Von Standpunkten und Perspektiven

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Ein bisschen Lügde im Herbst

Vor ein paar Tagen verwirrte ich meine Kollegin mit diesem Bild, das heißt mit diesem. Hätte sie die Fotoversion oben gesehen, wäre es ihr sicher leichter gefallen einzuordnen, von welchem Standpunkt ich das Foto geschossen habe. »Das ist eine ziemlich ungewöhnliche Perspektive«, meinte sie.

Auch ich habe erst eine Weile in die Richtung geschaut bevor mir auffiel: Komisch, aus diesem Blickwinkel habe ich die Häuserecke noch nie bewusst betrachtet. Woraufhin ich mir die Kamera griff und das Motiv in einigen Fotos festhielt.

Ich finde den Blickwinkel sehr schön. Es wundert mich ein bisschen, dass diese Foto-Perspektive in keinem der vielen Werbeprospekte oder Flyer über Lügde zu entdecken ist. Ganz sicher weiß ich das allerdings nicht. Andere Blickwinkel, wie zum Beispiel dieser von der Kilianskirche in Lügde, werden dagegen geradezu inflationär verwendet.

Schon häufig dachte ich während ich fotografierend durch Lügde stiefelte: Wenn alle Leute mal von ihren Balkonen, aus ihren Dachfenstern Motive von Lügde fotografieren und an einer Stelle veröffentlichen würden, dann wären dabei sicher etliche, hochinteressante Ansichten zu finden.

Mal abgesehen von diesen, ich nenne sie mal „verschlossenen“ Motiven, weil sie eben nicht für jedermann zu erschließen sind, gibt es in Lügde mit Sicherheit noch etliche bemerkenswerte Blickwinkel, denen noch keine fotografische Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Dann leg doch los!, werden mir jetzt bestimmt einige zurufen wollen. Wenn es denn so einfach wäre – auch ich bin offensichtlich nicht aufmerksam genug, all diese Perspektiven zu entdecken.

Beim Fotografieren hüpft mir oft die Redewendung „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“ in den Sinn. Wir gehen tausendmal an einer schönen Ecke vorbei, aber wir wissen sie nicht zu schätzen. Oft muss erst ein Außenstehender kommen und uns mit der Nase auf die Schönheit eines Blickwinkels stoßen. Und schwupps, hält jeder die Kamera darauf.

Manchmal ist es auch das Drumherum, das uns für die Schönheit eines Details blind macht. Das Unschöne stört uns derartig, das wir das Schöne nicht mehr wahrnehmen. Wobei vielleicht das Unschöne nicht schlecht ist, es ist nur anders – nicht so wie gewohnt. Einiges wäre hinnehmbar, möglicherweise sogar reizvoll, wenn wir unsere ureigene Sichtweise einfach nur erweitern würden.

Ich glaube, dass man von Zeit zu Zeit einfach mal den Standpunkt wechseln muss, um neue Perspektiven zu entdecken. Und so erinnert mich das Fotografieren nicht selten auch an das menschliche Miteinander, an Achtsamkeit, an Toleranz.