Tapferes Schneiderlein

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Zweige von Bäumen. Im Vordergrund ein Ahorn, im Hintergrund eine
Goldulme.

Wenn ich mich mal im Netz umschaue, wie und vor allem wann Bäume und Büsche beschnitten werden sollten, bekomme ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Es ist daher möglich, dass sich einiges von dem was in den nächsten Sätzen zu lesen ist, nicht mit dem Expertenwissen deckt.

Für einige Unterschiede gibt es eine simple Erklärung. Viele Bäume und Büsche beschneide ich, kurz nachdem sie beginnen das Laub abzuwerfen. Einfach um zu vermeiden, dass Herbststürme das Laub in den Gärten der Nachbarn „entsorgen“.

Etwa Mitte Oktober begann ich die ersten Bäume, Büsche und Stauden für das kommende Jahr zu frisieren. Als erstes war der Flieder dran. Danach folgte der Lebkuchenbaum, ein größerer Hartriegel, die Schlitzerle, die Korkenzieherhaselnuss, die Kletterhortensien, die Bayern-Kiwi, die Samthortensie und das Zwetschgenbäumchen.

Weitere Gäste auf meinem „Friseurstuhl“ waren der rote Perückenstrauch, der Feuerahorn, die Korkspindel, die Zaubernuss, die große Tamariske, die Süsskirsche und die darin wohnende Klettertrompete. Gestern kamen noch die Goldulme und der Amberbaum in den Genuss eines „Haar“-Schnittes vom Figaro.

Von der Süsskirsche habe ich mal gehört, dass man sie kurz nach der Kirschernte beschneiden sollte. Das hat nur einen Haken. Zu der Jahreszeit steht der Baum voll unter Laub. Und ich mag einfach nicht mitten im Sommer einen großen Baum frisieren. Bislang hat er mir den verspäteten Haarschnitt nicht krumm genommen. Zwei, drei Mal habe ich ihn auch erst im Frühjahr beschnitten, weil ich vorher nicht dazu gekommen bin. Auch das hat ihn nicht gekränkt.

Ein Thema für sich ist der Ahorn. Bei dem Feuerahorn habe ich schon mehrmals beobachtet, das größere, beschnittene Äste austrocknen. Andererseits wächst der Bursche jedes Jahr so, als würde er auf einer Großpackung Wachstumshormone stehen. Meine Empfehlung: Vorsichtig agieren und beobachten was passiert.

Apropos: Werde ich nach meiner Pflanzen-„Erziehungsmethode“ gefragt, antworte ich: Einfühlsam aber nicht ängstlich. Obwohl ich gern lese, ich habe eigentlich keinerlei Nachschlagewerke über Pflanzen. Die meisten meiner Kenntnisse beruhen auf Beobachtung.

Auch von der Tamariske wurde mir berichtet, dass man sie möglichst nicht beschneiden sollte. Wenn ich mich daran halten würde, käme ich vermutlich nicht mehr durch die Haustür. Sie scheint es sogar zu lieben, wenn das tapfere Schneiderlein Hand, beziehungsweise Gartenschere angelegt hat.

Übrigens, ein Nachbar hat mir mal erzählt: Ein guter Gärtner geht nie ohne Gartenschere in seinen Garten. Guter Gärtner, schlechter Gärtner – ich habe tatsächlich meistens eine Gartenschere dabei, wenn ich durch meinen privaten Dschungel stolpere. Hm, auch das könnte ich gelegentlich mal in einem Kapitel bringen: „Welche Gartenschere verwende ich für welche Pflanze?“ Einstweilen nur soviel dazu: Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Werkzeugen von der Firma Fiskars gemacht.

Auch einige Stauden und Sträucher, wie die Pfingstrosen und die Prachtspieren wünschten sich schon einen „Kurzhaarschnitt“. Nun, ich habe getan wie mir geheißen.

Jetzt noch kurz zum „Wie“ beziehungsweise dem „Was“. Besonders Bäume haben einen deutlich erkennbaren „Körperbau“. Wenn ich Bäume beschneide versuche ich, die jeweilige „Statue“ herauszuarbeiten. Manchmal, häufig wenn die Pflanzen noch jung sind, ist noch kein „Charakter“ erkennbar. Entweder lässt man die Pflanze sich zunächst selbst entfalten, oder man beginnt ihr schrittweise, von Saison zu Saison, eine Struktur zu schneiden.