Stilles Örtchen

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Eine Überwachungskamera an der Umgehungsstraße
Lügde.

Die Leser, die sich weniger für den Lokalteil von soheit.de interessieren, mögen es mir bitte nachsehen. Heute erscheint schon wieder ein Text zum Thema „Umgehungsstraße Lügde“. Ich gebe aber zu bedenken: Wenn das große Land Nordrhein-Westfalen in dem kleinen Örtchen Lügde rund 33,5 Millionen Euro einbuddelt, dann muss man als Lügder das auch zu würdigen wissen.

Vor Äonen, als ich mich noch als Auszubildender verdingte, bin ich häufiger mal als „Verkehrszähler“ abgestellt worden. Mal wurde ich am südlichen, mal am östlichen Ende des Stadtkerns, ein anderes mal in der „City“ von Lügde positioniert und durfte Fahrzeuge zählen. Sogar Nachtschichten haben wir eingelegt.

Wozu dienten die Zahlen? Einerseits wurden sie benötigt, um die Belastung der Bahnübergänge zu ermitteln (siehe: Tunnelblick), andererseits waren sie eine Grundlage für die Planungen an einer Verkehrsentlastung der Hauptdurchgangsstraße von Lügde – der am Samstag eingeweihten Umgehungsstraße.

Der Job eines Verkehrszählers konnte mitunter stressig werden, nicht bei den Nachtschichten, aber zu den normalen Verkehrszeiten. Denn wir mussten differenzieren zwischen Fahrrädern, Mofas, Motorrädern, PKW´s und LKW´s. Wobei die LKW´s noch mal zu unterscheiden waren in 2-Achser, 3-Achser und so weiter. Aber das war nicht alles: Gezählt werden mussten die Fahrzeuge auf beiden Seiten und zwar getrennt voneinander.

Das Zählen zu Hauptverkehrzeiten war oft leichter als das Zählen zu Nebenverkehrszeiten. Der Grund dafür war, dass der Straßenverkehr auf der Hauptdurchgangsstraße von Lügde, bis gestern die Mittlere Straße, zu den Hauptverkehrszeiten oft ins Stocken geriet. Stehende Fahrzeuge beziehungsweise Fahrzeuge die lediglich im Schritttempo vorankommen, lassen sich einfacher zählen. Kameras die Fahrzeuge zählen, waren damals vermutlich noch nicht so verbreitet, zu teuer oder viel zu klobig um sie mal fix hier oder dort zu installieren.

Was ich damit sagen will ist: Es war bereits vor rund 30 Jahren so, wenn Du auf die andere Seite der Mittleren Straße wolltest, konntest Du nur darauf hoffen, dass Du bei Deiner Reinkarnation dort zur Welt kommst.

Nun gut, jetzt ist sie ja da, die Umgehungsstraße…

…und wir erwarten am Ende, eine 65-prozentige Entlastung vom PKW-Verkehr, der Schwerverkehr soll sogar um 80 Prozent reduziert werden.

…prognostizierte Ute Schäfer, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport am Samstag bei der Eröffnung der Umgehungsstraße (siehe auch Ausschnitte aus den Reden bei liufilm.lippeblogs.de).

Ich weiß nicht, ob Frau Schäfer sich für ihre Aussage meine Strichlisten von damals zur Hand genommen hat, aber ich kann dazu folgendes berichten:

Heute, am Tag Eins nach der Freigabe der Umgehungsstraße für den PKW- und LKW-Verkehr habe ich es gewagt, die Mittlere Straße, also unsere Ex-Hauptverkehrsdurchgangsstraße, mit dem Fahrrad zu befahren. Ich war kurz davor, vor Freude freihändig auf der Straßenmitte in Schlangenlinie zu fahren. Für jemanden der die Straße nur als zwei riesige Würmer aus Blech kennt, war das ein geradezu befreiendes Erlebnis.

Mein Büro befindet sich in unmittelbarer Nähe jener Straße, an einer Kreuzung. Als ich heute Morgen das Fenster öffnetet fühlte ich mich wie auf dem Lande: »Was für eine Ruhe, was für eine Stille!«, rief ich im Geiste aus und freute mich über unser „stilles Örtchen“.