Warum es sich lohnt, im Netz zeitnah zu dokumentieren

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Ich bin schon öfters gefragt worden: Warum bloggst du eigentlich? Seit einiger Zeit stelle ich bei der Antwort einen Grund besonders heraus: Soheit.de nutze ich, um Dinge damit zu dokumentieren und sie auf diese Weise auch zu archivieren.

Warum ist es mir wichtig, dass Informationen im Netz dokumentiert und archiviert werden?

Besonders deutlich ist mir das vor ein paar Wochen geworden, als mich Dieter Rüsenberg auf sein Video über die Zigarrenherstellung in Lügde aufmerksam machte. Ich schaute mir das Video an und war augenblicklich in der Vergangenheit meiner Familie abgetaucht. Denn die Zigarrenfabrik Schwering & Hasse in Lügde war über 140 Jahre der Arbeitgeber in Lügde.

Um meine Erinnerungen aufzufrischen, suchte ich auch im Netz nach mehr Informationen zum Thema „Zigarrenherstellung in Lügde“. Doch im Netz ist darüber kaum etwas zu finden. Mit dem Artikel „Lügde, die Stadt der Zigarren“ habe ich, wie Dieter Rüsenberg, versucht, ein kleines bisschen dazu beizutragen, diese Lücke zu füllen.

Doch obwohl ich über viele Jahre gesehen habe, wie meine Mutter und meine Großeltern den Tabak aufdeckten, konnte ich mich nicht mehr genau erinnern, wie sie das gemacht haben. Meine Mutter zum Beispiel konnte mir nicht mehr sagen, von wann bis wann sie den Job ausgeübt hat, und in welchen Jahren diese Art von Heimarbeit in Lügde besonders weit verbreitet war – ich vermute bis in die 70er Jahre.

140 Jahre Wissen – Geschichte – einfach futsch.

…Futsch? Okay, nicht ganz. Allerdings: Wenn sich meine Nichten und Neffen mal für das Thema „Zigarrenherstellung in Lügde“ interessieren, werden sie nicht mehr viele Informationen dazu finden. Mir wurde klar, wie viel Wissen trotz all der Möglichkeiten die wir heute haben, noch immer über die Tischkante ins Nichts verschwindet.

Aber es gibt doch das Buch „Zigarren aus Lügde“, werden mir jetzt einige entgegenhalten. Ja. Und wann wurde das Buch geschrieben? Wie meisten Chroniken: Nachher – wenn alles gelaufen ist, wenn Zeitzeugen verstorben sind, wenn man für das Schreiben verzweifelt in alten Unterlagen nach Informationen sucht und sie oft nur lückenhaft wieder rekonstruieren kann.

Was ist mit den Anekdoten, mit den Hintergrundinformationen, mit den persönlichen Schilderungen von Menschen die dabei waren? Werde ich Informationen finden wie: Dass man bei der Arbeit mit Tabak pechschwarze Hände bekommen konnte, dass der Geruch von Tabak beißend sein konnte, dass die Luft von Tabakstaub geschwängert sein konnte? Bekomme ich in den Chroniken solche authentischen Berichte zu lesen?

Bevor ich falsch interpretiert werde: Ich will das Buch nicht abwerten. In dem Buch „Zigarren aus Lügde“ wird auch kurz auf den von mir geschilderten Arbeitsvorgang eingegangen. In der Textpassage, die etwa einen halben Absatz lang ist, wird sogar erwähnt, dass die Tätigkeit aufgrund des dabei freigesetzten Staubes als äußerst gesundheitsschädlich galt (1).

Worum geht es mir?

Mir geht es nicht darum, die Geschichte der Zigarrenherstellung in Lügde neu aufzulegen. Auch wenn ich das Thema recht spannend finde, es hat bei mir keine hohe Priorität. Ich habe das Thema nur gewählt, weil ich damit veranschaulichen möchte, was noch heute mit Informationen, mit Wissen passiert.

Mir ist es wichtig, dass wir wichtige Informationen, dass wir Wissen festhalten, dokumentieren, archivieren. Wir haben heute das Internet! Wir können Begebenheiten, Erlebnisse jederzeit, also zeitnah erfassen. Zu einem Zeitpunkt, wo wir noch genau schildern können: Wann etwas begonnen und wann es beendet wurde, was die Ausgangssituation war, warum wir es dann so und nicht so durchgeführt haben, wer welchen Part bei den Arbeitsabläufen übernommen hat und wie er das gemacht hat, und so weiter.

Schon meine Formulierung im vorhergehenden Satz ist verdächtig. Ich habe die Vergangenheitsform gewählt. Aber die Zeit zwischen den zu erfassenden Informationen und dem tatsächlichen Dokumentieren sollte möglichst kurz gehalten werden. Denn wenn wir wichtige Dinge immer zeitnah dokumentieren, ersparen wir uns später die zeitaufwendige Recherche.

Mir geht es auch um Authentizität. Wenn ich das Wort Dokumentation höre, denke ich auch zunächst an eine Sammlung von Fakten. Das Lesen von nüchternen Faktensammlungen kann aber sehr mühsam werden. Wenn man jedoch Dokumentationen mit Sinneseindrücken ergänzt, fällt es dem Leser möglicherweise leichter die geschilderten Geschehnisse nachzuvollziehen. Auch Anekdoten lassen Dokumentationen lebendiger werden.

Mit Authentizität meine ich hier besonders die zeitgerechte Authentizität. Denn ich glaube: Je mehr Zeit zwischen dem Erleben und dem Aufschreiben vergangen ist, je mehr verändert sich auch der Eindruck von dem was erlebt wurde. Den Mathe-Unterricht in der siebten Klasse habe ich damals sicherlich anders beurteilt als heute, mit der Gelassenheit von grauen Schläfen.

Einige Leser werden möglicherweise einwenden: Aber für das Dokumentieren haben wir doch die Lokalzeitungen. Die machen das doch! – Wirklich? Wie viele Artikel von denen sind auch in deren Online-Version zu lesen? Wie gut lassen sich deren Online-Archive durchsuchen? Aber es stimmt: Die hiesigen Zeitungen dokumentieren viel. Nur: Ist das deren Job? Warum lasse ich einen Dritten berichten, wenn ich es auch selbst kann – vielleicht sogar besser, weil ich die Möglichkeit habe umfassender, und aufgrund meiner Nähe zum Thema auch genauer zu informieren?

Soheit.de nutze ich, um Dinge damit zu dokumentieren, habe ich oben geschrieben. Tatsächlich verfasse ich diesen Artikel auch, um damit etwas für mich festzuhalten, zu dokumentieren: Ich bin, mehr oder weniger, auch für Inhaber anderer Webangebote tätig. Und denen kann ich mit diesen und mit meinen anderen Artikeln rund um das Thema „Websites“ jederzeit belegen: Sagt nicht, ich hätte es nicht gesagt.

Fazit:

Mit Hilfe des Internets kann heute jeder dazu beitragen, das Wissen, Kenntnisse, Informationen nicht in Vergessenheit geraten. Dazu brauchen wir keine Gatekeeper.


(1) Zigarren aus Lügde, Zur Geschichte der Tabakwarenindustrie in Lügde von Willy Gerking, 2002, Seite 14


Dieser Artikel ist eine Fortsetzung meines Beitrages „Hochglanzbroschüre, CD oder Internet?