Ansichten eines Clowns

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Nachgeborene werden kaum begreifen, wieso ein solch harmloses Buch seinerzeit einen solchen Wirbel hervorrufen konnte.

…schreibt Heinrich Böll im „Nachwort 1985“ zu seinem Roman „Ansichten eines Clowns“ aus dem Jahr 1963 [Quelle: Buch vom Verlag Kiepenheuer & Witsch, Seite 277]. Bevor ich darauf weiter eingehe, kurz etwas zum Inhalt des Buches:

Auch in diesem Roman vergehen nur wenige Stunden, in denen der Protagonist, Hans Schnier, von seinen Leben als Clown, von seiner Familie, von seiner großen Liebe Marie und deren „Umfeld“ erzählt. Doch:

Mehr und mehr wird die Kritik an den unreflektierten Wertewechseln der Deutschen im Übergang vom Dritten Reich zur Bundesrepublik klar, an der fehlenden Verarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus und der Katholischen Kirche, die als Institution ihren Anhängern eben diese unreflektierte Anpassung bis hin zu Gehorsam abverlangt.

[Quelle: de.wikipedia.org] Wer gern mehr über den Inhalt des Buches erfahren möchte, der sollte dem Link folgen, denn die Info zu dem Roman ist bei Wikipedia recht ausführlich beschrieben.

Zurück zum obigen Zitat. Tatsächlich erscheint das Buch harmlos, wenn man es lediglich „konsumiert“. Viele der Konflikte, die Heinrich Böll in dem Roman thematisiert, sind kaum noch anzutreffen. Wen stört es heute noch, wenn ein Paar, selbst wenn beide Katholiken sind, unverheiratet zusammenlebt?

Allerdings ist es manchmal ratsam, sich vor dem Lesen eines Werkes thematisch zu sensibilisieren. In diesem Fall eignet sich dazu das „Nachwort 1985“ von Heinrich Böll. Dann wird deutlicher, wie vermint das Territorium war, das Heinrich Böll mit dem Buch betreten hatte.

Gleichwohl bin ich der Meinung, dass der Roman nicht lediglich einen historischen Wert hat. In dem „Nachwort 1985“ schreibt Heinrich Böll dazu:

das wäre möglicherweise das einzig »zeitlose« an diesem Roman […] wie Verbandsdenken sich anmaßt, im Namen ganzer Bevölkerungsgruppen zu sprechen, zu urteilen. In diesem Falle geht es um die uralte, bis heute ungeklärte Frage, wie repräsentativ katholische Verbände, Organisationen und ihre publizistischen Organe […] sind?

[Quelle: Buch vom kiwi-verlag.de, Seite 277] Ja, ja – die Rolle der katholischen Kirche und die ihrer Verbände…

Vielleicht gibt es interessierte Leser die nun denken: Ach, das ist mir viel zu intellektuell, zu abgehoben – so etwas lese ich nicht. Keine Sorge, Heinrich Böll war ein glänzender Schriftsteller. Gute Texte brauchen keine geballte Ladung überdrehter Worte und verschwurbelter Sätze. Auch der Roman „Ansichten eines Clowns“ ist ein Beleg dafür. – Lesen!