Schule geht auch anders…

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Ein Schriftzug mit dem Text Bildungsschule Harzberg an dem Gebäude der
Schule

In einem unserer kleinsten Ortsteile, dem Ortsteil Harzberg, gibt es ein Gebäude, dass allen Lügdern bislang als „ehemalige Schule Harzberg“ ein Begriff war. Im vergangenen Jahr öffnete die Schule wieder ihre Tore. Nun heißt sie „Bildungsschule Harzberg“ und ist eine Grundschule in freier Trägerschaft. Sie wird geleitet von Dr. Falko Peschel und seiner Ehefrau, Stefanie Peschel.

Allerdings gibt es „einige“ Unterschiede zwischen dem Unterricht, wie er bis 1966 in dem Gebäude stattfand und dem Unterricht heute. Als ich die beiden gefragt habe, ob sie mir für soheit.de ein kleines Interview geben, bekam ich zur Antwort:

[…] eine Trennung zwischen Beruf und Privat gibt’s bei uns nicht […]

Das, was das „Lehrerkollegium“ zu berichten hat, ist faszinierend – lasst Euch überraschen.

Liebe Frau Peschel, lieber Herr Dr. Peschel, wie viele Schülerinnen und Schüler besuchen zurzeit Ihre Schule? Ich nehme an, Schulklassen gibt es in Ihrer Schule nicht, oder?

Hallo erst einmal! Ja, bei uns gibt es keine “Schulklassen” mehr - die würden den Kindern auch gar nicht gerecht, denn es gibt nur Lisa, Tobi, Anna und Jannis, aber nicht “Erstklässler” oder “Viertklässler” - an keiner Schule. Sie sind alle so verschieden, dass man sie nicht in eine Schublade einteilen kann.

Wir möchten - trotz der großen Nachfrage und des damit verbundenen Drucks - ganz bewusst eine sehr kleine Schule sein. Wir haben zurzeit 24 Kinder zwischen 5 und 11 Jahren bei uns - und auch ausgebaut wollen wir nicht über 31 Kinder gehen. Da kennt jeder jeden genau - und man geht ganz anders miteinander um.

Der Unterricht in der Bildungsschule Harzberg unterscheidet sich von dem „klassischen“ Unterricht in einer Grundschule. Worin liegt der Unterschied?

Wenn man den Einzelnen ernst nimmt, dann kann man nicht für eine Gruppe dasselbe unterrichten - zumal “lehren” nichts mit “lernen” zu tun hat, wie wir alle aus unserer Schulzeit wissen. Aber vor allem bietet das kleinschrittige Vorgeben von Lernlektionen im traditionellen Unterricht den Schülern die Möglichkeit, sich leicht mit Auswendiglernen aus der Affäre zu ziehen - und genau das wollen wir nicht, denn auswendig gelerntes Wissen ist nicht unbedingt verstandenes Wissen.

Und “Lernen” ist in der Lernpsychologie eigentlich als “langfristige Verhaltensänderung” definiert - wir glauben, dass an den meisten Schulen gar nicht “gelernt” wird, sondern die meisten Inhalte von den Schülern kurzfristig in Tests oder Arbeiten in ähnlicher Form auswendig reproduziert, aber danach schnell vergessen werden. Das, was die Vorgaben des Landes aber zu Recht fordern ist der Aufbau von Kompetenzen, also flexiblem, anwendbarem Wissen. Das kann man aber nur erreichen, wenn man den eigenen Lernweg geht.

Und genau das tun unsere Schüler. Sie haben keine abzuarbeitenden Lehrgänge, Wochenpläne, Stationen oder Lernspiele, sondern füllen leere Blätter mit ihren eigenen Geschichten, Vorträgen, mathematischen Erfindungen usw. Was sie auf diese Art erarbeiten, haben sie für immer gelernt, weil sie es eben nicht auswendig gelernt, sondern selber konstruiert haben.

Kürzlich habe ich in einem Bericht über Ihre Schule gelesen, wie zwei Ihrer Schüler eine Powerpoint-Präsentation erstellt und dafür auch Informationen aus dem Netz herausgesucht haben. Wie intensiv wird das Internet von den Kindern genutzt und wie steuern Sie das?

Der Computer ist ein wichtiges Werkzeug - aber eben auch nur ein Werkzeug. Das heißt, bei uns gibt es fast keine Lernspiele o.Ä., sondern vor allem eine Textverarbeitung, ein Präsentationsprogramm, und natürlich auch einen Internetzugang, aus dem sich die Kinder Informationen holen. Das geht schon bei den Schulanfängern am ersten Tag los: sie suchen mit der Suchmaschine Bilder und schreiben dazu. Zugleich wird ihnen dabei bewusst, dass man richtig schreiben können muss - sonst findet die Suchmaschine nicht das, was man sucht.

