Rauchende Bäume

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»Du hast doch auch ein Einladungsschreiben bekommen. Kannst Du mir das mal geben?« Problem: Ich hatte den Zettel bereits als Untersetzer für meine Teetasse umgewidmet. In dieser Funktion hat das Schreiben sogar an Farbe und Design gewonnen. Meinem Kollegen war das egal, er wollte sich nur die wichtigsten Daten daraus notieren (sie waren noch lesbar).

Briefe und andere Dokumente kreativ zu modifizieren ist übrigens weit verbreitet. Wir sollten lernen, derartige Werke als eine besondere Form der Kunst zu begreifen.

Die meisten der Artefakte entstehen, ohne einer bewussten, schöpferischen Handlung. Es handelt sich also um Kunst, die sich einfach so, nebenbei herausbildet.

Spricht man die Künstler auf ihr Opus an: »Ich sehe, sie verwenden gern Kaffee für ihre Arrangements«, reagieren sie bescheiden oft auch ahnungslos. Einige distanzieren sich sogar vehement von ihren Werken.

In Fachkreisen wird diese Kunst daher auch der Bewegung „Ich-war-es-nicht“ zugeordnet.

Meine jüngste Serie wird dereinst als „die grüne Phase“ in den bedeutenden Ausstellungen rund um den Globus zu sehen sein. Seit mein Bruder mir von den Vorzügen des Grünen Tees vorgeschwärmt hat, gehört der Genuss dieses Heißgetränks zu meinen täglichen Ritualen. Und nebenbei: Grüner Tee ist auch politisch unbedenklicher.

Unbedenklich, unbedacht – womit wir wieder bei den „ergänzten“, und vermittels dessen zur Kunst aufgestiegenen Papier-Dokumenten wären. Bevor ich an Hand einiger Beispiele tiefer in die Thematik einsteige, hier noch ein kleiner Exkurs zum Thema „Botschaften“:

Alles, wirklich alles, ja, auch jeder noch so banale Gegenstand enthält eine Botschaft. Für ein gedeihliches Zusammenleben mit Gott und der Welt ist es elementar, diese Botschaften interpretieren zu können.

Auch Kunstwerke enthalten Botschaften – mit einer Besonderheit: Primär ist jedes Kunstwerk ein Hilfeschrei des Schöpfers. Das muss man wissen! Kunst erwächst aus der Not. „Ich kann zwar nicht Politik, aber malen kann ich ganz gut. Komme ich jetzt in die Zeitung?“ Künstler betteln geradezu um Anerkennung!

Was also wollen uns „unsere“ Künstler sagen?

Nehmen wir an, wir bekommen ein Kunstwerk vorgelegt, bei dem die ursprüngliche Botschaft „Bescheid über die Einkommenssteuer“ gerade noch zu erkennen ist. Ansonsten zeichnet sich das Werk besonders dadurch aus, das es in unzählige, kleine Falten, die offensichtlich keinem Plan folgen, unterteilt ist. Augenfällig ist auch, das nach dem Knick und Faltvorgängen das Zwischenprodukt einem kurzem, scheinbar nachlässigem Glätten unterzogen wurde.

Zunächst erkennen wir die herausragende Kreativität des Komponisten. Denn bislang hatten wir ja nur das arrangieren von Farben und Formen thematisiert. Hier haben wir es also mit einer weiteren gestalterischen Variante zu tun: Das plastische modellieren durch das Falten und Knicken eines Papierdokumentes.

Kommen wir zur Botschaft des Erzeugnisses: Wir erinnern uns, Kunstwerke sind immer auch ein Hilfeschrei – so auch hier.

Nun muss man noch wissen: Große, namhafte Kunstschaffende drücken sich gern über das Trägerobjekt ihres Werkes aus. Wir können davon ausgehen, dass der Schöpfer dieser Meisterleistung nicht die „Mitteilung über die Gehaltserhöhung“ als Träger seiner Kunst genutzt hätte.

Mit dem kleingliedrigen Falten des Kunstträgers „Bescheid über die Einkommenssteuer“ veranschaulicht der Künstler vortrefflich das doch sehr komplizierte, deutsche Steuersystem.

Ein anderes Beispiel: Ein Bußgeldbescheid, zunächst fachmännisch in viele kleine Teile zerlegt (zerrissen?), wurde anschließend mit transparenten Klebeband wieder zusammengefügt. Die sekundäre Message lautet: „Nur meine Regeln zählen (…auch wenn am Ende das gleiche rauskommt)!“

Ich möchte noch kurz auf eine weitere Modifikation der Kunst-Objektträger hinweisen: Das Versehen des Dokumentes mit Geruch. Vor Urzeiten war es nahezu Pflicht, Liebesbekundungen mit blumigen Parfüm zu bestäuben. In Zeiten von E-Mails, SMS & CoKG ist das schwieriger geworden.

Nebenbei: Beim Dokumenten-Austausch mit Behörden hat sich diese Spielart nie durchsetzen können. Bei den Erklärungsversuchen sind sich die Forscher noch immer uneins.

Heute ist nur noch das heimische Einräuchern von Dokumenten als Spezifikum üblich. Experten bezeichnen diese vom Aussterben bedrohten Werke liebevoll auch als „Rauchende Bäume“.

Fazit:

Wir sollten immer daran denken: Kunst ist eine Möglichkeit, mal gründlich durch die Flure der eigenen Seele zu wischen. Ermuntern wir auch die hier vorgestellten Künstler, sich den Ballast abzukreieren: „Es gibt so schöne geometrische Figuren. Lassen sie Vielfalt zu, nehmen sie doch mal eine achteckige Tasse – selbstverständlich nur, ohne dabei hinzudenken!“

So, ich muss jetzt schließen. Denn „mein“ Schöpfer hat mir gesagt: „Am siebenten Tag sollst Du ruhen!“

Schönen Sonntag noch!