Neulich auf dem Friedhof

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Ein altes, verrostete
Metallkreuz

Neulich war ich mal wieder „Gräber fertig machen“.

Definition: „Gräber fertig machen“ ist die umgangssprachliche Kurzfassung einer Aktivität, die die Pflege und das jahreszeitliche anpassen der Grabstätten, meist von näheren Verwandten, zum Inhalt hat.

Wie bei einem ergiebigen „Sonntags-Nachmittag-Ausflug“, erfordert die Dienstreise zum Friedhof eine gehörige Portion Organisations-Talent. Ein Check up, bevor es losgeht, ist Pflicht:

  • Ist das besagte Jahreszeiten-Anpassungsmaterial verstaut?
  • Habe ich Pflanzen-Blut-Reserven dabei?
  • Ist der Chirurgie-Koffer für Gärtner vollständig?
  • Habe ich noch alle Instruktionen im Kopf? Ich rekapituliere:
  • Die Spät-Frühjahr-Pflanzen auf dem Grab von Vattern vorn, halb-links
  • und bei den Großeltern links, da wo der Rhododendron steht.
  • Die Früh-Sommer-Pflanzen kommen auf die jeweils gegenüberliegenden Seite.
  • Aber: Darauf achten, dass alle Pflanzen diagonal zur Grab-Außenkante stehen.

Am Friedhof angekommen, treffe ich als erstes auf die Herren Friedhofsgärtner. Aufatmen – in Nähe der Gräber die ich fertig machen will, findet keine Beerdigung statt, wird mir versichert. Nicht noch mal möchte ich wie ein Maulwurf verdreckt, auf Knien an einem Grab werkeln, während unzählige Trauernde, die mir fast alle bekannt sind, an mir vorbeiziehen.

So wie ich bepackt und gekleidet bin, könnte man von Weitem meinen, ich wollte am Klondike Goldschürfen. Das Gärtner-Equipment scheppert bei jedem Schritt aneinander. Der Versuch dabei im Takt zu bleiben scheitert.

Auf meinem Weg über den Friedhof treffe ich etliche Bekannte. Ich treffe sie immer dort – ihre Gräber. Bei dem einen oder anderen verharre ich kurz. Erinnerungsfilme an gemeinsame Erlebnisse laufen blitzschnell vor dem inneren Auge ab. So war das. – Wehmut. – Leicht und gerne lasse ich mich wieder von den normalen Alltagsgedanken mitnehmen.

Als kleines Kind hat mein Großvater mich oft im Bollerwagen mitgenommen, wenn er die Gräber fertig machte. Ich habe ihm gern dabei zugesehen und „geholfen“. Am meisten haben mich alte Mauern und Grabsteine fasziniert, von denen ich Schnecken und Moos absammelte. Meine Leidenschaft am Schneckensammeln ist übrigens zwischenzeitlich verflogen.

Später, nachdem mein Opa seinen „Ruhesitz“ hierher verlegt hat, hat mein Vater den Job übernommen. Seit einigen Jahren „wohnt“ auch mein Vater hier. Manch einer würde sich das wünschen: Arbeitsstellen, die von Generation zu Generation „vererbt“ werden.

Während ich die Büsche und Bäumchen frisiere, „unterhalte“ ich mich mit den „Wohnungsinhabern“. Meine Großeltern sind soweit einverstanden mit meinen „Renovierungsarbeiten“. Derweil Oma strahlt, hätte Opa es gern eine Spur perfekter gehabt. »Opa, ich bin nicht so wie Du, da musst Du schon mit „leben“«, flüstere ich und grinse über die Aussage. Auch mein Pa ist begeistert. »So schön habe ich das nie hinbekommen«, meine ich von ihm zu hören. Das hat er oft gesagt. Er hat mich gern motiviert.

Ein Friedhof ist auf eine bestimmten Weise das komprimierte Spiegelbild der Menschen des Ortes zu dem er gehört. Diesen Eindruck gewinne ich, wenn ich mir die Gräber ansehe und wenn ich über die Meinungen der Menschen zur Pflege der Gräber nachdenke.