In den Programmen dann möchte man auf Dauer die roten Unterschlängelungen unter den Wörtern loswerden - eine ganz andere Motivation, Rechtschreibung zu lernen als eine demütigende Lehrerkorrektur. Von daher ist uns die Verfügbarkeit von Computern und Internet wichtig, aber eben als Werkzeug, nicht als Spielmaschine, wie viele Kinder den Computer von zu Hause kennen.

An anderer Stelle las ich davon, dass ein Schüler unbedingt die Harry Potter Bücher selbst lesen wollte, und sich mit ganzer Kraft auf´s Lesen konzentriert hat. Er hat´s geschafft. Ich denke dabei auch ein bisschen an mich: Bekommen Sie den jungen Mann eigentlich dazu, noch was anderes zu tun als zu lesen?

Ja, das ist kein Problem. Zunächst war die Leistung schon mal ungeheuerlich, sich so verbissen durch das Schreibenlernen zu quälen, damit das Lesen möglichst schnell präsent ist. Spannend ist, dass in einem Unterricht, in dem um einen herum alle Kinder gerne an ihren Sachen arbeiten, ein ungeheurer Zug entsteht. Ein Zug, die ganzen anderen Sachen, die in der Klasse praktiziert werden, auch können zu wollen, seien es nun Rechenaufgaben mit großen Zahlen oder Powerpoint-Vorträge über die eigenen Forschungsthemen. Der Reiz der Fächer wird wieder frei, weil die kleinschrittigen, den wachen und interessierten Geist der Kinder in der Regel demütigenden Lehrgänge abgeschafft sind. Es ist einfach spannend über mathematische Muster und Strukturen zu forschen, wenn einem die Mathematik noch nicht durch stumpfsinnige Rechenpäckchen verleidet worden ist.

Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war, für die Bildungsschule eine Genehmigung zu bekommen…?

Es ist generell nicht leicht, eine private Grundschule genehmigt zu bekommen, weil laut Grundgesetz die Öffentlichkeit ein besonderes pädagogisches Interesse an der Arbeit der Schule haben muss. Viele Initiativen von Eltern scheitern daran, dass sie vielleicht noch wissen, was sie nicht wollen, aber nicht unbedingt - z.B. fachdidaktisch - wissen, was sie überhaupt wollen.

Bei uns lag der Fall anders, weil ich schon seit Jahrzehnten im öffentlichen Schulsystem einen auf der Selbstverantwortung der Kinder basierenden hochgradig individualisierten (Nicht-)Unterricht völlig legal als Umsetzung der curricularen Vorgaben praktiziert habe (z.B. an der Grundschule Eitorf-Harmonie, die vielen aus der Endausscheidung des ersten Deutschen Schulpreises bekannt ist). Gleichzeitig haben ich diesen Unterricht sehr aufwändig wissenschaftlich evaluiert - mit hochsignifikant überdurchschnittlichen Leistungen der Kinder.

Das frappierende Ergebnis: Obwohl sich in der Klasse viele Kinder mit besonderen Schwierigkeiten befanden bzw. gezielt dorthin eingewiesen wurden, lagen die Leistungen deutlich über den Vergleichswerten repräsentativer Stichproben. Selbst Schüler, die als nicht in der Regelschule „beschulbar“ galten, sind nach der Grundschule auf das Gymnasium oder andere weiterführende Regelschulen gewechselt. Es ergab sich der Eindruck, als sei der Leistungsspiegel der Klasse erheblich nach oben verschoben worden – und zwar in gesamter Breite, ohne dass bestimmte Kindergruppen davon benachteiligt worden wären.

Wie finanzieren Sie die Schule, wer bezahlt Sie?

Bei privaten Ersatzschulen werden in NRW 87% der nach einer Prüfung anerkannten Kosten refinanziert, wenn die Ausstattung vom Schulträger gestellt wird. Wir nehmen kein Schulgeld und finanzieren den Eigenanteil mit Spendeneinnahmen, hoffen aber in ein paar Jahren durch Engagement (wir sind selber Schulträger, Schulleiter, Lehrer, Hausmeister, Sekretärin, Reinigungskraft usw.) so viel Geld einsparen zu können, dass wir dann auch Mittel auf unseren Eigenanteil angerechnet bekommen. Mal sehen, ob das so klappt …

Uns ist vor allem die gesunde Mischung der Schülerschaft wichtig: vom Hartz IV -Empfänger bis zum Apotheker ist alles vorhanden - sogar Lehrer …

Eine eigene Schule – wann und warum ist der Wunsch in Ihnen gewachsen?

Da wir beide Lehrer sind, lag es nahe, als Lebenstraum den Arbeitsplatz ins Haus zu verlagern. Da wir beide bislang wunderbar an staatlichen Schulen zurechtgekommen sind, war es nicht etwa die Kritik an der Schulaufsicht oder dem Ministerium, sondern eher das Gegenteil: wir möchten Lehrern zeigen, wie sie echte Verantwortung übernehmen können, indem sie die Selbstständigkeit wagen …

Sie waren vorher hauptsächlich in Köln tätig? Wie sind Sie von dort auf Harzberg gekommen?

