Das ist das Faulste und Schlampigste, was man in dieser Situation tun kann

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Vor einiger Zeit schwärmte mir ein Freund von Keith Richards Autobiographie „My Life“ vor. Eine echt cooler Typ sei der, erzählte er mir und fügte begeistert hinzu: »Der hat in seinem Leben mehr erlebt, als sieben von unsereins.« Nun, mein Freund ist schon lange ein Fan von den Stones. Er spielt auch Gitarre – nicht wie Keith Richards, aber besser als ich (was allerdings keine Kunst ist).

Verehrer von gutem Gitarrenspiel bekommen glänzende Augen, wenn sie Gitarrenstile vergleichen und sich über Grifftechniken unterhalten. In seinem Buch erklärt Keith Richards auch eine Grifftechnik von Jimmy Reeds und kommentiert sie:

Glaubt mir. Das ist erstens das Faulste und Schlampigste, was man in dieser Situation tun kann, und zweitens die brillanteste musikalische Erfindung aller Zeiten.

[Quelle: „Ein Song, eine Nase“, sueddeutsche.de]

In vielen Artikeln zur Guttenberg-Affäre wird die Begeisterung von den Menschen für Karl-Theodor zu Guttenberg mit dem Hype um einen Popstar verglichen. Und immer, wenn ich von dem „Popstar“ zu Guttenberg lese, erinnere ich mich, mit welcher Begeisterung mir mein Freund aus dem Buch von Keith Richards über dessen Lebenswandel berichtete. Keith Richards ist ein guter Gitarrenspieler. Er ist auch ein Popstar. Aber ein Vorbild ist er nicht. Aber wen kümmert das:

Wen wir lieben, dem verzeihen wir “kleine Fehler” – und welche Fehler “klein” sind, entscheidet unser Herz, nicht unser Hirn.

schreibt Markus Breuer in „Warum Guttenberg beliebt und unangreifbar ist und bleibt“ (notizen.steingrau.de). Außerdem:

Heroen sind Projektionen menschlicher Sehnsüchte, und Guttenberg bedient diese perfekt.

…verdeutlich Matthias Lohre in „Ein Held wie wir“ (taz.de). Und

So, wie Enthüllungen über Drogenexzesse den Fan eines Rockstars nicht erschüttern können, so kann eine gefälschte Doktorarbeit den Guttenberg-Fan nicht von seinem Idol trennen.

…erklärt Michael H. Spreng in „Wenn Wähler zu sehr lieben“ (sprengsatz.de). Also: Was sollt das ganze Geschrei um um die Doktorarbeit von dem Karl-Theodor zu Guttenberg, fragen sich viele Menschen. Imre Grimm schreibt zum Beispiel (haz.de):

Das „Copy and Paste“-Prinzip gehört zur Alltagskultur, nicht nur in der Wissenschaft.

Meines Erachtens muss ich nicht unbedingt eine Doktorarbeit geschrieben haben um zu wissen, dass diese nicht mit einer Matheklausur in der 10. Klasse verglichen werden kann. Der Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter erläutert jedoch konziliant:

Leute, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben, verstehen überhaupt nicht, dass Plagiate und das Nicht-Angeben von verwendeten Quellen eine Art Todsünde, ja ein Kapitalverbrechen im System Wissenschaft ist, dass dies Diebstahl geistigen Eigentums darstellt und nichts mit Schummeleien in der Schule zu tun hat.

[Quelle: „[Analyse: Warum die Kritik an zu Guttenberg abprallt “, wz-newsline.de]

Ich frage mich: Was halten eigentlich die Studenten an den Bundeswehr-Universitäten vom „Popstar“ zu Guttenberg und seiner Doktorarbeit (siehe Artikel: „Strenge Bundeswehr: Plagiatoren, wegtreten!“, spiegel.de)? Dennoch: Für viele Fan´s von Karl-Theodor zu Guttenberg scheint die Affäre nach wie vor kein Grund für übermäßige Kritik zu sein. In seinem Artikel „Wenn Wähler zu sehr lieben“ stellt Michael H. Spreng daher fest:

Solche Fans sind natürlich das Gegenteil des kritischen Staatsbürgers, der sein Urteil immer wieder hinterfragt. Fans setzen die Selbstreinigung der Demokratie außer Kraft und sie legen die Kontrollfunktion der Medien lahm.

Es gibt eine Menge „Rockstars“, von denen ich ein Fan bin. Frank Zappa zum Beispiel ist so einer. Wie soll ich es sagen: Sauber war der nicht (siehe zum Beispiel: „Frank Zappa - Sofa No.2 (live in Munich, 1978), youtube.com)“? Auch wenn seine Musik oft total abgedreht ist, ich mag sie (meistens).

Doch wenn der Guteste noch leben würde: Vertreten lassen, regieren lassen wollte ich mich von ihm nicht. Komischerweise unterscheide ich zwischen Popstars und gewählten Volksvertretern. Vielleicht bin ich altmodisch. Trotzdem meine ich: Wer lenken darf, wer über wichtige Dinge entscheidet, wer große Verantwortung trägt, wer Chef ist – der sollte besser sein als ich.

Sicher, jeder Mensch macht Fehler – auch ein gewählter Volksvertreter. Aber von ihm erwarte ich, dass er Größe zeigt, dass er nicht nur Wasser predigt, sondern es auch trinkt, wenn er betroffen ist: Margot Käßmann hat das im vergangenem Jahr getan.

Ergänzt am 28.2.2011:

Ich habe Margot Käßmann erwähnt. Hier der Hintergrund dazu:

Es ist ein starker Rücktritt: Margot Käßmann beherrscht eine Kunst, die viele Politiker und Prominente nicht beherrschen - sie hat das Amt zur rechten Zeit aufgegeben, statt sich daran zu klammern.

[Quelle: „Die One-Woman-Show fällt aus“ von T. Schultz, 24.2.2010, sueddeutsche.de]

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