SiebenAchtVier

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Eine Grafik mit der Zahl
784

Das Kapital III [1]

„784 war Karl der Große hier“ – hier in Lügde. Ich war damals schwer beeindruckt, als ich das in der Grundschule gelernt habe. Karl der Große – der Große – war in Lügde. So ehrfurchtsvoll wie uns die Lehrerin darüber berichtete, musste sich der Karl zwangsläufig als eine Art Lichtgestalt bei uns einprägen. [2]

Und dann hat er hier auch noch das Weihnachtsfest gefeiert. Wahnsinn! Tja, als Grundschüler habe ich noch an das gesprochene und geschriebene Wort geglaubt.

Aber woher wissen wir, das Karl der Große hier in Lügde war? Hartnäckig beziehen wir uns dazu auf eine Textpassage aus den Lorscher Annalen zum Jahr 784:

Et celebravit natalem domini juxta skidrioburg in pago waizzagavi super fluvium ambram in villa liuhidi.

[Quelle: Aus der Geschichte der Stadt Lügde II. Band, Seite 19] [3]

Experten übersetzen das so:

Und er feierte das Geburtsfest des Herrn unweit der Skidrioburg im Wetigau am Emmerflusse im Dorfe Lügde.

[Quelle: Aus der Geschichte der Stadt Lügde II. Band, Seite 19] [3]

Diese Textpassage ist also die „Geburtsurkunde“ meines Heimatstädtchens Lügde.

Übrigens: Einer Legende nach soll auch der Sachsenherzog Widukind, als Bauer verkleidet, an dem Weihnachtsgottesdienst teilgenommen haben. Die Feier soll ihn so tief bewegt haben, dass er zum Christum übertrat und sich 785 taufen ließ. [4] Wie gesagt – eine Legende.

Aber wie steht es mit den Schriftstücken aus der Zeit?

Früher gab´s noch nicht viele Blogger. Oft übernahmen schreibkundige Priester und Mönche den Job, die „wichtigen“ Dinge auf Papier zu bannen.

Interessant finde ich, dass Josef Friese in seiner Chronik in dem Zusammenhang aus den Dreizehnlinden von Friedrich-Wilhelm-Weber zitiert [5] (tja, alles ist miteinander verschwurbelt).

… Von der Mönche Hand geschrieben

Blatt auf Blatt mit Müh’ und Sorgen,

In den Truhen der Abteien

Lag es liebevoll geborgen. …

[Quelle: projekt.gutenberg.de] Es konnte durchaus auch mal ein bisschen Zeit ins Land gehen, bis die Geschehnisse für die Nachwelt fixiert wurden. RSS-Feeds hätten sich da nicht gelohnt.

Und wie glaubwürdig sind solche Texte?

Die Reichsannalen haben einen unverkennbaren offiziösen Charakter; man muss sie als ein Instrument der karolingischen Herrscher interpretieren, um ihre Vorgehensweisen politischer als auch militärischer Natur zu rechtfertigen. Die Annales regni Francorum wurden wohl meist dazu benutzt, nicht existierende Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, beispielsweise angebliche Provokationen anderer Herrscher, um etwa einen Krieg nicht als Angriffskrieg erscheinen zu lassen.

Sie sind trotz ihrer oft zweifelhaften Glaubwürdigkeit heute eines der wichtigsten überlieferten Schriftstücke des Mittelalters und unverzichtbar für die Mittelalterforschung.

[Quelle: de.wikipedia.org] Konisch, warum erinnert mich das jetzt an Hannes Wader? [6]

Anmerkungen und weitere Quellen-Infos:

[1] Inspiriert von Dallas, Denver und GZSZ habe ich mich zur Produktion einer Serie überredet. Hier nun schon das III. Kapitel.

[2] Soweit ich mich erinnern kann, hat einen ähnlichen Eindruck bei den Grundschullehrern und uns nur der damalige Bundesverkehrsminister, Georg Leber, hinterlassen. Denn auch er sollte zu Besuch nach Lügde kommen. Die ganze Klasse stiefelte am angekündigten Tag zum Bahnhof um ihn zu empfangen. Sicher hatten wir dafür auch ein feines Liedchen einstudiert. Wir warteten. Später hieß es, er steigt nicht aus, er fährt nur vorbei – aber ihr müsst singen und kräftig winken. Doch wer nicht kam und auch nicht vorbeifuhr war Georg Leber – ihm war wohl etwas an die Nieren gegangen.

  • [3] Aus der Geschichte der Stadt Lügde von Edmund Schlieker · Neu bearbeitet und fortgeführt von Josef Friese · II. Band 1983 Herausgeber: Stadt Lügde
  • [4] Aus der Geschichte der Stadt Lügde · von Edmund Schlieker I. Band 1950
  • [5] Siehe 3 Seiten 14 und 15 und Dreizehnlinden · II. Das Kloster, Strophen 30 bis 33
  • [6] Hannes Wader:

    … Je Länger die Erinnerungen zurückliegen, desto rosiger färben sie sich ein. Das ist ein barmherziger Trick der Seele, die es einem erlaubt, auch wenn man sein Lebtag nur [piep] gebaut hat, am Ende auf ein erfülltes Leben zurückzublicken …