Lügde, die Stadt der Zigarren

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 4 Minuten

Lügde, die Stadt der Zigarren?, werden sich vermutlich einige fragen. Ist Lügde nicht die Stadt der Osterräder? Ja, Lügde war aber auch die Stadt der Zigarren. Allerdings: Während die Osterräder in jedem Jahr am Ostersonntag noch den Osterberg hinunterrollen, werden Zigarren in Lügde schon länger nicht mehr hergestellt.

Aber man darf nicht vergessen, dass die Zigarrenindustrie in Lügde über viele Jahre zahlreichen Menschen eine Arbeitsstelle sicherte. Daran soll auch eine Bronze-Skulptur erinnern, die in der Nähe des mittleren Kreisels aufgestellt wurde. Das Denkmal ist übrigens ein Geschenk der Schwering & Hasse Stiftung.

Als ich mir die Skulptur zwei Tage nach der offiziellen Übergabe angeschaut habe, sprangen meine Gedanken um viele Jahre zurück. Darin sah ich meine Mutter und meine Großeltern, wie sie, bei uns zu Haus, Tabak aufdeckten.

Damals wurden in vielen Familien in Heimarbeit für die Zigarrenfabrik gearbeitet. Das Tabakaufdecken war eine solche Arbeit. Ich weiß nicht, ob das der richtige Begriff ist. Bei dieser Tätigkeit handelt es sich um einen von mehreren Arbeitsschritten „von der Tabakpflanze zur fertigen Zigarre“.

Morgens, zwischen 7.00 und 8.00 Uhr wurden die Haushalte mit einem oder auch mehreren Säcken voll mit Tabakblättern beliefert. Die Tabakblätter in den Säcken waren wie feuchtes, welkes Laub und relativ kompakt zusammengequetscht.

Die Aufgabe war nun, diese Tabakblätter zu glätten, zu teilen und in Bündeln zusammenzufassen. Dazu nahm man zunächst ein Bündel Tabakblätter aus dem Sack heraus. Und dann wurde jedes Tabakblatt einer „Einzelbehandlung“ unterzogen.

Als erstes zog man das Blatt wie ein nasses, zusammengeknuddeltes T-Shirt aus der Waschmaschine auseinander. Anschließend wurde Tabakblatt auf einen Tisch gelegt und vorsichtig mit den Handflächen geglättet.

Dann nahm man das Tabakblatt in eine Hand, griff mit der anderen Hand den Blattstiel und entfernte mit einem leichten Zug an dem Tabakblatt die Mittelrippe des Blattes, indem man das Blatt beim Ziehen über die Hand drehte.

Hernach wurden die beiden Tabakblatthälften übereinander gelegt, wobei sie noch mal mit den Handflächen glatt gestrichen wurden. Hatte man einen zwei bis drei Zentimeter dicken Stapel Tabakblatthälften „erarbeitet“, faltete man diesen und band die Enden mit einer Blattrippe zusammen.

Die so erzeugten Tabakblatt-„Pakete“ wurden zunächst gestapelt und ganz zum Schluss fein säuberlich zurück in den Sack gepackt, in dem der Tabak geliefert wurde. Wobei der Abfall, also die Rippen und die nicht verwendbaren Tabakblätter als erstes, also unten in den Sack gepackt wurden. Wichtig aber war, dass bei den ganzen Arbeitsschritten sorgsam und vorsichtig gearbeitet wurde, denn es sollte selbstverständlich möglichst wenig Abfall entstehen.

Am nächsten Morgen wurde der Sack mit den so bearbeiteten Tabakblättern wieder abgeholt und gegen einen Sack mit „frischen“, verknuddelten Tabakblättern ausgetauscht.

Meine Mutter hat das früher jahrelang gemacht, und so ein kleines „Zubrot“ für die Familie verdient. Nicht selten halfen ihr dabei auch meine Großeltern.

Ich kann mich noch an den Geruch erinnern, der dann in der Wohnung lag. Denn der Tabak roch sehr intensiv. Ein aromatischer Duft war das nicht unbedingt. Er war scharf, manchmal sogar ein bisschen beißend.

So wie der Geruch unterschiedlich kräftig in der Wohnung hing, so unterschiedlich stark konnten sich beim Arbeiten auch die Hände verfärben beziehungsweise verschmutzen. Das lag vermutlich auch an der Herkunft des Tabaks. So soll beispielsweise der Brasil-Tabak viel dunkler als der Sumatra-Tabak sein.

Manchmal, wenn ich zum Beispiel Schulfrei hatte, habe ich meiner Mutter bei dieser Arbeit geholfen. Ich durfte allerdings nur die Blätter auseinander streifen und mit den Händen auf dem Tisch glätten. Mehr hat sie mir nicht erlaubt, denn es sollte ja kein Tabakblatt durch tölpelhafte Ungeschicklichkeit zerstört werden. Daher kann ich mich auch nur an diesen Arbeitsschritt gut erinnern.

Kürzlich schickte mir Dieter Rüsenberg den Link zu einem von ihm gedrehten und ins Netz gestellten Video. In dem Video zeigen Lügder Damen, wie Zigarren gewickelt und gedreht wurden. In einer der Szenen ist auch zu sehen, wie die Mittelrippe aus dem Tabakblatt entfernt wurde.

Auch das Klöppeln ist ein Handwerk, das in Lügde sehr verbreitet war. Dieter Rüsenberg hat dazu ebenfalls ein kurzes Video im Heimatmuseum Lügde gedreht. Was hat denn jetzt das Klöppeln mit der Zigarrenherstellung zu tun?

Das hat etwas mit der Wahl von Wirtschaftsstandorten zu tun: Geklöppelt wurde in Lügde schon lange bevor sich die Zigarrenherstellung hier verbreitete. Für das Klöppeln braucht man geschickte und wieselflinke Hände. Aber auch für die Zigarrenherstellung war damals eine hohe Fingerfertigkeit notwendig. Und so verwundert es nicht, dass sich die Zigarrenindustrie früher gern dort ansiedelte, wo viele Menschen klöppelten. Ob das auch ein Grund dafür ist, dass die Zigarrenherstellung auch in Lügde heimisch wurde, weiß ich (noch) nicht.

Was ich aber bedenkenlos behaupten kann ist: Wir Lügder waren es schon immer und sind es noch – sehr behände.

Update 26.12.2011: Ich habe diesen Text aus verschiedenen Gründen geschrieben. Einen weiteren Grund habe ich in dem Artikel „Warum es sich lohnt, im Netz zeitnah zu dokumentieren“ erläutert.