Geschichte erleben

  • Von
  • ·
  • Geschätzte Lesezeit 3 Minuten

Geschichte erleben – grenzenlos feiern“, so lautet das Motto der Jubiläums-Feierlichkeiten. Aber „Geschichte erleben“ – wie soll das gehen?

Geschichte im allgemeinen Sinn bezeichnet alles, was geschehen ist. […]

heißt es bei Wikipedia. Und wie ich etwas erlebt habe, was geschehen ist, das will ich hier mal verläutern:

Vorhin blätterte ich in dem Begleitband zur Ausstellung „Josef Friese – ein Lügder“ – übrigens ein sehr umfassendes und interessantes Schriftwerk. „Zeitzeugen berichten“ lautet ein Kapitel darin. Mangels Jahresringe und Titel ist dort (ausnahmsweise) von mir nichts zu lesen. Doch wenn ich auch nur ein winziges Zahnrad bin, so hat es sich doch ein bisschen mit Josef Friese gedreht. Das war nichts Sensationelles, aber in meiner Nase kribbelt es heute noch, wenn ich daran denke.

Vor vielen Äonen, ich war noch in der Ausbildung, habe ich Herrn Friese häufiger mal im Lügder Rathaus gesehen. Es muss zu einer Zeit gewesen sein, als er an der Chronik „Aus der Geschichte der Stadt Lügde“ geschrieben hat. Denn fast jedes mal nachdem ich ihn getroffen hatte, bekam ich kurze Zeit später von meinem damaligen Vorgesetzten einen Notizzettel in die Hand gedrückt, auf dem einige Aktenzeichen notiert waren. Der Auftrag war immer der gleiche: Bitte suche im Archiv die entsprechenden Akten heraus.

Die Aktenzeichen auf den Notizzetteln entsprachen nicht denen, wie ich sie zu der Zeit gelernt habe. Es handelte sich um eine ältere „Codierung“, was aber auch bedeutete, die Akten die ich finden sollte, sind älter. Und die älteren Akten standen im älteren Archiv – in einem separaten Raum auf dem Dachboden. Im Winter war es dort a[…] kalt und im Sommer schw[…] heiß.

Hinzu kam, dass man sich dort schon über Jahre – ach, was sage ich: über Lichtjahre(!) die Reinigung, das heißt das Staubputzen gespart hatte. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass es in dem Raum kein Fenster gab, und dass das Dämmerlicht, was als Beleuchtung diente, offensichtlich den historischen Dokumenten Rechnung tragen sollte – finstere Vergangenheit. Die Lämpchen reichten lediglich aus, das man die Gänge zwischen den Regalen erkennen konnte und auf diese Weise nicht Gefahr lief, versehentlich damit zu kollidieren.

Kurz: Unbewaffnet war dieses Areal nicht erfolgreich zu erkunden. Eine starke Taschenlampe gehörte zur Pflichtausstattung. Man kann auch sagen: Das Archiv war eine perfekte Kulisse für Indiana Jones.

Unzählige Aktenmappen stapelten sich in den Regalen. Wie eine Zunge hing aus jeder einzelnen Akte ein zirka 8 x 6 Zentimeter großer „Lappen“ heraus, auf dem das Aktenzeichen zu lesen sein sollte. Dank kompakter Staubschichten und schlechter Tinte, war das in vielen Fällen jedoch nur mit viel Phantasie möglich.

Manch alter Akte war es wohl im Laufe der Zeit zuviel geworden, ständig die Zunge rauszustrecken. Das waren mir die liebsten Modelle. Das bedeutete nämlich, Akte einkreisen und hoffen, dass in dem Kreis der Verdächtigen die gesuchte zu finden ist. Denn wenn ein „Entstapeln“ notwendig wurde, verließ man das Archiv mit Sicherheit ganz in Weiß – als Staub-Mann.

Begleitet von unzähligen Nies- und Hust-Attacken durfte ich so dazu beitragen, die Chronik von Lügde zu bestücken. Da frage noch einer, wie das geht: „Geschichte erleben.“