Die Schwerter der Bürokraten

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Zwei alte
Stempel

Fakt ist (Ich liebe diese Eröffnung. Sie ist so herrlich martialisch. Wer so beginnt, der hat eh schon alles drauf.) – also Fakt ist, zu den ärgsten Waffen eines Bürokraten zählen – seine Stempel (wir berichteten).

Kein Normalsterblicher hat einen Stempel. Stempel gehören zu den Insignien der Macht. Nur wer die zweite Stufe der menschlichen Hierarchie emporgestiegen ist, wird damit aufgerüstet.

Aber ich sage euch: Der Weg dorthin ist steil und steinig. Einzig wer sich als allzeit zuhörender, nicht nachfragender, nicht nachdenkender, stetig lächelnder, lediglich nach den Regeln der großen Meister (3. SmH) arbeitender Erdenbürger bewiesen hat, hat eine geringe Chance zum Bürokraten-Ritter (B-Ritter) geschlagen zu werden.

Nun, irgendwie habe ich es geschafft. Ich wurde bewaffnet. Ob du willst oder nicht, Pazifismus hin oder her, du kannst dich nicht dagegen wehren. Exekutive heißt eben ausführende Gewalt, basta!

Erst kürzlich ist mir wieder klar geworden, wie wichtig es für einen B-Ritter ist, gewalttätig zu sein. Ich darf es hier leider nicht zeigen, aber wenn ihr mein neuestes Schwert sehen würdet, wüsstet ihr was ich meine. Versuche mal, einen DIN A6 großen Stempel so auf´s Papier zu donnern, dass der Stempelabdruck vollständig ist.

Die modernen Schwertschmiedemeister haben es nicht leicht. Wie soll man auch die vielen wichtigen Instruktionen auf einem Stempel unterbringen? Heutzutage ist alles wichtig. Wage nur mal jemandem zu sagen, dass sein Anliegen ohne Belang ist. Dann hast du den totalen Krieg.

Für jede Schlacht gibt es ein passenden Schwert: Eheschließung, Scheidung, schwanger, nicht schwanger, eingegangen, aufgegangen und so weiter. Aber ein schlanker Stempeltext wie: „nicht schwanger“ reicht nicht. Wir lieben es kompliziert. Unzählige Dinge schreien geradezu danach hinterfragt zu werden: Angaben über Einkünfte, Haustiere, Balkonpflanzen etc. etc. etc. Wie gesagt: Alles ist wichtig, notwendig, kriegsentscheidend.

Und wenn der Platz auf der Klinge eng wird, arbeiten die Schmiedemeister halt mit innovativen Beschwörungsformeln, den Abkürzungen. Die kann zwar meistens nur der Schmied übersetzen, aber substanziell bleiben sie trotzdem.

Machen wir uns nichts vor: Stempel sind, wie Vordrucke, halt auch Rollatoren fürs Oberstübchen. Ich hatte es ja schon gesagt: B-Ritter dürfen nicht nachdenken.

Als B-Ritter kann man übrigens richtig in die Bredouille geraten. Stell dir vor, du bekommst ein Schlachtfeld, beispielsweise eine Rechnung zugeschoben, und du findest keinen Landeplatz für dein Brandeisen – ich meine Schwert – also Stempel. Sämtliche vom Rechnungssteller freundlicherweise unbedruckt gelassenen Flächen sind bereits vollgestempelt. Irgendwelche B-Ritter haben sich schon vor dir darauf ausgetobt.

Es besteht Schwertpflicht, das heißt Stempelpflicht. Du kannst nicht einfach hergehen, dir auf der Rechnung eine kleine Lücke suchen und die „notwendigen“ Angaben dort hineinkritzeln. Das wäre ja zu einfach. Und einfach machen wir es uns grundsätzlich nicht.

Habt ihr euch eigentlich mal so ein Schlachtfeld genau angesehen? Ich meine so eines, worauf sich etliche B-Ritter mit ihren Schwertern so richtig ausgelassen haben? Ich sage Euch, das ist Kunst! Ich kenne mich in der Szene nicht aus, aber ich würde auf ein Konglomerat aus Dadaismus und Surrealismus tippen.

Wer hätte das gedacht: Bürokraten können sogar ungemein kreativ sein. Das liebreizende daran ist, dass sie das meistens nicht mal wissen.