killefit.net zu Gast bei soheit.de

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Rouven Ridder

Heute, hier mal was Neues: Ein Interview. Mein Gesprächspartner ist Rouven Ridder. Rouven ist mir nicht unbekannt. Vor X Jahren waren mir mal Kollegen. – Rouven, wie lange liegt das zurück?

(Gespielt grübelnd:) 12 Jahre müssten das sein – oder?

Etwa vor zwei Jahren wurde ich zufällig auf einen Blogbeitrag bei killefit.net aufmerksam. Ich traute meinen Augen nicht. Der, der da so herrlich virtuos bloggte, war mein „alter“ Kollege Rouven. – Rouven, was machst Du zurzeit?

Ich bin immer noch als Student an der Uni Bielefeld eingeschrieben. Dort studiere ich Literatur und Germanistik mit dem Schwerpunkt Linguistik. Zurzeit schreibe ich an meiner Abschlussarbeit. Darin beschäftige ich mich mit der Frage: „Wie wird Twitter von deutschen Politikern genutzt?“

Nebenbei bin ich freier Mitarbeiter bei der Neuen Westfälischen und „füttere“ in der Online-Ausgabe den Blog. Außerdem bin ich als Slammer aktiv und betätige mich als Lektor. Mit Barbara Rademacher und André Lampe betreibe ich noch die Lesebühne „Die Konsonauten“. Ach ja, beim Theaterlabor Bielefeld helfe ich noch bei der Öffentlichkeitsarbeit. Je länger ich überlege, um so mehr Sachen fallen mir ein, die ich so mache.

(Sagts, und schiebt grinsend, leise hinterher:) Drücken wir’s mal so aus: Ich brauche ganz oft neue Schuhe.

Interviewt zu werden ist nicht neu für Dich…

Das ist schon ein Weilchen her. Das WDR Studio Bielefeld hat mich mal für einen Fernsehbericht zum Thema Bloggen interviewt. Die lokalen Radiosender haben mich auch schon befragt, sei es zum Bloggen oder zum Slammen.

Wie lange bloggst Du schon, und wie bist Du dazu gekommen?

Mein Bruder hat mich mal angesprochen: „Du schreibst doch viel, wäre das nichts für Dich?“ – das war 2004.

Neben killefit.net habe ich zusammen mit Mischa Verollet den Sparrenblog – Bielefeld, Sparrenburg – ins Leben gerufen. Darin haben wir zotig das Bielefelder Leben in Szene gesetzt. Daraus entwickelt sich dann das Projekt „Blogboys“, wofür neben Mischa und mir auch Markus Freise geschrieben hat. Im Moment ist bei den blogboys.de Pause. Wir haben einfach, jeder für sich, zu viel um die Ohren. Ein Comeback der blogboys.de ist aber nicht ausgeschlossen.

2008 war ich für den RBB bei der Berlinale als Blogger tätig. Ich habe mich aber nicht mit den Filmen, sondern mit dem Drumherum auseinandergesetzt. Zum Beispiel: Wie ernähren sich Stars, oder mit welchem Tross hält ein Martin Scorsese dort Einzug.

Die Neue Westfälische hat davon Wind bekommen, und mich dort auf dem Handy angerufen, um mich zu interviewen. Daraufhin bin ich später einmal bei der NW vorstellig geworden, woraus sich eine Mitarbeit ergab. Seither blogge ich auch für die NW.

Ich habe mal gehört, Blogger lassen sich nicht sagen über welche Themen sie bloggen. Du bloggst für die Presse. Widerspricht das nicht der Blogger-Moral?

(Lacht:) Nein. Klar, es gibt jede Menge „Mecker-Blogs“, die die Presse kritisieren. Aber genausogut kann man sich ja dieses Format zunutze machen und mit dieser Art von Bürgerjournalismus vernetzen. Die NW gibt mir glücklicherweise bei der Themenauswahl freie Hand. Doch ich muss politisch neutral bleiben. Beim Gedanken an den bevorstehenden Wahlkampf wird mir deshalb schon wieder mulmig zumute.

Hat sich, mal abgesehen von der Technik, seit 2004 in der Blogosphäre etwas verändert?

Nein, inhaltlich grundsätzlich nicht. Auch das oft prophezeite Bloggersterben ist meines Erachtens nicht eingetreten. Es gibt sogar immer mehr Blogs, allerdings wird das wieder durch technische Fortentwicklungen ermöglicht. So ist es jetzt viel leichter, ein einfaches Foto- oder Tumblr-Blog einzurichten. Oder Blogs mit Magazin-Charakter. Die Bloggerlandschaft wird dadurch sehr viel ausdifferenzierter.

Ihr habt in Bielefeld einen Blogger-Stammtisch. Wie kam es dazu?

Einige Blogger kannten sich bereits vorher persönlich. Aber irgendwann kam Sacha Brohm, ein bloggender Autor aus Bielefeld, auf die Idee: Lass uns doch mal zu einem Blogger-Stammtisch treffen. Bereits beim ersten Treffen in einer Bielefelder Kneipe waren es schon über 20 Leute – und es werden immer mehr.

