Meine liebe Sucht

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Eine Grafik mit den Farben Grün, Schwarz und
Weiß

Ich liebe es, mir meine Hände schmutzig zu machen. Wirklich!

Vielleicht sollte ich mal die Zusammenhänge einwenig erläutern. Es ist nämlich so: Ich bin süchtig – Pflanzensüchtig. Einige Experten werden zuversichtlich prognostizieren: Wer sich seine Sucht eingesteht, der hat bereits das Tor zur Gesundung gefunden. Nun muss nur noch der Leidensdruck hoch genug sein, dann wird der Patient schon den Weg der Tugend beschreiten. Aber was soll ich sagen – ich leide überhaupt nicht an der Sucht – ich liebe sie.

Eine liebe Freundin von mir – Ihr wisst schon, die, die an Bollymie erkrankt ist – bezeichnet meine Sucht, in Anlehnung an den Namen eines der von mir betreuten „Kinder“, einer Wollemi Pine, neuerdings mit „Wollemi-Pain“.

Das „Krankheitsbild“ lässt sich etwa so skizzieren: Derweil ich meinen Lebensunterhalt sicherstelle, also mein bescheidenes Wissen und Tun stundenweise verkaufe, sitze ich weit ab von „Mutter Natur“. Das ist weniger räumlich, sondern vielmehr theoretisch zu sehen. Die vielen, äußerst skurrilen Dingen die ich beim „Verkauf“ erlebe, erzeugen einen riesigen Bedarf an Vernunft und Harmonie. Hat dieser Bedarf eine gewisse Dimension überschritten, sucht er sich ein Ausgleichsgefäß.

Eines dieser Ausgleichsgefäße trägt den Namen „Mutter Natur“. Plastisch drückt sich das bei mir so aus, dass ich ihr, mit meinen bescheidenen Möglichkeiten, helfe, ihre Kinder, die Pflanzen, zu erhalten und möglichst viele von ihnen wachsen zu lassen.

Nun wird – so hoffe ich – klar, warum ich meine Hände nicht in Unschuld wasche, sondern sie stattdessen gerne in Erde „bade“. Deutlich wird jetzt auch, aus welchem Grund ich mich mit dem vielfältigem Schwarz beschäftige. Denn die unterschiedlichen Pflanzen haben unterschiedliche Wünsche. Das ist wie am Mittagstisch – bei Sauerkraut mit Eisbein habe ich grundsätzlich den Löffel hochgehalten, dagegen hatte ich bei Nudeln fast immer Appetit.

Ist doch logisch, dass ich sehr genau beobachte, was ich den Lieben, den Pflänzchen, „auftischen“ darf. Die Anbieter, die Gärtnereien, haben längst erkannt, dass sich der Artikel „Erde“ noch in vielen Sorten unterteilen lässt.

Aber, die Sortimentstiefe verbirgt ein typisches Problem: Es bedarf einer verständlichen Bezeichnung der einzelnen Sorten. Ist die Bezeichnung nicht eineindeutig, kann dies später, am Mittagstisch, zu viel Geschrei führen. Ja, es ist richtig, dass Pflanzen im allgemeinen weniger dazu neigen zu schreien. Aber wer sich intensiv mit ihnen beschäftigt, fühlt deren Gemütszustand. Nun aber zur

Fortführung des Sorten-Katalogs:

  • Aussaat-Erde = Das ist die Babynahrung für Pflanzen.
  • Orchideen-Erde = Festmahl für die Pflanzen, die sich für besonders schön halten.
  • Kräuter-Erde = Henkersmahlzeit für Pflanzen, die zur Veredelung von menschlicher Nahrung aufgezogen werden.
  • Geranien-Erde = Brauche ich nicht. Ich habe keine Geranien.
  • Blumen-Erde = Kraftfutter für alle Blumen, für die es keine speziellen Aufbaupräparate gibt.
  • Wasserspeicher Blumenerde = Für alle Blumen-Stiefmütter, die, weil erwerbstätig, nur am Wochenende für ihre Blumen kochen können.
  • Zimmerpflanzen-Erde = Es wird kompliziert. Wenn die Zimmerpflanze eine Blume ist, würde ich, lex specialis, die Blumen-Erde nehmen. Sicher bin ich mir aber nicht.
  • Gartenpflanzen-Erde = Festessen für Pflanzen, die keine „Frostköttel“ und keine Blumen sind und – für die es darüber hinaus keine spezielle Tütensuppe gibt.
  • Pflanzen-Erde = Vesper für Pflanzen, die bislang durch jedes Raster gefallen sind.
  • Pflanz-Erde = Hinweis: Nur weil bei der Bezeichnung dieser Sorte zwei Buchstaben weniger verwendet wurden, ist sie nicht unbedingt günstiger als Pflanzen-Erde. Warum die Buchstaben fehlen, habe ich noch nicht eruieren können. Möglicherweise wollen die Marketing-Experten den Namen als Aufforderung verstanden wissen: „Pflanz Erde während des Lebens…“ und so. Nun denn. Es soll ja vorkommen, dass selbst Marketing-Strategen nicht wissen wovon sie reden.
  • Bio-Universal-Erde = Für alle, die nun vollends verwirrt sind. Dieses Gericht geht immer. Die Speise soll selbst Kunstrasen wiederbeleben können. Und sie hat das Prädikat Bio!

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Apropos Wahl – wie die Tüten mit der Tomaten-Erde ist die Verpackung der Geranien-Erde rot (zumindest bei denen, die ich gesehen habe). Aber: Meine persönliche, erste Hochrechnung ergab, bei den Verpackungsfarben der Pflanzengerichte dominierte eindeutig Grün und Schwarz – von Gelb habe ich kaum etwas gesehen. Ihr seht, es geht auch ohne Glaskugel.