Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

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Schnürsenkel haben durch die Art und Reihenfolge, wie sie durch die Schnürösen gefädelt werden, Einfluss auf das Gesamterscheinungsbild des Schuhs. Man unterscheidet grob in Parallelschnürung (für elegante Schuhe, Modelltyp Oxford), Kreuzschnürung (sportliche Schuhe, Modelltyp Derby) oder Kombinationsschnürungen. […]

Quelle:de.wikipedia.org

Ich meine ja mal nur so…

Vielleicht fragt sich jemand: Was hat die Überschrift mit dem Foto tun? Die Antwort liegt auf der Hand: Allan Karlsson, der Hundertjährige, wäre froh gewesen, wenn er bei seiner Flucht aus dem Altenheim noch daran gedacht hätte seine guten Schuhe anzuziehen. So aber musste er sich mit seinen Pisspantoffeln

(die so heißen, weil Männer in hohem Alter selten weiter als bis zu ihren Schuhspitzen pissen können)

davonstehlen. Allan kommt trotzdem weit – weit weg von Schwester Alice, der alten Giftspritze aus dem Altenheim. Er schafft es bis nach Bali. Das er, um dorthin zu gelangen, nicht einfach in den Flieger steigt, versteht sich von selbst. Das Buch ist schließlich 413 Seiten schlank.

Stimmt, das hatte ich ja noch gar nicht geschrieben: „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist ein Roman von Jonas Jonasson. Das Buch hat volle sechs Sternchen von mir bekommen. Und sogar noch ein Bonus-Sternchen, das ich beim Weihnachtsputz gefunden und hier gleich noch anzubringen wusste. Wofür ich das Bonus-Sternchen vergeben habe? Für den besonderen Lesespass.

Bali hatte Allan überhaupt nicht auf dem Schirm, als er aus seinem Zimmerfenster im Altenheim stieg und über das davor verlaufende Stiefmütterchenbeet trampelte. Eigentlich hatte er gar kein konkretes Ziel:

ob es wohl irgendein Verkehrsmittel gäbe, das in den nächsten Minuten in irgendeine beliebige Richtung abfuhr

wollte Allan vom Schalterbeamten am nahegelegenen Busbahnhof wissen. Und während Allan auf seinen Bus nach Strängnäs, die Verbindung hatte ihm der Schalterbeamte empfohlen, wartete, bat ihn ein schmieriger junger Mann, von dessen Chef in der Personalkartei mit den Namen Bolzen geführt, auf seinen Koffer aufzupassen. Er müsse mal für große Jungens und der Koffer passe nicht mit in die Toilettenzelle, ließ er Allan „überfreundlich“ wissen.

Manche Geschäfte dauern halt etwas länger. Das des jungen Mannes auch. Und als Allan im Bus nach Strängnäs saß, „bewachte“ er immer noch den Koffer. Was Allan zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste ist, der Koffer war randvoll mit Fünfhundertkronenscheinen – 50 Millionen Kronen insgesamt.

Nun hatte Allan nicht nur die Polizei an den Fersen, denn die suchte ihn natürlich, zumal er doch genau an seinem 100. Geburtstag, kurz vor dem wichtigen Pressetermin mit dem Bürgermeister aus dem Altenheim entschwunden war – nun hatte er auch noch einen Gangster an den Hacken. Denn Bolzen, von der äußerst üblen Bande „Never Again“, wollte den Koffer mit dem Geld selbstverständlich gern zurückhaben.

Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber weil ich eben die Pisspantoffeln erwähnte: Am nächsten Tag, nach einer turbulenten Nacht und reichlich Alkohol war der junge Mann tot. Allan und sein neuer Freund, der 70jährige Gelegenheitsgauner Julius, den Allan auf seiner Flucht kennengelernt hatte, hatten Bolzen in einer Kühlkammer eingesperrt und im Alkoholrausch vergessen, die Kühlkammer wieder auszuschalten. Schlecht für Bolzen, gut für Allan. Denn der vererbte sich kurzerhand dessen Schuhe.

