn es schafft auch zusätzliche Möglichkeiten im Marketing.

In dem Artikel „Lügde, die Fahrradstadt im Lipperland“ habe ich mich bereits mit der Thematik beschäftigt.

Wenn wir aber den Eindruck vermitteln, dass der Osterräderlauf das ist, was Lügde ausmacht, dann reduzieren wir Lügde auf einen von dreihundertfünfundsechzig Tagen. Oder anders ausgedrückt: An 364 Tagen findet Lügde nicht statt […] Lügde ist und hat doch mehr. […] Der Osterräderlauf ist zweifellos eines der Highlights in Lügde. Aber auf seine Essenz eingedampft, dauert er maximal 90 Minuten. […] Der Osterräderlauf ist eine Veranstaltung, die in der Kernstadt von Lügde stattfindet. Für die Ortsteile von Lügde ist der Osterräderlauf daher nur mittelbar kennzeichnend.

…sind die Argumente, die ich nach wie vor zu Bedenken gebe. Ohne Frage: Mit dem Osterräderlauf hat Lügde ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem wir punkten können. Aber macht es Sinn, alles auf eine einzige Karte zu setzen, die lediglich für 90 Minuten im Jahr ihre Wirkung entfalten kann?

Soll dann am Ortseingangsschild von Rischenau, einem vom Osterräderlauf-Geschehen zirka zwölf Kilometer entferntem Ortsteil von Lügde, der Zusatz: „Osterräderstadt Lügde“ zu lesen sein? Ich kann mir vorstellen, dass die Elbrinxer – Elbrinxen ist ein Ortsteil von Lügde, der nur halb so weit vom Geschehen entfernt ist – es nicht so gern sehen werden, wenn dort am Ortseingangsschild der Hinweis auf den Osterräderlauf zu lesen ist. Denn Elbrinxen kann zum Beispiel mit der Storchenstation ein eigenes Alleinstellungsmerkmal aufweisen. Zugegeben, damit spielen sie in einer anderen Liga, aber sie haben eine eigene Identität – über die ich mich, als Lügder-Kernstädter, mit ihnen freue.

Der Köterberg ist der höchste Berg im Lipper Bergland und gehört zu Lügde. Für den wenig unterhalb des Gipfels liegenden Ortsteil Köterberg könnte ich mir zum Beispiel Ortsschilder wie: „Ganz weit oben in Lippe“, oder Köterberg, „Das Dach der Lipper“ vorstellen. – Ein „Stadtteil“ von Rischenau ist Biesterfeld:

[…] Das Haus Lippe ist ein Adelsgeschlecht von europäischer Bedeutung, dessen Anfänge bis ins 12. Jahrhundert reichen. […] Lippe-Detmold teilte sich wiederum in Lippe-Biesterfeld (nach einem Jagdschloss in Lügde-Biesterfeld, NRW), Lippe-Weißenfeld und Lippe-Falkenflucht. […]

[Quelle: de.wikipedia.org] Das ist auch eine Karte, die wir noch spielen können. Und ich bin davon überzeugt, wenn wir weiter nachdenken, fallen uns noch mehr Dinge ein, die unsere Stadt hervorheben.

Apropos „hervorheben“: Bevor wir uns mit der „Einzigartigkeit“ unserer Stadt beschäftigen, sollten wir uns wirklich mal mit den Themen „Verbundenheit“, Zusammenhalt, Gemeinsamkeit beschäftigen. Ja, ich bin wieder bei der Frage: Wer ist das: „Die Stadt?“. Ich glaube nicht, dass wir mit dem Hinweis: „Lügde, Stadt der Osterräder“ die „Identität zusätzlich“ erhöhen – dazu fehlt es meines Erachtens besonders zurzeit an einigen grundlegenden Dingen…

Ein weiterer Punkt mit dem ich hadere sind einige überzogene Erwartungen im Hinblick auf Tourismuswerbung und Marketing: „es schafft auch zusätzliche Möglichkeiten im Marketing“, heißt es im Antrag. Oben habe ich kurz die Fußball-Liga als Vergleich herangezogen. Wir sollten aufhören zu glauben, wir könnten in der Bundesliga mitspielen. Ein Freund von mir sagt dazu immer: »Lügde hat was. Aber Lügde ist nicht Rothenburg ob der Tauber.«


Mir liegt es fern, den Osterräderlauf in Lügde abzuwerten. Ich will auch nicht die vielen Leistungen des Dechenvereins schmälern. Ich würde mir jedoch wünschen, wenn vor den Diskussionen zu dem Antrag auch Fragen wie: „Wer ist das: Die Stadt“, „Was macht Lügde aus?“ thematisiert werden. Denn ich glaube, dann kommt man automatisch auf Gedanken wie die oben ausgeführten.

Update 15.3.2012: In Schieder-Schwalenberg, einem lippischen Nachbarort von Lügde, findet offensichtlich die gleiche Diskussion statt. Dort fordert die FDP den Zusatztext auf den Ortseingangsschildern. „Malerstadt soll Flagge zeigen“ betitelt die Onlineausgabe der Lippischen Landes-Zeitung lz.de einen Artikel dazu. Aber:

[…] wir sind uns einig, dass der Zusatz ,Malerstadt‘ nur im Bereich Schwalenberg sinnvoll ist”, sagte er. “Sonst wäre das ja irreführend.” […]

…wird Schieder-Schwalenbergs Bürgermeister Gert Klaus in dem Artikel von lz.de zitiert.

Update 19.6.2012: Aktuellere und weitere Infos zum Thema habe ich im Artikel „Lügde - Stadt der Osterräder“ ausgeführt.