Für einen Tag der Vasall einer Hofdame. Ein Bericht.

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Darf Mann, als normalsterblicher Bürger dieses wunderschönen Landes, ein Verhältnis mit einer Hofdame haben? Ich hatte eines. Das Verhältnis bestand darin, dass sie mich als ihren Taxifahrer, Fotograf, Bodyguard, mobilen Garderobenständer – kurz: als ihren Vasallen engagierte. Engagierte? Sie ordnete an, ich engagierte mich. (Irgendwie kommt mir das bekannt vor.)

Aber ich beginne besser von vorn. Dieser Tage, man schrieb Samstag den 4. Februar 2012, fand in unserer kleinen Stadt Lügde der traditionelle Winterball mit Königsschießen statt. Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Königsschießen ist eine gänzlich unblutige Veranstaltung.

Der Winterball, der vor Äonen noch Weihnachtsball hieß, weil er am 2. Weihnachtstag ausgetragen wurde, ist, wenn ich das richtig mitbekommen habe, der jeweils letzte große Auftritt eines Königspaares nebst Hofstaat. Das korrekte Procedere könnt Ihr auf der Website der Schützenbruderschaft „Sankt Kilian“ Lügde nachlesen. An jenem denkwürdigen 4. Februar 2012 also, nahm das Königspaar 2011 mit seinem Hofstaat Abschied vom Volk.

Wie Ihr sicherlich schon vermutet habt, gehört die eingangs erwähnte Hofdame dem Hofstaat des Königspaares 2011 an. Vermutlich ob meiner ausgeprägten Toleranz hat sie mich zu ihrem Vasallen berufen – aber erst vor etwa anderthalb Wochen, also nur für den Epilog, dem Winterball. Typisch, wenn die Party dem Ende zugeht, soll ich´s wieder reißen…

Wenngleich ich diese Stabsstelle auch nur kurz inne hatte, gab sie mir doch viele Ein- und Ausblicke in das royale Leben. Das Leben einer Hofdame ist mitunter sehr – ich sage und schreibe mal: interessant. Doch kommen wir zum Tag X, dem 4.2.2012 – meinem Auftritt.

»Um halb Eins muss ich zum Frisör«, sagte sie mir früh morgens bei der Terminbesprechung. »Ah, verstehe, dann lassen My Lady sich bestimmt ein Haarteil einsetzen«, gab ich mich wissend, wobei ich an die Strategie von hohen Schuhabsätzen und Haaraufbauten dachte. »Gute Güte nein! Ich brauche so etwas nicht!«, retournierte sie pikiert, und erklärte mir nebenbei nonchalant, dass man als Hofdame sich nicht die Haare waschen dürfe, weil (das ist jetzt mein Duktus:) gut durchgefettete Haare sich halt besser modellieren lassen. Ich hoffe ich begehe hier gerade keinen Geheimnisverrat. Denn sonst steht mir morgen die Friseurmeisterinnung auf der Matte. Es könnte aber auch sein, dass mir die Guteste eine Bärin aufgebunden hat.

»Um 16 Uhr ist Hofstaats-Versammlung beim Königspaar, mit Vorbesprechung und anschließender Umkleidung!«, lautete der erste Programmpunkt zu dem mein Einsatz gefragt war. Auf der Fahrt dorthin reichte sie mir schon ein paar kostbare Haarnadeln zur Aufbewahrung, die ihr aus der frisch ondulierten Haarpracht gefallen waren. »Ich habe mir heute morgen die Haare gewaschen«, lautete ihr knapper Kommentar dazu. Aus dienstbeflissener Zurückhaltung erschien es mir opportun, ihr nichts von der Erfindung des Haarsprays zu erzählen.

Bei der Vorbesprechung stellte My Lady unvermittelt fest: »Wo ist mein Geschmeide? Ich habe mein Geschmeide vergessen!« Mein zweiter Einsatz. »Die Kette habe ich gefunden, die Stola aber nicht«, erklärte sie den schon wartenden Hofdamen nach unserer Rückkehr. Nur zweidreiviertel Minuten später schritt sie mit zornigen Gesichtsaufdruck auf mich zu: »Mein Ring fehlt noch! Wo hast du nur immer deine Gedanken!«, schleuderte sie mir vorwurfsvoll auf die Ohren. »Ich eile!« Während ich sie erneut zurück chauffierte, erweiterte sie den Auftrag: »Fahr er auch zur Bank, ich brauche noch Geld!« Ich wusste gar nicht, dass Hofdamen sich mit so irdischen Fragen wie: „Habe ich genug Geld?“ beschäftigen.

Kurz vor 18 Uhr brach das Königspaar samt Gefolge und Vasallen auf zum Kirchgang. Im Vorraum, unter dem Kirchturm hatten sich schon einige Vertreter der Schutzgarde, also der Schützenbruderschaft versammelt und warteten auf die Notabeln um diese in die Kirche zu gleiten. Ich dachte eigentlich, dies sei Teil meines Auftrages. Aber nein, nur wer ein Zylinder trägt, darf Hofdamen bei offiziellen Anlässen geleiten. Mit Fahnenträgern samt Fahnen vorweg, flankiert von Zylinderträgern, erhabenen Blickes zogen die Herr- und Frauschaften in das Mittelschiff der Kirche ein.