Gewissenhaft (zumindest nach meiner Auslegung) sammele ich das Schnittgut auf. Dabei kommt mir das Gespräch mit einer Dame in Erinnerung, die das Grab ihres Mannes „putzte“. Sie ärgerte sich unglaublich über das Laub auf dem Grab, dass von einem großen Baum in der Nähe stammte. Vehement insistierte sie: „Die Stadt“ muss den Baum entfernen! Ich schätze, dass der mindestens seine 200 Jahre auf dem Buckel hat. Besagter Ehemann ist keine 70 Jahre alt geworden.

In der Nähe meiner „Arbeitsstelle“ wurde eine Grabstätte mit einer Grabplatte aus Marmor abgedeckt. Ich finde das schrecklich. Warum müssen wir immer alles so zubetonieren? Seit wir uns künstliche „Höhlen“ bauen, pflastern wir die Erde dicht. Wie ist wohl das Verhältnis zwischen der Fläche aller Menschen zu all den vom Menschen versiegelten Flächen? Apropos versiegeln: Nach jüngerer Rechtsprechung müssten für solche Gräber doch eigentlich höhere Regenwasser-Gebühren fällig werden – oder?

»Auftrag erledigt«, murmele ich, während ich mich wenig geschmeidig aus der Hocke quäle. Wie nach jeder Grab-Behandlung nehme ich mein Werk noch mal genau unter die Lupe. Auch mit dieser renovierten Ruhestätte bin ich einverstanden und begebe mich, gern auch mal über Umwegen, auf den Rückzug.

Gedanklich zähle ich die Motive auf, aus welchen Gründen die Menschen die Stadt der Toten aufsuchen, dieweil ich in Richtung der alten Grabfelder schlendere (meine tatsächliche Gang-Motorik wird dem Wort vermutlich nicht gerecht). »Früher oder später kriegen wir Sie doch!«, könnte der Text auf einem Schild am Eingangstor lauten.

Als ich am Morgen daran dachte, dass ich später noch zum Friedhof muss, war ich genervt: Gräber fertig machen – toll! Doch bin ich erstmal hier und in meinem Element, dann stellt sich oft und relativ schnell ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Besonders stark ist das, wenn ich eine Zeit erwische, in der die „Mieter“ hier kaum Besuch haben. Ich liebe diese Ruhe, die Stille, die nur durch das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume vertont wird.

Tja, hier zählt noch, klammere ich mal die Friedhofsgärtner aus, Handarbeit. Hier wird nicht dauernd mit irgendwelchem motorisierten Geräten rumgewerkelt.

Es sind die uralten, nicht mehr so intensiv gepflegten Gräber, die diese Ruhe widerspiegeln. Verwitterte, moosbedeckte, krumme Grabdenkmäler, Grabflächen mit Efeu, Farnen und alten, immergrünen, bizarr verwachsenen Pflanzen – hier zeigt die wahre Natur ihr ungeschminktes Gesicht. Darum sind diese Ruhestätten auch meine Favoriten.

Die „neuen“ Gräber reflektieren noch das Leben, besser gesagt: die lebenden Angehörigen der Mieter – der „Noch-Gäste“. Nur das es hier nicht die blitzenden Kotflügel der Autos, sondern mehr die Farben der Blumen sind.

Wäre es nicht richtiger von Trauerkult anstatt von Totenkult zu sprechen? Oder ist sogar der Begriff Trauerkult noch viel zu hochgegriffen?

Der Friedhof ist ein Ort der Ruhe, sagt man. Oder ist das mehr eine Hoffnung, als eine Erkenntnis? Nach meiner Erfahrung stellt sich Ruhe erst ein, wenn ich loslasse.

Ich muss Schmunzeln, ob der Einblicke in die menschliche Seele, die mir der Friedhof gewährt. Wie anders ist dieses Gefühl gegenüber dem der tiefen Trauer – der Ohnmacht, der völlig entrückten Wahrnehmung, der Kälte, der Starre.

Als ich das Friedhofsgelände verlasse nehme ich sie wieder bewusst wahr, die Zufriedenheit. Merkwürdig, dabei bin ich so oft auf der Suche nach der Zufriedenheit. Und wieder bemerke ich, wie sich mein Gesichtsausdruck zu einem Lächeln verändert: Der größte Bestandteil der Zufriedenheit ist die Ruhe.