Was macht ihr dort, und wie verabredet ihr Euch?

Wir verabreden uns über die Blogs hinweg, über Facebook oder Twitter. Es ist sehr spannend, die Menschen hinter den Blogs persönlich kennenzulernen. In Bielefeld gibt es beispielsweise viele Arminia-Blogger, darunter auch einige sehr humoristische. Wir unterhalten uns über die unterschiedlichsten Themen. Wobei viele gute Ideen für Projekte entstehen.

Projekte?

Ja, aber es wäre bei einigen noch viel zu früh, um darüber mehr zu verraten. Ich belasse es einmal dabei, Spannung aufzubauen. Es ist aber, denke ich, nicht von der Hand zu weisen, dass neue Dinge entstehen, wenn viele vernetzte Leute sich treffen und austauschen. Und wenn es einfach nur das Reden über Neuigkeiten oder das Bilden von Fahrgemeinschaften zur re:publica ist. Wir haben schon oft überlegt, daraus mal einen Verein zu machen. Genügend Leute dafür wären es allemal.

Stichwort „Twitter“. Ich lese viele Tweets wie: Ich mache jetzt das und gleich mache ich jenes… Wozu benutzt Du Twitter?

Ja, das sind oft Twitterer, die den früheren Text „Was machst du gerade?“ über dem Eingabefeld zu wörtlich genommen haben. Ich nutze Twitter, um Informationen auszutauschen, um auf verschiedene Dinge hinzuweisen, aber auch um einfach mal Blödsinn oder ironisches Zeugs rauszuhauen. Twitter hat aber im Vergleich zu allen anderen Internetdiensten den größten sozialen Nutzen: Ich habe es vorher mit keinem anderen Instrument erlebt, dass etwas so schnell Leute miteinander verbinden kann. Wir haben uns in Bielefeld schon oft darüber spontan zu Treffen verabredet und erst dann gesehen, mit wem man eigentlich die ganze Zeit virtuell kommuniziert.

Du schreibst viel persönliche Dinge in Deinem Blog…

Ich? Persönliche Dinge? (Lacht) Ja, es wird derzeit viel gewarnt: Zukünftige Arbeitgeber könnten das lesen und so weiter. Ich finde, dass ich gar nichts unvorteilhaftes über mich schreibe (Lacht). Es gibt ja übrigens mittlerweile die gegenläufige Tendenz, dass Leute ihre Online-Vita ganz bewusst durch vorteilhaftes Zeugs beschönigen. In diesem Zusammenhang: Wenn neuerdings die Medienkompetenz so groß geschrieben wird, dann sollte dabei meines Erachtens nach der Fähigkeit zum Filtern von Relevanz eine zentrale Bedeutung zukommen.

Meinst Du, wenn der Arbeitgeber sich dem Lesen Deiner Blogbeiträge gegen Dich entscheidet, war´s eh nicht der richtige?

Das sowieso.

Kommen wir zu dem „unpersönlichen“ Teil. Ich werfe mal einfach drei Worte in den Raum: Politik, Politikverdrossenheit, Netzpolitik. Was kommen Dir dabei spontan für Gedanken?

Wenn du viel im Netz unterwegs bist, wirst du nicht den Eindruck gewinnen, dass die Menschen politikverdrossen sind. Nehmen wir zum Beispiel die vielen Beiträge zu den Themen Internetsperren oder Vorratsdatenspeicherung. Man muss allerdings dazu sagen, dass es sich dabei auch um sehr internetspezifische Themen handelt.

Andererseits lässt es Politiker nicht gut aussehen, wenn internetaffine Menschen mit einer Petition kommen, die dann nicht ernst genommen wird, ihre Gesetze im Anschluss aber von genau den „Internetjüngern“ auf dem etablierten Weg der Verfassungsklage einkassiert werden. Da wäre vieles nicht nötig gewesen, wenn man sich mehr Respekt entgegengebracht hätte.

Aber ich bin mir sicher, dass Politik immer mehr über das Netz „formuliert“ wird. Auch die Verfassungsbeschwerde gegen ELENA ist über das Netz initiert worden. FoeBuD e.V., eine Initiative aus Bielefeld, hat da kräftig mitgewirkt. Übrigens organisiert FoeBuD jedes Jahr auch den Big BrotherAward. Bielefeld ist, was das betrifft, Datenschutz-Hauptstadt.

Stichwort: „Enquete-Kommission – Internet und digitale Gesellschaft”. In einem Dokument unter www.bundestag.de ist dazu zu lesen: „Im internationalen Vergleich nämlich verfügt die deutsche Bevölkerung noch nicht über ausreichende Kompetenzen im Umgang mit neuen Technologien und Medien.“ Was ist Dein Eindruck?

Man muss überlegen von wem solche Äußerungen kommen und wem sie nutzen. Das haben wir bei der Netzsperrendebatte ja gesehen. Auch die derzeit herrschende, öffentliche Meinung über Google als vermeintliche „Datenkrake“ kommt schließlich von seiten der Verlage. Man muss solche Statements sehr kritisch beleuchten. Es kann zwar sein, dass in anderen Ländern mehr Leute mit dem Netz besser bewandert sind. Aber die Funktionen der einzelnen Anbieter, Portale und Dienste im Internet sind inzwischen sehr einfach zu bedienen, nicht nur von jüngeren Nutzern. So viel praktische Kompetenz braucht es dafür gar nicht.