Wir kommen ursprünglich aus dem Raum Köln-Bonn bzw. dem Siegerland. Als wir die Idee mit der eigenen Schule hatten, habe ich mir gedacht, dass so etwas wohl am einfachsten in einem Gebäude genehmigt würde, dass schon einmal eine Schule gewesen ist. Also haben wir “Schule zu verkaufen” in die Suchmaschine getippt. Im Gegensatz zu heute kam damals noch nicht viel an Ergebnissen, aber die “Alte Schule Harzberg” war dabei. Und da der damalige Bürgermeister das alte Gebäude unbedingt loswerden wollte und immer wieder nachgefragt hat, haben wir uns eines Tages dazu entschlossen, mal “Schulen ansehen zu üben”. Und wir haben ein stilvolles Gebäude mit großem Gelände und Waldanschluss vorgefunden - ideal für unser Vorhaben.

Seitdem haben wir das Gebäude saniert und in enger und sehr kooperativer Zusammenarbeit mit dem Kreis Lippe brandschutztechnisch hergerichtet. Und seit Sommer machen wir jetzt Schule dort …

Ist die Bildungsschule Harzberg der Anfang einer sich ändernden Unterrichtsmethode an Grundschulen, oder bleibt sie eine Ausnahme?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Wir haben mittlerweile 40 Jahre Schulreform an deutschen Schulen und geändert hat sich an den wenigsten Schulen wirklich etwas, wenn man ein paar bunte Bildchen oder ein paar Projekte für die Presse weglässt. Dabei sind es eben nicht die Vorgaben von oben, sondern - und das muss man leider so sagen - die Lehrer vor Ort, die immer wieder uneffektive Unterrichtsformen weiter tradieren. In der Lehrerausbildung, in der ich an vier Universitäten tätig bin, haben wir oft den Spruch auf den Lippen: wir können so gut ausbilden wie wir wollen, die Studierenden unterrichten später so, wie sie selber unterrichtet worden sind.

Ich bin da auch ratlos, vor allem, weil die meisten Lehrer so auch nicht glücklich sind. Und besucht man staatliche Schulen, die anders arbeiten, wie die o.g. Grundschule Harmonie, sieht man nicht nur, wie einfach das ist, sondern auch, wie viele Preise und Wertschätzungen von Eltern, Kollegen, Schulaufsicht, Wissenschaft usw. man auf diese Art bekommt - zumindest, wenn alle irgendwann verstanden haben, dass die Kinder gerne und begeistert lernen und trotzdem (bzw. gerade deshalb) überdurchschnittliche Leistungen bringen. Hat man das einmal erlebt, kann man nicht mehr anders unterrichten.

Vielleicht sind aber viele Lehrer schon von sich aus, ein sehr autoritätshöriges Völkchen, das sich am liebsten an klare Vorgaben klammert. Anders ist z.B. nicht zu erklären, warum so viele Schulen die offenen Vorgaben der Richtlinien und Lehrpläne überhaupt nicht umsetzen, sondern - vollkommen vorgabenwidrig - geschlossene Arbeitspläne und Konferenzbeschlüsse an diese Stelle setzen.

Deutsche Schulen schneiden im Ländervergleich oft nicht gut ab. Aktuell in der Diskussion: Auszubildende bekommen Nachhilfe, weil sie in der Schule nicht genug gelernt haben. Es wird zwar viel über Lösungsansätze aufgrund der demographischen Veränderungen debattiert – Stichwörter: Schulformen und Zusammenlegung von Schulen – Unterrichtsmethoden aber stehen nach meiner Beobachtung nur peripher zur Diskussion. Sollte das Thema Unterrichtsmethode nicht weit höher auf die Tagesordnung gestellt werden?

Ja, natürlich. Die Qualitätsanalyse in NRW hat z.B. ergeben, dass die Zufriedenheit der Lehrer in der Schule relativ groß ist, aber der Unterricht in Punkto “Individualisierung” desaströs. Und genau das ist das Problem. Für die Lehrer hält sich - im Gegensatz zu den Schülern - der Leidensdruck in Grenzen: sie können die Kinder, die ihnen nicht passen “abschulen” ohne dafür Verantwortung zu übernehmen. Das ist deutsche Lehrermentalität: Deutsche Lehrer unterrichten Fächer, nicht Kinder. Und das geht einfach nicht. Ein Serviceunternehmen, dass seine Kundschaft nicht bedient, sondern nach dem sich die Kundschaft fast bis zur Selbstaufgabe - anders kann man das, was an vielen Schulen passiert, nicht nennen - richten muss, muss früher oder später kollabieren. Schulabbrüche, Analphabeten und Nebenschulen sind zumindest irritierende Indizien …

Der Schulbetrieb läuft nun seit über einem halben Jahr. Wie sieht das „Halbjahreszeugnis“ der Schule aus?

Toll. Es war der richtige Schritt. Momentan haben wir 100% zufriedene Schüler, 100% zufriedene Eltern und 100% zufriedene Lehrer.

Vielen Dank liebe Familie Peschel für das Interview!