Nebel auf dem Mythenweg

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Ach, wofür ich nicht alles gut bin… Vorgestern zum Beispiel sollte ich die Zeit messen, die es braucht, die Kurzversion des Mythenweges in Lügde abzuwandern. Bei den Experten von „Blühend-Brennend-Bunt“ hat sich, wenn ich das richtig mitbekommen habe, ein Fachleut von einer wichtigen, mir allerdings nicht bekannten Zeitschrift, angekündigt. Er wird dieser Tage anreisen und möchte die Angebote der Kooperation in Augenschein nehmen, um hernach in besagter Zeitschrift darüber zu berichten. Und weil es so unglaublich viel Wissens- und Sehenswertes aus dieser Region zu erzählen gibt, ist ein ausgefeilter Programmablauf notwendig, um dem Gutesten in der wenigen zur Verfügung stehenden Zeit, zumindest einige der vielen Highlights präsentieren zu können.

Auch der Mythenweg steht in jenem Programm. »Komm mal mit, wir müssen die Zeit stoppen!«, lautete die Order meiner Chefin. Die Zeit stoppen? Ts, was da wohl bei rum käme, wenn wir das wirklich könnten, dachte ich. Gesagt habe ich jedoch nichts. Wir fuhren zum Fuß der Herlingsburg und stapften in den Wald – meine Chefin, obwohl lediglich mit zarten, himmelblauen Trittchen beschuht, entschlossen vorweg. Es war kühl, es regnete und es war nebelig. »Was soll ich denn hier für Fotos machen?«, grummelte ich so tonlos wie möglich.

»Uhrenvergleich!« bellte sie plötzlich. »Meine ist schöner«, entgegnete ich kleinlaut. Sie überhörte es. Nur für´s Protokoll: Es war 14.16 Uhr. »Ab hier werden wir mit dem Fachmann los wandern«, lies sie mich wissen. »Oh, wie einfühlsam. Jetzt wird der Weg auch steiler.« Statt eines Kommentars kam ein Kommando: »Du machst Yoga. Du gehst vor!« Frauenlogik. Das verstehe wer will. Ich mache auch gern mal ein Schläfchen, darf ich dann hier warten? Doch wieder einmal zog ich es vor zu schweigen und trottet los.

Während ich den Waldweg hinauf stiefelte wurde mir allmählich klar, warum ich bei diesem „Zeitmessen“ dabei sein musste. Der Wald wurde dichter und es wurde dunkler. Der Nebel und die vom Regen verursachten Tropfgeräusche verstärkten den Eindruck noch – der Weg schien zeigen zu wollen, aus welchem Grund er diesen Namen trägt: Mythenweg.

Meine vorgesetzte Kollegin wollte sich offensichtlich noch in die Szene hineinsteigern und rezitierte – für wen auch immer – die Sage von der weißen Jungfrau. Ich drehte mich zu ihr um. »Man kann sich doch gut vorstellen, dass sie dort gleich durch die Bäume schwebt, nicht wahr?« Sie sprach merkwürdig leise. »Die weiße Jungfrau? Hoffentlich!«, meine Phantasie machte einen Purzelbaum vorwärts. Doch gleichzeitig glaubte ich verstanden zu haben, was meine Mission ist: Meine Chefin hat Angst! Sie weiß, dass das Wandern auf dem Mythenweg manchmal unheimlich sein kann. Besonders bei dem Nebel. Sie hat mich als ihren Beschützer gewählt!

Wieder war eine Frucht vom Baum der Erkenntnisse gereift: Wenn Frauen auch das Kommando haben, heißt das noch nicht, dass sie keinen Beschützer brauchen. Beseelt von diesem neuerlichen Wissen fühlte ich mich nützlich, ja, wertvoll. Erstarkt schritt ich weiter. »Komm, wir sind gleich oben!«, rief ich ihr beglückt zu. Wie schön es doch ist, gebraucht zu werden. Alle paar Meter hielt ich an, damit sie zu mir aufschließen konnte. Ich kaschierte das, indem ich meine Kamera hervorkramte und fotografierte. Sie sollte nicht merken, das ich Bescheid wusste.

Oben, auf dem Wall der Herlingsburg stehend, schauten wir ein Weilchen auf den Schiedersee. »Sag mal, was hat der Reporter für eine Kondition? Meinst du, ihr könnt den mir nichts dir nichts hier rauf scheuchen?« »Er hat gesagt, er sei Wanderer.« »Na dann…« Sie schickte sich für den Rückweg an. »Los jetzt! Du gehst vor, du hast die Schuhe mit der besseren Sohle.« Ach, vorhin war noch Yoga der Grund, jetzt ist´s die Schuhsohle, dachte ich im Stillen, tat aber, wie mir geheißen. Sie muss etwas in meinem Gesichtsausdruck gelesen haben und ergänzte: »Wenn ich ins Rutschen komme, kannst du mich…« Dann rutscht du mir in die Hacken und wir liegen beiden im Matsch! Geschenkt! Das wollte ich ihr entgegen schleudern, verkniff es mir aber – denn hatte sie nicht gerade wieder an meinen Beschützerinstinkt appelliert?

»Was sagt deine Uhr?« wollte sie wissen, als wir wieder am Auto waren. Nichts, die war schon immer stumm, hätte ich gern geantwortet, sagte aber nur: »15.12 Uhr.«

Jetzt, wo ich diese Geschichte schreibe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob meine vorgesetzte Kollegin mich wirklich zu ihrem Schutz dabei haben wollte. Vielleicht war genau das ihre Absicht: Ich sollte das glauben. Denn wenn Männer sich als Beschützer fühlen, sind sie edelmütig und lassen sich besser formen… Ach, ich will darüber nicht weiter nachdenken. Für mich sind Frauen wie Nebel – nicht (be)greifbar. Punkt.


Der Mythenweg in Lügde führt über die Herlingsburg. Sowohl die Herlingsburg, als auch der Mythenweg, „verführen“ mich immer wieder – zum Fotografieren und Texten:

Update 18. Juli 2011:

Zum Thema Streckenführung, bitte hier entlang: Der Mythenweg im TEUTO_Navigator