Unter Kompetenz lässt sich aber auch Verständnis fassen. Und es mangelt in Deutschland noch etwas dahingehend, was man mit dem Internet machen kann, habe ich den Eindruck. Vor allen überwiegt noch die Meinung, im Netz würden sich jede Menge Spinner tummeln und man könne eh nicht alles glauben, was darin stünde. Solche „Angebote“ verschwinden aber schnell in der Versenkung und führen dann ein unbeachtetes und wenig verlinktes Mauerblümchendasein. Vielmehr finden sich für jeden Geschmack tolle Dinge.

Bestes, aktuelles Beispiel für den Bereich Politik: Das Blog „Wir-in-NRW“. Ohne die Autoren dort und ihre Kontakte hätte es nicht diesen Medienrummel um Rüttgers und seine bezahlten Treffen auf dem Parteitag gegeben.

Mir ist, als ich diese Begründung gelesen habe, das „Gezwitscher“ von Max Winde „Ihr werdet Euch noch wünschen wir wären politikverdrossen.“ (Reboot_D Digitale Demokratie - Alles auf Anfang, Seite 57) in den Kopf gekommen…

Ja, viele Politiker nehmen die vielen Stimmen aus dem Internet noch nicht wahr. Aber auch das wird sich ändern.

Noch mal kurz zur Enquete-Kommission. Die CDU hat die Twitter-Expertin Nicole Simon in die Kommission entsannt. Hast Du ihr Buch „Mit 140 Zeichen zum Web 2.0“ gelesen?

Ja, klar.

Gegenüber politik-digital.de soll sie gesagt haben: „Ich bin einer der wenigen Netzleute, die nicht linkslastig sind.“ Sind Netzleute linkslastig?

Quatsch! Mir fallen spontan ziemlich viele neoliberale, sogar islamfeindliche Blogs ein. Ich glaube, das ist eine Art subjektive Wahrnehmung, die Frau Simon da hat. Schließlich filtert jeder selbst, wen oder was er liest oder welche Angebote man abonniert. Da kann ein solcher Eindruck schon entstehen.

Kürzlich hatte ich aus dem Buch Reboot_D Martin Linder zitiert. Was sagst Du zu der Aussage?

Ich denke, dass die Presse auf lokaler Ebene noch ein ganze Weile führen wird – wenn´s gut gemacht ist, wohlgemerkt. Hyperlokale Blogs werden ergänzend tätig sein. Ob und wann sich ein Wandel, wie ihn Martin Linder sieht, vollzieht, hängt davon ab, wie weit die Menschen bereit sind, zu partizipieren. Und es hängt auch davon ab, wann und wie sich das Verständnis bei einigen dafür entwickelt, dass nicht nur „das Papier in der Hand“ etwas zählt. Im Internet gibt es ebenfalls schwarz auf weiße Informationen. Wenn jemand denkt, Bits und Bytes seien flüchtig, dann sei daran erinnert, dass Papier genausogut vergilben und Druckerschwärze verbleichen kann. Das Netz vergisst aber nichts.

Im Übrigen hat auch in den Redaktionen ein Umdenken stattgefunden. Stell Dir mal vor: Früher sind die Redakteure oft erst durch Zuschriften oder Anrufe auf Projekte aufmerksam geworden, eben weil die einzelnen Projekte Aufmerksamkeit benötigten. Mittlerweile ist es so, dass sich die Projekte ihre Öffentlichkeit im Internet selbst schaffen. Und die Lokalredaktionen verfolgen plötzlich zahlreiche Websites, um interessantes „Futter“ für ihre Zeitung zu bekommen. Der Einfluss dieses, nennen wir es mal wieder „Bürgerjournalismus“, auf die Massenmedien wird größer. Guck Dir mal an, wie wild die Medien darauf sind, wenn irgendwer bei Twitter eine Notlandung im Hudson River veröffentlicht, Proteste im Iran losrollen oder jemand das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl schon früher raushaut. Und das Interesse daran ist nicht nur auf internationaler oder Bundesebene groß.

So etwas geht auch im Lokalen. Dazu muss natürlich auch erstmal jemand bereit sein. Aber ich meine, wenn man eh schonmal dabei ist, einen Pressetext zu formulieren, dann geht das erst recht.

Zum Abschluss – wann bekommen wir Dein erstes Buch zu lesen?

(Lacht) Ja, das kommt. Ich bin dabei. Das wird aber, wegen der vielen andere Aktivitäten, noch ein bisschen dauern. Das O.K. Dafür ist immerhin schon vom Lektora-Verlag in Paderborn vorhanden. Darin würden dann aber weniger netzspezifische Dinge stehen. Das wären dann Kurzgeschichten aus dem Poetry Slam-Bereich, nur noch etwas lesbarer gestaltet.