Ich heirate einen Personalausweis

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 4 Minuten

„Ablauf der Gültigkeit Ihres Personalausweises“, ist in der Betreffzeile des Briefes zu lesen, den mir das Rathaus geschickt hatte. Das ich daran erinnert werde, finde ich einen netten Zug. Wer weiß, ob ich rechtzeitig daran gedacht hätte.

Für die Beantragung des neuen Personalausweises ist es erforderlich, dass Sie persönlich im Bürgerbüro vorsprechen […]

Folgsam wie ich bin, trotte ich ins Bürgerbüro. Als ich wieder raus ging, war der Vormittag rum. Eine standesamtliche Trauung dauert halb so lang (sofern das Paar sich einig ist, und wenn man die Sektpausen abzieht). Und ich vermute, dass man dabei bestimmt weniger Unterschriften leisten muss. Wie die Zeremonie: „Ich heirate einen Personalausweis“ abläuft, will ich hier mal „kurz“ schildern. (Schenk Dir einen Kaffee ein, es dauert länger.)

Gefühlte vier Unterschriften musste ich für diese „Trauung“ leisten. Da ist zum Beispiel das „Beiblatt zum Antrag auf Ausstellung eines Personalausweises“.

Folgende Tatbestände können zu einem automatischen Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft führen […] Sofern die Verlustfolge eingetreten ist, sind Betroffene nicht mehr berechtigt einen deutschen […] Personalausweis zu führen. […]

Sofern ich „keine ausländische Staatsangehörigkeit(en) beantragt bzw. erworben“ habe, solle ich doch bitte die Erklärung, unten auf dem Beiblatt unterzeichnen, hieß es.

Mann will ja nichts falsch machen. Also lehnte ich mich in den Besucherstuhl zurück und ließ, das Gesicht zur Decke gerichtet, die Augen leicht geschlossen, im Geiste meine Jugendsünden Revue passieren. Nachdem ich eine Viertelstunde anstrengend nachgedacht habe, war ich mir sicher, ich habe nur eine, und zwar die inländische Staatsangehörigkeit – 1. Unterschrift.

Auch unter dem nächsten „Beiblatt zum Antrag auf Ausstellung eines Personalausweises“ muss man sich erklären. Vier Kästen zum Ankreuzen stehen dort zur Auswahl, zwei für jede Erklärung. Die 1. Erklärung:

Ich möchte meine Fingerabdrücke erfassen und elektronisch im Personalausweis speichern lassen:

Das ist doch eine reine Suggestivfrage! Es ist nichtmal eine Frage. Es ist eine vorformulierte Feststellung. Wer wagt es schon, darunter „Nein“ anzukreuzen? Dabei ist in dem Hinweis zur „Erklärung zur Erfassung und Speicherung der Fingerabdrücke (§ 9 Abs. 3 PAuswG)“ zu lesen:

Die Erfassung und Speicherung der Fingerabdrücke im Personalausweis erfolgt aufgrund einer freiwilligen Entscheidung […]

Freiwillig? Das soll wohl heißen: Du darfst frei, hast aber willig zu sein. Die 2. Erklärung ist genauso aufgebaut. Aber da geht es lediglich um die „Erklärung über den Empfang des Informationshandbuchs (§ 11 Abs. 2 PAuswG)“. Wie auch immer: Ich habe zwei Kreuzchen setzen lassen und unterschrieben - 2. Unterschrift.

Mit der 2. Erklärung erklärt man übrigens, dass einem erklärt wurde,

dass ich mich erst bei der Abholung des Personalausweises entscheiden muss, ob ich den elektronischen Identitätsausweis nutzen möchte.

Diese „Online-Ausweisfunktion“, jedermann auch bekannt als „eID-Funktion“, ist etwas tolles, denn:

Nutzer, die bei dem neuen Personalausweis die Online-Funktion aktiviert haben, erhalten freien Eintritt zur CeBIT im nächsten Jahr.

[Quelle: netzwelt.de] Na, das ist doch wohl mal ein Anreiz. Wer kann da schon „Nein“ sagen? Und wenn man dem Papst eine selbst gemalte Weihnachtskarte schickt, kommt man in den Himmel.

Soweit zur Ouvertüre. Der Hauptteil der Zeremonie wird eingeleitet durch die beliebten, personenbezogenen Detail-Fragen. Kaum das du die Antworten ausgesprochen hast, werden selbige vom Sachverarbeiter mit den bereits gespeicherten Datensatz abgeglichen und erforderlichenfalls mit vorwurfsvoller Mine modifiziert.

Hernach wird dir das 3. Formblatt zur Unterschrift gereicht. Das ist nun der eigentliche „Antrag auf einen Personalausweis“. Darauf findet man, fein säuberlich gelistet, die zuvor gemachten Antworten auf die Fragen nach der maximalen Körperlänge, der Schuhgröße und der Lieblingszahncreme. Auch deine Seriennummer ist darauf abgedruckt (sie steht direkt unter der Adresse). Etwas weiter unten heißt es lapidar:

Der Antrag ist gebührenpflichtig. Gebühr: 28,80 EUR

Wenn der Antrag schon so teuer ist, was mag dann der Ausweis kosten? Aber derweil ich noch überlegte, hielt mich die „Standesbeamtin“ schon zur Eile an: „Unterschreiben, unterschreiben, unterschreiben!“, war in ihren Augen zu lesen. Und so setzte ich das 3. Mal meine Schrift-Unter:

Hiermit bestätige ich die Richtigkeit der oben genannten Daten.

Während ich noch das vom vielen Unter-Schreiben strapazierte Handgelenk massierte, wurde mir das 4. Blatt Papier vorgelegt. Auf besagtem Papier war ein schwarz umrandetes, 12 x 4 Zentimeter großes, leeres Rechteck abgedruckt. Ich wurde gebeten, genau zu zielen. Denn es musste mir gelingen, exakt in diesem Feld meine Unterschrift zu setzen. Auch diese Hürde habe ich mit Bravur genommen.

Diese Unterschrift wird später im Ausweis zu sehen sein, hieß es zuvor. Da der Ausweis Scheckkartenformat hat, habe ich selbstverständlich die ganze Fläche des Rechtecks in Anspruch genommen. Soll die Bundesdruckerei doch sehen, wie sie das Geschreibsel eingedampft bekommt.

Mit dieser 4. Unterschrift war es um uns geschehen – sie hat uns schlussendlich zu Mann und Frau Personalausweis verheiratet.

Wer jetzt noch nicht eingeschlafen ist, sich aber beschweren will, dass der Text zu lang ist, der kann ja selbst mal einen Personalausweis beantragen.