Alle Jahre wieder… (die Vollversion)

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Alle Jahre wieder kommen sie, die Weiber – und immer so überfallartig.

Lügde ist zweifelsohne eine Stadt mit Weltruf. Oder kennt irgendjemand den Osterräderlauf nicht? So eine Stadt kann sich nicht einfach dem Karneval entziehen. Das machen wir auch nicht. Und manchmal brauchen wir dafür nicht einmal die fünfte Jahreszeit. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich war bei der Weiberfastnacht: Alle Jahre wieder – immer wenn´s weiberfastnachtet – stürmen sie auch das Lügder Rathaus – die Weiber, die. Apropos: Ist Euch mal die Parallele aufgefallen: Weihnachten und Weiberfastnacht? Ein kurzes „Wei“ und eine lange „Nacht“ – da kann Mann schon mal durcheinander kommen.

Weiberfastnacht ist nichts für den distinguierten Herrn. Ergo habe ich mich heute Morgen gefragt: Wie kann ich diesen Damen aus dem Weg gehen? Das Beste ist, du bleibst zu Haus. Leider bin ich auch noch pflichtbewusst. Also bin ich hin zur Arbeit.

Als die Weiber dann um 11.11 Uhr begannen das Rathaus einzunehmen, habe ich mich, einen natürlichen Reflex folgend, in meinem Büro eingeschlossen. Ich trage nie eine Krawatte, insofern hatte ich eigentlich nichts zu befürchten. Aber ich trage immer Schuhe mit Schnürsenkel. Für die, die´s nicht wissen: Weiber lieben Schnürsenkel – aber nur wenn sie sie, wie die Krawatten, in kleine Stücke geschnitten haben.

Ich muss das noch eben einschieben: Wenn das Thema Schnürsenkel zur Sprache kommt, kann ich äußerst empfindlich reagieren. Die blöden Dinger reißen mir dauernd entzwei. Freilich immer nur, wenn ich es eilig habe. Vor ein paar Wochen brauchte ich mal wieder einen neuen Satz Schuhe. Beim Kauf galt mein einziges Augenmerk den Schuhbändern. Schlussendlich habe ich mir wunderschöne, schwarze, reiß- und stoßfeste Schnürsenkel mit Schuhen daran gekauft.

Nun könnt Ihr sicher nachvollziehen, warum ich diese Weiber meide wie der Teufel das Regenwasser. Dummerweise habe ich mir vor ein paar Tagen schon in den Kopf gesetzt: Wenn die Weiber das Rathaus entern, könntest du doch ein schönes Foto für die Serie das „Bild der Woche“ schießen. Eingeschlossen in meinem Büro stand ich vor der schwierigen Frage: Was tun?

Nach etwa dreieinhalb Tassen Kaffee hatte ich die Lösung: Schnürsenkel raus, diese in die Schreibtischschublade gelegt, selbige abgeschlossen und den Schlüssel versteckt. Manchmal staune ich über mich selbst.

Die Weiber hatten sich zwischenzeitlich etwas beruhigt. Man konnte schon wieder ohne zu schreien telefonieren. – Übrigens: Auch das gehörte im Nachhinein zu meiner Strategie: Lass die Weiber sich erst austoben, dann sind sie weniger gefährlich. – Und so wagte ich mich, die Schnürsenkel in Sicherheit wissend, heraus aus meinem selbstgewählten Büro-Verlies.

Was soll ich sagen? Ich glaube, die Weiber haben sich mächtig gefreut als ich bei ihnen aufkreuzte. Statt sich auf meine fehlenden Schnürsenkel zu konzentrieren, hatten sie nur noch Augen für meine Kamera. Das ist verständlich, sie ist ja auch wirklich schön. Wie dem auch sei, irgendwann hatte ich es – das Foto.

So, Auftrag ausgeführt, das war die Vollversion von „Alle Jahre wieder…“. Bin ich Euch an den Schnürsenkel gegangen?