Hose zittere nicht, ich bin bei dir

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»Hast du schon mal etwas vom Recht am eigenen Bild gehört?«

Jessas, ich hab´s getan! Einige Leser werden es mitbekommen haben, alles deutete darauf hin (siehe hier, hier und hier), fraglich war nur noch, wann es passieren wird. Es geschah gestern.

Für die interessierte Nachwelt im ganzen Satz: Am 2. Juli 2011, gegen 18 Uhr Mitteleuropäischer Regenzeit, bestieg ich das erste Mal in meinem Leben ein Pferd. Das Pferd ist ein Friese und hört auf den Namen Nykle. Fahrlehrerin: Christine R. aus B.P.

Hie und da habe ich bereits angemerkt, dass mir Steel Horses nicht fremd sind. Nun könnte Mann meinen, wenn ich mit pferdestarken Mopeds klar komme, sollte eine Pferdestärke (1 PS) kein Problem für mich darstellen. Zumal das Exterieur eines Pferdes an allen vier Ecken mit einem Standbein aufwarten kann, hingegen ein handelsübliches Steel Horse mit nur zwei Rädern bestückt ist. – Lasst es mich so sagen: Ein 1-PS-Pferd ist höher, schwerer und – irgendwie eigensinnig.

Ihr wollt wissen, was ich mit eigensinnig meine? Versuche mal die Leine in den Händen, einfach nur mit der Zugkraft deiner Arme ein Pferd daran zu hindern, den Kopf in Richtung Boden zu senken, damit es sich nicht zu früh an dem lecker Gras laben kann. Oder du stehst, die Leine in der Hand, friedlich links neben dem Pferd, und das Pferd verscheucht mit dem Kopf leichthin eine Fliege von seiner rechten Schulter… Soll heißen: Dieses 1-PS-Dingen hat unglaublich viel Kraft. Dennoch ist es ein Fluchttier. Wenn es flüchten will, wirst du keine Hand- und schon gar keine Fuß-Bremse finden.

In diesem Zusammenhang ein Tipp: Halte die Leine fest, aber knote oder wickele die Leine niemals um deine Hand. Passend dazu noch zwei kleine Tipps, die ich gestern lernen durfte: Wenn du ein Pferd an der Leine von A nach B führst, gehe voraus und mittig durch die Türen. Schaue dem Pferd dabei nicht in die Augen, denn das versteht das Pferd in der Regel als „Haltesignal“. Übrigens: Man kann das Pferd schon etwas daran hindern, den Kopf zu senken und das Gras zu knabbern – mit einem kurzen, entschlossen Ruck an der Leine.

Zurück in die Reithalle des Pyrmonter Reitervereins: Da standen wir nun, vor Nykle meine Reitlehrerin Christine, links neben ihn ich. Die Stunde der Wahrheit. Der „Aufstieg“ lief in etwa so ab: Linker Fuß in den linken Steigbügel, Hände vorn an den Sattel, mit dem linken Bein den Körper hochgedrückt, das rechte Bein elegant über den Sattel und die Kruppe geschwungen, und dann lässt man sich sanft in den Sattel gleiten. Hach, fast wie beim Moped, werden einige sagen. Nun, aber wirklich nur fast. Denn erstens brauchte ich noch eine Fußbank um die Höhe zu überwinden, und zweitens ist die „Sitzbank“ da oben viel breiter, das heißt, du musst auch weiter rüberschwingen.

By the way: Mir kam zugute, dass ich durch Yoga recht beweglich bin. Nur nutzt das wenig, wenn die Hose zu eng ist. Also, zum Reiten bitte keine zu enge Hose anziehen – sonst könnte es Probleme beim „Ein- und Aussteigen“ wie auch auf der „breiten Sitzbank“ geben. Wenn du, wie ich, nicht zufällig eine Reiterhose zur Hand hast, zieh dir nicht dein schönstes Beinkleid an. Reiten färbt zuweilen ab.

Noch ein kleiner Hinweis zum Schuhwerk: Angebracht sind feste Schuhe mit Absatz. Die Sohle sollte nicht allzu glatt und nicht zu grobstollig sein. Die Absätze verhindern, dass man als Reitanfänger beim Reiten zu weit durch die Steigbügel rutscht, und die Stumpfe Sohle hilft (rutschfester) im Steigbügel zu bleiben. Denn der Steigbügel gehört beim Reiten unter den Fußballen, und die Fußspitzen müssen in der Regel nach vorn ausgerichtet sein.

