Also, wenn ich jetzt ein Foto machen wollte…

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Herbst am Schiedersee (21.10.2012, 64)

»Also, wenn ich jetzt ein Foto machen wollte, dann würde ich ja die Nebelfelder an dem Ufer da drüben als Motiv wählen.« Während ich die Kamera auf den von mir gewählten Gegenwartsausschnitt einstellte, dachte ich über ihren Satz nach. Es ist ein herrlicher Herbstmorgen am Schiedersee. Wir sehen dasselbe. Dennoch würde sie von dieser Wanderung andere Motive mit der Kamera festhalten als ich.

Das ist wie mit einem Kinofilm von dem mehrere Zuschauer berichten. Es gibt Filmszenen, die erwähnt beinahe jeder, das sind die Freiheitsstatuen in der Fotografie – und es gibt Sequenzen, von denen nur wenige erzählen, das sind unter den Fotografen die St. Paul’s Chapels.

Ich nehme etwas wahr, und erzähle davon. Ich höre ein starkes Lied und spiele es Freunden vor. Ich lese ein Buch voller Phantasie und empfehle es weiter. Ich sehe etwas, halte es auf einem Foto fest und zeige es herum – klebe es in meine Website. Warum? Ich möchte das Wahrgenommene mit anderen teilen.

Das ist aber nicht alles. Ich möchte nicht nur etwas mit anderen teilen, ich teile ihnen auch etwas von mir mit. Das bin ich. Ich habe diesen Fotoauschnitt gewählt, der war mir unter unzähligen, möglichen Motiven dokumentationswürdig oder repräsentativ. Ich finde dieses Lied stark, weil ich ein großer Fan von virtuosem Gitarrenspiel bin. Ich empfehle das Buch, weil es von irrwitzigen Ideen darin nur so wimmelt und ich auf gute Ideen total abfahre.

Ständig teile ich etwas von mir mit – auch mit der Kleidung. Ich trage nie eine Krawatte, weil ich sie nicht begründen könnte. Ich berichte also auch von mir, indem ich es nicht sichtbar werden lasse, es nicht wiederhole, es ausklammere, es nicht thematisiere. – Es ist vermutlich unmöglich, nichts von sich mitzuteilen.

In diesem Sinne hier noch ein Lied, das ich für heute ausgewählt habe: „The Longer The Waiting, The Sweeter The Kiss“ – gesungen von Anna Ternheim.