Brüder

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 2 Minuten

Sie heißen Glatzkopf-Li und Song Gang, und sie sind so unterschiedlich wie Brüder kaum sein können – denn sie sind keine Brüder. Doch als Song Fanping, Vater von Song Gang, Glatzkopf-Lis Mutter ehelicht, sind sie es. Seine Freunde kann man sich aussuchen, seinen Bruder nicht.

Aber trotz ihrer Unterschiede werden die beiden „Brüder“ Freunde. Blutsbrüder, hätten Winnetou und Old Shatterhand wohl gesagt. Aber Glatzkopf-Li und Song Gang leben nicht im Wilden Westen, sondern im „Wilden Osten“ – genauer gesagt: In der kleinen Stadt Liuzhen – in China, falls jemand eine gröbere Ortsangabe wünscht.

Glatzkopf-Li und Song Gang wachsen in ärmlichsten Verhältnissen auf. Sehr früh sterben ihre Eltern. Dennoch schaffen es die beiden, den extremen Härten mit denen sie das Leben in Liuzhen konfrontiert zu trotzen – mehr oder weniger.

Glatzkopf-Li der kleinere der beiden Brüder, der dreiste, der mutige, der ungehobelte versucht sich in verschiedenen Branchen als Unternehmer, und hat nach kleinen Höhen und Tiefen Erfolg: Mehr aus Zufall beginnt er mit Altwaren zu handeln und wird damit mehrfacher Millionär.

Song Gang der altruistische, der zurückhaltende, der feinfühlige versucht sich als Verkäufer von Blumenblüten und Kunst-Hymen und bleibt arm. In seiner Not lässt sich Song Gang sogar die Brust vergrößern um die Wirkung einer Brustvergrößerungscreme anschaulicher zu machen und dadurch die Creme besser verkaufen zu können – doch es hilft ihm nichts. In der Liebe allerdings scheint Song Gang die Nase vorn zu haben…

Beide Brüder lieben die gleiche Frau – Lin Hong. Eigentlich ist das nur logisch, denn alle Männer in Liuzhen schwärmen für Lin Hong. Lin Hong hat jedoch nur Augen für Song Gang… Vor lauter „Verzückung“ darüber, lässt Glatzkopf-Li sich sterilisieren. Aber das eine schließt das andere nicht aus…

…Erst viel später, Glatzkopf-Li hat es längst zu Reichtum gebracht, stellt sich heraus, dass diese Spontan-Operation eine gute Investition war. Denn es sind mehr als dreißig Frauen, die vor Gericht Glatzkopf-Lis schändliche Zügellosigkeit anprangern und für sich und ihre Kinder Unterhalt einfordern. Dem Richter überzeugen allerdings nicht die Darlegungen der Klägerinnen und das Geplärre ihrer Kinder, sondern Glatzkopf-Lis Krankenakte von der Samenleiter-Ligatur.

Brüder“ ist ein Roman von Yu Hua. Mit der Geschichte von Glatzkopf-Li und Song Gang gelingt es Yu Hua ein kleines Stück weit, die Kulturrevolution und den Wirtschaftsrausch in China für den Leser spürbar zu machen. Der Roman ist zum Weinen, zum Lachen, zum Kopfschütteln – und er ist vor allem eines: auf eine besondere, komisch-tragische Weise über 765 Seiten unterhaltsam.