»Alles klar da oben?« rief Christine zu mir, der ich gefühlte drei Stockwerke über ihr saß, hoch. Angst hatte ich nicht. Insofern wird die Überschrift „Hose zittere nicht, ich bin bei dir“ der Situation nicht ganz gerecht. Aber ich hatte und habe großen Respekt vor diesen wunderschönen aber vor Kraft strotzenden Tieren. Da ich Nykle bereits als treues und sehr ruhiges Pferd kennengelernt hatte, und um die jahrelange Erfahrung meiner lieben Reitlehrerin Christine weiß, war ich gespannt wie es ist, wenn sich dieser Hochsitz in Bewegung setzt.

»Ja.«, rief ich also zu ihr hinunter, »du kannst starten.« Denn den Startknopf hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht entdeckt. Dafür hatte Christine Nykle an die Longe genommen. Eine kurze Order von ihr und schon trottete Nykle mit mir im Rücken los. Mir schien es, als ob ihm langweilig war. Ich hatte den Eindruck, als bemerke er mich nicht einmal. Besser so, dachte ich. Denn was würde er wohl tun, wenn er mich unbedingt wieder los werden wollte?

»Die Beine gerade nach unten, nicht nach vorn wie bei einer Harley!«, rief Christine von unten. »Die flache Wade an den Brustkasten [des Pferdes]. Aber „würge“ ihn dabei nicht. Den Oberkörper gerade, die Schulter nach hinten unten.« Christine könnte auch Yogalehrerin sein, ging mir durch den Kopf. Wie meine Yogalehrerin wiederholte sie ruhig und mantraartig die Hinweise zur Körperhaltung. Dennoch war mir klar, ich „fahre“ noch längst nicht. Vielmehr als auf einem Moped zu sitzen, das auf dem Hauptständer aufgebockt im Leerlauf friedlich vor sich hin blubbert, ist das nicht.

Christine muss meine Gedanke gelesen haben. »Nun kommen wir zu einer etwas dynamischeren Übung: dem Trab. Damit Nykle den Kopf auch schön aufrecht hält, schnallen wir hier mal ein paar Strippen dran.« »Lass mich raten! Die Dreieckszügel!« »Richtig! Junge, du bist ein Naturtalent!« Das mit dem Naturtalent habe ich jetzt in den Text hinein geschummelt. Christine hat das im Eifer des Gefechts bestimmt nur vergessen zu sagen. Dann erklärte sie mir:

Der Trab ist eine schnelle Zweitaktgangart, bei der jeweils das diagonale Beinpaar gemeinsam vorgeschwungen wird. Zwischen den beiden Bodenberührungen gibt es dabei eine kurze Schwebephase.

[Quelle: de.wikipedia.org] Und ich dachte noch so: Christine, Zweitakter kenne ich. Ein Freund von mir hatte mal eine RD 350 mit 63 PS: Leicht, gutes Fahrwerk und ein unglaublich bissiges Teil. Unvermittelt wurde ich in die Höhe katapultiert und fand eigentlich nicht mehr so richtig in den Sattel zurück. Kaum glaubte ich mich darin, warf Nykle mich wieder daraus in die Höhe. Herrje, das ist also Trab! Von der Zuschauerbühne aus gesehen sah das nicht so heftig aus. Viel mehr konnte ich nicht denken, weil sich mein Überlebensinstinkt begann einzuschalten.

»Immer schön mitschwingen«, hörte ich Christine wie aus der Ferne. »Achte auf den Takt. Drück dich raus, wenn er hoch kommt… Hoch, runter, hoch, runter… bleib dabei aufrecht sitzen… hoch, runter, hoch… nicht nach hinten fallen, immer schön vorn im Sattel Platz nehmen… hoch, runter, hoch runter… bleib im Takt… hoch, runter, hoch…« Christine hatte mir das vorher selbstverständlich alles schön erklärt, aber dieses Katapult unter meinen Hintern schleuderte mir die so schön zurechtgelegte Theorie durcheinander. Ich werde nie einen Westernheld spielen können. Aber eigentlich wollte ich schon immer lieber den Festus Haggen als den Matt Dillon mimen. Denn der Festus hatte ein Muli. (Es hörte übrigens auf den Namen Klaus-Dieter, manchmal nannte er es aber auch Grete oder Gretchen. Das nenne ich konsequent.)

Wie auch immer: Den Trab müssen wir (das heißt ich) noch üben. Ich kam mir vor wie ein langer, trockener Holzklotz. Christine, meine Fahrlehrerin, hatte sich viel Mühe mit mir gegeben. »Ja, für´s Reiten braucht es Taktgefühl«, gab mir eine der drei Zuschauerinnen mit auf den Weg, als ich Nykle aus der Reithalle führte. Taktgefühl? Ich dachte an meinen Tanzkurs. Das kann ja heiter werden.

Nachsatz: Falls ihr wissen möchtet, ob ich heute Muskelkater habe – Ätsch bätsch, das habe ich nicht.