Sportbericht eines TT-A´s mit fünf Lektionen

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Christine Röder auf dem Friesen Nykle während der Prüfung zur L-Dressur auf Trense.

Man muss die Dinge nicht unbedingt selbst beherrschen, um sie beurteilen zu können. Dieser Satz des Pythagoras will aufzeigen, dass auch Dilettanten mitunter wie Profis rüberkommen.

Guten Abend meine Damen und Herren, willkommen bei den soheit.de-Sportnachrichten. Sie erahnen es bereits, ich war mal wieder als Sport-Blogger in einer Sparte unterwegs, in der ich nicht beheimatet bin.

Meine Kollegin Christine hatte mich zum „Traditionellen Pyrmonter Pfingst-Reiturnier“ eingeladen und drückte mir dazu zwei DIN A4 Zettel in die Hand. „Zeiteinteilung“ steht darauf ganz oben zu lesen. Das wird das Programm sein, hoffte ich. Ganz daneben lag ich mit meiner Vermutung nicht, doch mir fehlte die Dechiffriermaschine für die mit Nummern, eigenartigen Buchstabenkombinationen, Abkürzungen und Uhrzeiten übersäte Lektüre. Meine Kollegin hätte mir auch den Schaltplan eines Hubschrauber-Cockpits geben können, oder auch einen Zettel mit der Aufschrift: Du hast zwar eh keine Ahnung, komm aber trotzdem am 11. oder 12. Juni 2011 zum Turnierplatz.

Kaum dass ich mit meinem Steel Horse den mit Pferde-Wohnwagen gefüllten Parkplatz am Turniergelände erreicht hatte, stürmte mir meine Kollegin entgegen: »Du kannst dich sofort nützlich machen. Wir sind gleich noch mal dran. Wir müssen Nykle holen.« Nykle, also das Pferd, erholt sich zwischen seinen Einsätzen lieber in der Garderobe seines Wohnwagens, erfuhr ich unterwegs. Sind das Star-Allüren? Ich weiß es nicht.

Mein Steel Horse am Pferde-Wohnwagen angebunden, das richtige Pferd vom Schminkspiegel weggezerrt, zu dritt zurück auf dem Turnierplatz wurde ich einem echten O-TT, einem Ober-Turniertrottel vorgestellt. »Hier, das ist mein Kollege. Nimm dich seiner an. Ich muss los.« Meine Kollegin entschwand mit Pferd und ich stand allein in der unbekannten Menge neben ihrem Schwager, nennen wir ihn wahrheitsgemäß Konrad. »So, so, ein ganz frischer TT-A [1], was?«, fragte mich Konrad freundschaftlich und drückte mir einen Camping-Klappstuhl in die Hand. »Hier nimm! Und jetzt immer mir nach! Wir müssen den Profis noch ein bisschen beim Nachnivellieren helfen.«

Wir plazierten unsere Regiestühle zwischen dem Dressurplatz und dem Abreit-Platz. Ich habe immer geglaubt, der Abreit-Platz sei so etwas wie ein Feld auf dem sich die Pferde nach getaner Arbeit entspannen können. Aber – Lesson No. 1:

Der Abreitplatz dient der Vorbereitung von Pferd und Reitern bei Turnieren. Bei Turnieren der FN ist er vorgeschrieben! Im Freien muss der Abreitplatz eine Mindestgrösse von 40x80m haben, in der Halle von 20x40m.

[Quelle: pferde.your-freelancer.ch] Gut schön, da saßen wir also, der O-TT und ich, der TT-A, und schauten den Expertinnen Christine und Constanze mit ihren Pferden Nykle und Heraldos bei der Aufwärmphase zu. »Links – äh rechts!«, unterbrach Konrad unvermittelt unsere Plauderei über Pferdenarren und -Närrinen. Irritiert schaute ich rüber zu Constanze, an die er seine Anweisung gerichtet hatte. Offensichtlich übte Constanze gerade mit Heraldos das Stehen. »Jetzt links! Gut so!« Zu mir gewandt erklärte er mir: »Eine Reiterin kann auf dem Pferd sitzend nicht gut erkennen, ob ihr Pferd die Hinterbeine parallel zueinander gestellt hat. Mit solchen Hinweisen hat eine Reiterin die Möglichkeit, dem Pferd die entsprechende Korrekturanweisung zu geben.« Aha, Lesson No. 2: Das meinte Konrad also, als er von „nachnivellieren“ sprach.

Kurze Zeit später hatten die beiden von uns betreuten Duos auch schon ihren großen Aufritt auf dem Dressurfeld. Wir waren beim Programmpunkt: „Dressurpfg. Kl. L Trense“ angelangt. Mich erinnerten die Prüfungen an meinen Tanzkurs. Wie merken sich die Reiterinnen eigentlich, wann sie was und wie zu reiten haben? Angeblich sei das kein großes Problem, wurde mir verklärt. Vergessen wir das mit meinem Tanzkurs…

Und was kommentieren die Richter dort oben auf der Richterbank den Protokollführern in die Federn?, wollte ich wissen. Auf dem Protokollblatt ist von jeder einzelnen Sequenz der Lektion, in diesem Fall der L-Dressur, eine kurze Beschreibung vorgedruckt. Daneben schreiben die Protokollführer das zur Sequenz gehörende Statement der Richter, habe ich in der Lesson No. 3 gelernt.

Zwischenfrage eines interessierten TT-A´s: Können die Richter eigentlich das, was sie da beurteilen? Die Antworten fasse ich mal so zusammen: Nicht unbedingt. (Die Welt ist voller Eunuchen.)

Später, Nykle und Heraldos hatten sich bereits wieder in ihre „Wohnwagen“ zurückgezogen, schauten wir uns die „Dressurpfg. Kl. L Kandare“ an. Mich interessierte, was denn den Unterschied zwischen der L-Dressur auf Trense und der auf Kandare ausmacht.

»Zu erkennen ist die Kandare schon an den vier Zügeln. Das Pferd mit Kandare zu reiten ist schwieriger, da du viel sensibler die Zügel führen musst«, erklärte mir Christine.

Mit der Kandare […] dürfen nur Reiter mit weicher Hand und zügelunabhängigem Sitz reiten, da durch die Hebelwirkung eine enorme Kraft aufgebaut werden kann, wodurch es bei unsachgemäßem Gebrauch zu Verletzungen des Pferdemauls kommen kann.

[Quelle: de.wikipedia.org] Meine nächste Frage erahnend fügte sie hinzu:

»Mit der Kandare ist es aber möglich, sehr viel präziser mit dem Pferd zu arbeiten.« Das war Lesson No. 4.

Eine Lektion haben wir noch: Was bedeutet es, wenn Pferde schnauben? »Wenn Pferde abschnauben, ist das meistens ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass das Pferd in einem Zustand der Entspannung, der Gelassenheit ist«, ließ Christine mich wissen. Entspannung, Gelassenheit? Das habe ich schon öfters gehört. Richtig, beim Yoga! Lektion No. 5: Bei der Entspannung abschnauben! Mal schauen, was meine Yogalehrerin dazu sagt, wenn ich das beim nächsten Unterricht beherzige.

[1] Turniertrottel-Anwärter

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