Ich kann nicht Tiere

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Ein Baumstamm dessen Rinde wie der Kopf eines Schweins
aussieht

Auch ein Baum kann Schwein haben, 7.10.2012, 35

Ich fotografierte gerade einen Baum. Den Baum da oben. »Marten hat neulich schon gelästert: ›Wann bringst du denn mal wieder einen Baum?‹ Ér spielte wohl darauf an, dass ich bei soheit.de so oft Fotos von Bäumen einklebe.« »Ich konnte mir schon denken, warum er das gesagt hat«, meinte Herzdame, »du hättest ihm sagen sollen: ›Ich kann nicht Tiere.‹« Ich bin nicht darauf eingegangen. Stattdessen sagte ich: »Ich habe ihm selbstverständlich umgehend seinen Wunsch erfüllt und einen Baum gepustet.« »Aber davon wie du dich bei der Tierfotografie anstellst, hast du ihm nichts erzählt, stimmts?«, setzte sie nach.

Ich sage nur: Herzdame ohne Herz. Okay, mir sind ein paar mal Tiere durch die Lappen gegangen. Allerdings wollte ich sie auch gar nicht fotografieren. Es hätte sich jedoch angeboten, nur…

Da war zum Beispiel die Geschichte, als ich die untergehende Sonne fotografierte und sich mir ein Reh auf zwei, drei Meter näherte. Herzdame behauptete das später. Sie habe verzweifelt versucht mich mit: ›Pst, pst, pssts!‹ darauf aufmerksam zu machen. Doch ich vergrub weiter mein Gesicht hinter dem Kameraklotz und visierte die Sonne, die sinkende. – Mensch, ich konzentriere mich halt wenn ich fotografiere!

Als ich mich wieder „meinem“ Reh zuwandte war das vierbeinige bereits weg. Es habe die Augen verdreht, den Kopf geschüttelt und sei in den Wald getippelt um sich einen Coffee-to-go zu genehmigen, berichtete meine Reh-Dame, offensichtlich nicht minder frustriert ob meiner vermeintlichen Ignoranz.

Nun ja, Waldmeister ist auch nichts für mich. Ich kann ja noch nicht mal Fotos von Rehen schießen. Ein paar Wochen zuvor liefen uns mehrmals Rehe über den Weg. Sie schienen uns zuzuwinken wie Nachbarn, die zwei Siedlungshäuser weiter wohnen. Für die Kamera überhaupt kein Problem – nur für den Kameramann. »Bis du soweit bist sind die Rehe schon wieder ins Haus gegangen!« kommentierte das Hausreh an meiner Seite die Situation.

Jetzt wollte ich es wissen. Ich musste die Rehe unbedingt „einfangen“. Während ich mich voran schlich, konnte Herzdame sich das Lachen kaum verkneifen. Irgendwann meinte sie: »Derweil du wie ein Stelzvogel daher schreitest und nach vorn stierst, läuft die komplette Sippe hinter dir über den Weg und lacht sich ein Loch ins Fell.« Pfeilschnell drehte ich mich um, doch da war kein Reh. Das war offensichtlich zu viel für Herzdame. Sie bekam einen Lachanfall und ich kein einziges Stück Wild mehr vor die Linse. Gehe nie mit humorigen Menschen in den Wald.

Aber der Abend mit dem Coffee-to-go-Reh hatte noch eine weitere unheimliche Begegnung der dritten Art parat. Wie geschrieben, das Fotomodel-Reh hatte sich gelangweilt auf ein Heißgetränk verkrümelt. Mir war´s egal. Ich hatte noch nicht genug vom Sonnenuntergang-Fotografieren, lief ein Stück des Weges voraus, kletterte auf einen höheren Baumstumpf und klemmte meinen Kopf hinter die Kamera. Plötzlich hörte ich es poltern, knacken und krachen. Ich nahm den schwarzen Klotz aus meinem Gesicht und schaute mich um. Im Dickicht, unmittelbar neben mir, sah ich noch die Sträucher und Büsche wackeln.

Das Hausreh, also Herzdame, war kreidebleich. Ein riesiger Keiler sei das gewesen. Er sei den Weg heraufgestiefelt gekommen und habe sich nach kurzem Zögern zur Flucht entschlossen. Wer mal wieder von all dem fast nichts mitbekommen hat, war ich. Ich denke oft an die Aussage von Jannick: »Wenn man fotografiert, bekommt man weniger mit.« Er hat recht.

Übrigens: Einige Monate vorher habe ich an gleicher Stelle schon mal ein Wildschwein, ein Frischling, beobachtet. Nur hatte ich an dem Abend keine Kamera dabei.

PS: Da war doch noch was…

Update:Ich kann sehr wohl Tiere!