Man kann sich jedoch denken, dass nun die übrigen Gangster von „Never Again“ Allan´s Spur aufnahmen. Und auch die Polizei war zusätzlich alarmiert. Denn ein Zeuge will Allen mit zwei weiteren Männern auf einer Draisine gesehen haben. Laut einem Telefonprotokoll sei dem Zeugen noch aufgefallen, dass einer der Männer keine Schuhe trug.

Wie auch immer, die Flucht von Allan Karlsson wird immer kurisoser und beschäftigt nicht nur Gangster und Polizisten, sondern zunehmend auch die Presse des ganzen Landes. Ist Allan Karlsson entführt worden? Oder ist er vielleicht ein…

Nehmen wir einen anderen Handlungsstrang des Romans auf: Man könnte davon ausgehen, dass so ein Hundertjähriger in seinem Leben schon einiges erlebt hat. Das Leben von Allan Karlsson entspricht dieser Vermutung voll und ganz und weit darüber hinaus. Der Autor des Romans, Jonas Jonasson, lässt seinen Helden Menschen treffen, die unsereins nur aus Geschichtsbüchern und aus dem Fernsehen kennt.

Wie gesagt, in einem zweitem Handlungsstrang flechtet Jonas Jonasson in die Geschehnisse um die Flucht von Allan aus dem Altenheim immer mal wieder dessen bisherigen Lebenslauf ein. Sehr schnell erfährt der Leser beispielsweise von Allan´s Wissen und Können als Sprengstoffexperte. Da fliegt auch schon mal, nur weil er sich an den Fuchs der seine Katze gefressen hat rächen will, sein Haus samt Garten und Hühner in die Luft. Geplant war das allerdings anders.

Doch das sind Kleinigkeiten. Als Sprengstoffexperte hat Allan sogar Geschichte geschrieben. Denn es war Allan, der den Amerikanern, also dem Herrn Oppenheimer und seinen Physikern, beim Kaffee-einschenken erklärt hat, wie man eine Atombombe baut. Aber habt Ihr in den Geschichtsbüchern mal was von Allan Karlsson gelesen? Nicht? Aber Harry Truman kennt Ihr. Mit dem war Allan nämlich kurze Zeit später schon per Du.

Irgendwann danach hat Allan „das Rezept“ auch an die Russen verraten. Vermutlich geschah das, während er mit dem Chefphysiker des Herrn Stalin, Julij Broissowitsch, auf einer Fahrt mit dem U-Boot einige Gläser Wodka (zuviel) getrunken hat.

Nach fünf Jahren im Gulag von Wladiwostok hatte Allan genug. Mit seinem Freund, Herbert Einstein (Ihr wisst schon – der Halbbruder von Albert), gelingt es ihm zu fliehen. Jedoch nicht ohne Wladiwostok zuvor in Schutt und Asche zu legen. Was aber auch nicht so geplant war. Auf ihrer Flucht treffen die beiden den elfjährigen Kim Jong-il, den Allan sogar tröstend in den Arm nimmt, weil dieser seinem justament verstorbenen Onkel Stalin nachheult.

Ihr merkt schon, Allan hat so einiges erlebt, viele Zeitzeugen getroffen und manchmal sogar der Geschichte ins Lenkrad gegriffen. Mehr will ich jetzt aber wirklich nicht verraten. Nur noch so viel: Eine gewisse Amanda, 85 Jahre alt, ihres Zeichens Ex-Gouverneurin von Bali und Bloggerin soll, so steht´s in dem Buch, lustig und fidel über die Reisen und Abenteuer, die ihren lieben Gatten durch die ganze Welt geführt hatten, gebloggt haben. Ich habe das Blog leider noch nicht gefunden.

Soheit zu Allan Karlsson, dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand – und jetzt vielleicht mit einem Longdrink in der Hand am Strand in der Sonne liegt und das Lied „Just Breathe“ von Pearl Jam summt:

Yes I understand that every life must end. – As we sit alone, I know someday we must go…