Schreibend musizieren

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Ein geschnitzter
Notenschlüssel

Manchmal lese ich, wenn das Ende eines Buches sichtbar wird, langsamer. Ich möchte nicht, dass ich aussteigen muss, aussteigen aus dem Parallelleben. Wirklich, ein gutes Buch eröffnet mir so etwas wie ein zusätzliches Leben. Klar, in dem Leben bin ich nur Beobachter. Trotzdem werde ich darin manchmal so mitgerissen, dass ich das passive Gefühl eines Beobachters nicht mehr spüre.

Unterscheidet sich das von dem eigentlichen Leben? Bin ich wirklich, oder werde ich gelebt?

Gutschön, darauf wollte ich nicht hinaus. Der Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier hat mich gestern “rausgeworfen”.

“Ein Goldschmied der Worte”, so heißt das Buch, auf dass Gregorius, Lehrer für Latein, Griechisch und Hebräisch in einem Gymnasium in Bern, zufällig stößt. Das Buch beinhaltet einige Aufzeichnungen des portugiesischen Arztes Almeida Prado. Von einem auf den anderen Moment steigt Gregorius aus - aus, aus seinem bisherigen, durchstrukturiertem Leben; und er steigt ein, in den Nachtzug nach Lissabon. Er will mehr von Almeida Prado wissen…

Gregorius kann kein Portugiesisch. Eigentlich ist es der Klang der Sprache, der ihn das Buch fokussieren lässt. Denn kurz bevor er auf das Buch aufmerksam wird, begegnet ihm eine Portugiesin, die er glaubt, vor einem Suizid retten zu müssen. Ihr »Português«, auf seine Frage nach ihrer Muttersprache hat sich für ihn wie eine Melodie in seine Gedanken geheftet. Noch am selben Abend beginnt Gregorius Portugiesisch zu lernen.

In dem Buch “Nachtzug nach Lissabon” ist nebenbei viel von Sprachen die Rede. An vielen Stellen im Buch habe ich den Eindruck gehabt, dass ich die Sprachen auch hören würde. Ich glaube schon, dass eine Sprache wie Musik sein kann, selbst wenn ich die Worte nicht verstehe (oder vielleicht ist gerade das die Voraussetzung dafür). Und es verzaubert mich geradezu, wenn jemand schreibend musizieren und lehren kann.

Über das Buch verteilt, bekommt der Leser immer mal wieder Auszüge aus Prados Aufzeichnungen, dem “Goldschmied der Worte”, zu lesen. Ein Beispiel dafür - Das glühende Gift des Ärgers (Seite 609 und 610):

Wenn die anderen uns dazu bringen, dass wir uns über sie ärgern - über ihre Dreistigkeit, Ungerechtigkeit, Rücksichtslosigkeit -, dann üben sie Macht über uns aus, sie wuchern und fressen sich in unsere Seele…

wir… ärgern uns über den Ärger, der sich eingenistet hat wie ein schmarotzender Schädling, der uns aussaugt und entkräftet…

Wir sind nicht nur wütend über den Schaden, sondern auch darüber, dass er sich ganz allein in uns entfaltet, denn während wir mit schmerzenden Schläfen auf dem Bettrand sitzen, bleibt der ferne Urheber unberührt von der zersetzenden Kraft des Ärgers, deren Opfer wir sind. Auf der menschenleeren inneren Bühne, in das grelle Licht stummer Wut getaucht, führen wir ganz allein für uns selbst ein Drama auf mit schattenhaften Figuren und schattenhaften Worten, die wir schattenhaften Feinden entgegenschleudern in hilflosen Zorn…

Und je größer unsere Verzweiflung darüber ist, dass es nur ein Schattenspiel ist und keine wirkliche Auseinandersetzung, in der es die Möglichkeit gäbe, dem anderen zu schaden und ein Gleichgewicht des Leids herzustellen, desto wilder tanzen die giftigen Schatten…

(Wir werden den Spieß umdrehen, denken wir grimmig und schmieden nächtelang Worte, die im anderen die Wirkung einer Brandbombe entfalten werden, sodass nun er es sein wird, in dem die Flammen der Empörung wüten, während wir, durch Schadenfreude besänftigt, in heiterer Ruhe unseren Kaffee trinken.) Was könnte es heißen, es richtig zu machen mit dem Ärger? Wir möchten ja nicht seelenlose Wesen sein, die ganz und gar unangefochten bleiben durch das, was ihnen begegnet…