Zum Abschied einen Heiligenschein

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Eine Grafik - stilisierter
Heiligenschein

„Nirgends wird so viel gelogen wie bei Beerdigungen und Verabschiedungen.“ Laut einem Zeitungs-Artikel der Pyrmonter Nachrichten soll das mein ehemaliger Chef an seinem letzten Arbeitstag im Lügder Rathaus gesagt haben.

Nebenbei: Die Online-Version der Zeitung kennt den Artikel nicht…

Zurück zur Lüge. Ich klammere mal den Bereich der Beerdigungen aus. – Dass das Zitat für den Bereich Verabschiedungen einen wahren Kern hat, haben mir einige meiner Mitmenschen vergangene Woche überdeutlich bewiesen.

Nun wird bei Verabschiedungen nicht gelogen bis sich die Balken biegen, das ist vermutlich auch nicht die Aussage die mit dem Zitat transportiert werden soll – aber:

Zumindest was die kritikwürdigen Bereiche der Person anbelangt die da gerade „ausgecheckt“ wird, halten sich Rednerinnen und Redner von Welt gern bedeckt, bleiben unvollständig und vage. Nur wenn sie sich ganz mutig fühlen, arbeiten sie blumenreich und humorvoll mit nebulösen Andeutungen.

Das kann man diplomatisch nennen – es kann aber auch einen heuchlerischen „Nachgeschmack“ erzeugen.

Aber wie ist diese Neigung bei Verabschiedungen vorwiegend Lobeshymnen zu singen zu begründen? Gibt es ein geschriebenes oder ungeschriebenes „Gesetz“ dafür? Ich habe keines gefunden. Als eine mögliche Antwort ist mir eingefallen:

„Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu.“

Klingt plausibel.


Eine Eigenschaft, die beinahe in jeder Stellenausschreibung gefordert wird, ist die Kritikfähigkeit. Je höher die Position, desto wichtiger ist es, kritikfähig zu sein.

Nach meinem Dafürhalten beinhaltet die Kritikfähigkeit auch, den offenen und ehrlichen Diskurs mit sich selbst zu pflegen. Wer das wirklich tut, weiß, dass vernünftig platzierte und formulierte Kritik eine Bereicherung sein kann. Denn sie kann helfen, das eigene „Spiegelbild“ zu vervollständigen – kann helfen, sich wieder auf den richtigen „Kurs“ zu bringen.


„Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu.“

Ich glaube: Je kritikfähiger jemand ist, umso offener und ehrlicher wird er mit seinen Mitmenschen umgehen – denn das wünscht er ja auch für sich selbst. Für ihn bedeutet einfühlsame Kritik keine Majestätsbeleidigung.