Ein kleiner Einschub für Leserinnen und Leser, denen unsere hiesigen Bräuche nicht bekannt sind: In unserer kleinen Stadt Lügde wissen wir Kleidung ökonomisch einzusetzen. Wir sind Lipper! Zylinder werden hier bei Beerdigungen, Hochzeiten aber auch bei feierlichen Begebenheiten der Schützenbruderschaft getragen – vorwiegend von Männern (versteht sich).

Wie gesagt, das Königspaar mit Hofstaat hatte sich mit Pomp und Schärpe in die Kirche begeben – doch zurück blieben vier, um ihrer Hofdamen entledigte Vasallen. Das war eine ausgemachte Demütigung für uns. Betrübt sahen wir uns an und beschlossen, nur kraft weniger Augenbewegungen, die feierliche Messe in einer nahegelegenen Gaststätte zu begehen.

Dort war es um einiges wärmer, die Sitzgelegenheiten bequemer, und es gab Getränke für alle. Unsere „Predigten“ drehten sich um Wulff, Beck, Özdemir, die FDP und die Linken. Nach etwa einer Dreiviertelstunde wurde folgender Beschluss gefasst: Alle Politiker haben Dreck am Stecken. Der Beschluss erging einstimmig. (Wähler sind doch ein ungezogenes Volk.)

Wir indes waren uns sicher: Unsere Seelen sind rein! Und so schlichen wir uns, gerade rechtzeitig zum Schlusssegen, wieder in den Vorraum der Kirche. Viereinviertel Minuten später, kamen auch schon, dieses Mal in nicht ganz so geordneter Formation, die Majestäten mit ihrer zylindertragenden Garde wieder dorthin zurück. Ohne ein Wort trollten sich die Zylinderträger davon. Aber ihre finsteren Blicke schienen sagen zu wollen: „Hier habt ihr sie wieder, eure Herr- und Frauschaften!“

Meine Armbanduhr schlug zirka 19.13 Uhr als das Königspaar, die Hofdamens, im Gefolge auch wir, die mobilen Garderobenständer die königlichen Hallen, das Schützenhaus betraten. Bis zum nächsten Tagesordnungspunkt blieb genügend Zeit, sich zu stärken, und eventuell verrutschte Haarsträhnen neu zu sortieren.

Gegen 20.27 Uhr verließ das Königspaar mit Hofstaat und zylindertragender Garde die Lounge ihrer Residenz durch den Hintergang, um gleich darauf durch den Haupteingang offiziell, das heißt mit Ankündigung des Hofmarschalls, wieder einzuziehen. Jetzt war der Bann gebrochen. Im Sekundentakt hielten nun auch die Majonäsen sämtlicher Lügder Ortsteile Einzug.

Derweil ich versuchte die Szenen fototechnisch festzuhalten, sprach mich jemand von hinten an: »Pyrmonter Nachrichten?« »Nein«, antwortete ich knapp aber höflich. Mein Hintermann gab nicht auf: »Ah, Lippische Landeszeitung, stimmts?« Abermals verneinte ich. »Hm, frei«, hörte ich ihn daraufhin sagen. Das klang enttäuscht. Frei ist gut, dachte ich und bestätigte: »Ja, frei.« Es hätte mich erstaunt, wenn ich an dem Abend nicht gefragt worden wäre.

Nach den Eröffnungstänzen schritten My Lady und eine weitere Hofdame auf mich zu. »Komm er mit, wir möchten ein Getränk zu uns nehmen.« Ich tat wie mir geheißen und folgte, unter Einhaltung des „höflichen“ Abstandes von 1,754 Meter, den Damen. Als ich zu ihnen aufgeschlossen hatte, nippten sie bereits an ihren Getränken. Eine gefühlte Dreiviertelstunde später nahmen die beiden Hofdamen mich und mein fragenden Gesichtsausdruck wahr. »Ach, du bist ja auch da«, meinte My Lady lakonisch und zur Theke rüber: »Mundschenk! Bring er mir noch ein Glas Wasser für meinen Vasallen!« So etwas wird in Fachkreisen „hof-dämlich“ bezeichnet.

Aber es gab auch schöne Momente an dem Abend: Bei seiner Handshake-Tour durch die Reihen hat mich doch tatsächlich der Bürgermeister begrüßt. Vielleicht wußte er aber auch, dass ich meine Akkreditierung direkt vom Königshof erhalten habe. Einen Hoffotografen sollte man auch nicht unterschätzen.

Der Ball war übrigens nicht durchgehend ein Fest für die Sinne. Sicher, es gab viele bezaubernde Damen zu sehen. Aber die vom Zigarettenrauch geschwängerte Luft trübte nicht nur die Fotos ein… Auf meine Nachfrage hin wurde mir erklärt: »Dies ist doch eine geschlossene Gesellschaft!« »Dafür ist die Gesellschaft aber ziemlich offen«, gab ich zurück. Ich hatte das positiv gemeint, erntete aber nur missbilligende Blicke. Was lernen wir daraus? Was geschlossen oder offen ist, ist manchmal eben auch eine Frage der Interpretation.

Ich war bei den Sinnen. Auch auditiv war der Winterball eine Herausforderung. Allerdings hatte die enorme Lautstärke bei gleichzeitig schlechter Akustik auch Vorteile. Denn nicht nur die Musik und die Ansagen waren schwer zu verstehen – auch die Anweisungen von My Lady, die ich dann, je nach Belieben in meinem Sinne ausgelegt habe.

Ihr wollt wissen, warum ich das alles erzähle? Ich predige nicht nur Wasser, ich trinke auch Wein.