Wir warten

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Im Vordergrund eine Metallkugel im Hintergrund ein
Garten

Wartezimmer haben doch eine ganz eigene Atmosphäre. Ich finde, auch hier lassen sich unzählige Studien durchführen.

Nehmen wir die Bibliothek dieser Lokalitäten. Heute Morgen habe ich mich wieder gefragt, ob es wohl zulässig ist, über das dort ausgestreute Lesematerial Rückschlüsse auf die medizinische Betreuung in den angeliederten Räumlichkeiten zu ziehen. Aus Angst, dass die Antwort nicht gerade gesundheitsfördernd ausfällt, habe ich die Frage zunächst beiseite geschoben.

In den vergangenen Jahren habe ich es mir daher angewöhnt, mir für den Aufenthalt in solchen Rangierbahnhöfen ein Buch mitzunehmen. Doch selbst wenn die Lektüre noch so spannend ist, kommt es vor, dass es mir schwerfällt mich darauf zu konzentrieren. So wie heute Morgen.

Die Guteste saß zwar zwei Sitze weiter, aber mir war, als würde sie mir direkt in die Ohrmuscheln brüllen. Nur drei Minuten nachdem sie den Raum betreten hatte, war allen anderen fünfzehn Wartenden klar, der verschüchterte Herr, den sie im Schlepptau führte ist ihr Ehemann und er ist schwer zuckerkrank. Episch, wissend und vor allem lautstark breitete sie vor allen Anwesenden die Krankengeschichte ihres Göttergatten bis ins Kleinste aus.

Ich war heilfroh, als sie sich endlich eines von diesen Fingerabdrucksammel-Heften griff und darin zu blättern begann. Doch sie verstummte nur kurz. Sie kann nur die erste Überschrift gelesen haben. Denn gleich darauf durften wir unfreiwillige Zeugen ihrer umfangreichen Kenntnisse über die europäischen Königshäuser werden.

Jetzt wo ich dies schreibe, und mir Details dieser aufdringlichen Vorträge in Erinnerung rufen möchte, fällt mir auf, dass ich davon so gut wie nichts mehr behalten habe. Hingegen werde ich, wenn ich gleich in dem Buch weiterlesen werde, nahtlos in die Geschichte einsteigen können. Meine “Informations-Filter” scheinen also noch zu funktionieren.

Aber so groß ist der Unterschied zwischen der mitteilungsbedürftigen Dame und mir auch nicht. Denn indem ich hier so schluffig rumblogge, puste ich meine Gedanken ebenfalls ungefragt in die Weltgeschichte. Allerdings ist niemand genötigt, diesen Sums zu lesen.

Auf jeden Fall ist es spannend zu beobachten, wie unterschiedlich die Menschen eine Kommunikation aufzubauen versuchen.