Kopfkino

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Das Aum - oder Om -
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»Sam, ist Dir mal aufgefallen, wie oft unsere Gedanken irgendwo sind, ohne dass wir sie beaufsichtigen? - Wie oft sie wie verrückt tätig sind, ohne dass sie einen Auftrag dazu haben?«

»Beaufsichtigen, Auftrag?« Regine, nur Greta durfte sie Sam nennen, kräuselte die Stirn und legte den Kopf leicht zur Seite, was dem skeptischen Unterton ihrer Frage zusätzlichen Ausdruck verlieh. »Möchtest Du noch etwas Wein?«, fragte sie und schenkte bereits nach, ohne auf Gretas Antwort zu warten.

»Ja, Sam, wenn Du eine komplizierte Aufgabe zu lösen hast, dann erteilst Du Deinem „Prozessor“ einen Auftrag, sich damit zu befassen. Der beginnt sich zu sortieren, zu formieren um gleich darauf los zu rattern. Du benutzt Deinen Verstand. - Aber wenn Du Deine Bude putzt, die Blumen gießt oder eine andere Routine-Arbeit erledigst, machst Du das nicht. Dafür brauchst Du Dich nicht großartig zu konzentrieren. Und weil die „Bewohner Deiner Dachwohnung“ nicht ausgelastet sind, gehen sie spazieren. Aber wohin sie gehen, das überlässt Du ihnen. Und dann beginnt Deine „Schaltzentrale“ Dich zu benutzen.«

»Böse Gedanken, sind einfach so auf Abwegen.« Regine klang ironisch und albern zugleich. Sie war nicht sicher, ob sie Lust hatte, den Ausführungen ihrer Freundin weiter zu folgen. Sie starrte auf das von der Kerze illuminierte Rot des Weins in ihrem Glas.

»Gedanken auf Abwegen ist gut.«, wiederholte Greta lachend. »Es bleibt aber nicht nur bei Informationen, die da in der „Dachkammer“ hin und her geschoben werden. Da wird viel zu oft, und wie gesagt ohne Dein Zutun, kurzerhand mal ein ganzer Film vorgeführt. Tja, und wie im Kino, bringt so ein Film auch Gefühle in Wallung. Und plötzlich stehst Du da, die Gießkanne in der Hand, und hast eine Stinkwut. Das hast Du doch bestimmt auch schon häufig erlebt?«

»Ich habe nur Kakteen, die brauchen kaum Wasser.«

»Arrg, Sam, hörst Du überhaupt zu? Interessiert…«

»Schon gut! Ich glaube, ich verstehe was Du meinst. In meinem Cockpit reime ich Dinge zusammen, denen eine reale Grundlage fehlt.«

»Jaein, nicht Du reimst, sondern Deine Gedanken!«

»Du meinst, die Crew im Cockpit ist beim Blumengießen unterfordert?«

»Unterfordert?« Greta grübelte kurz, ob sie diesen Gedanken aufnehmen sollte. »Hm, das meine ich jetzt nicht. Ich meine, sie sind unbeaufsichtigt und nicht ich nutze sie, sondern sie benutzen mich. Sie programmieren mich!«

»Oh, jetzt wird´s dramatisch. Ich, die Marionette meiner Gedankenwelt!«

»Bitte Sam! Deine Ironie kannst Du Dir sonst wohin schieben!«

Regine hob ihre rechte Augenbraue, stellte aber kurz darauf beschwichtigend die Handflächen für den Bruchteil einer Sekunde senkrecht.

»Ich habe Dir doch mal von einem Vortrag erzählt, bei dem es um das Thema ging. Erinnerst Du Dich noch daran?«

»Nö«, antwortete Regine stumpf.

»Nicht schlimm. Kannst Du bei soheit .de unter „Gedanken - wer mit wem?“ nachlesen. In dem Vortrag wurde ein schönes Beispiel aufgezeigt, was passieren kann, wenn Du Deine Gedanken unbeobachtet lässt.«

»Gut, und was empfiehlt Frau Doktor?«

»Beobachte Deine Gedanken, mach sie Dir bewusst, bleib möglichst oft gegenwärtig.«

»Gegenwärtig? Das bin ich doch immer.«

»Sam, das glaube ich Dir nicht. Du wirst feststellen, das die meisten Filme in Deinem Kopfkino erlebtes, also die Vergangenheit aufgreifen und daraus ein künftiges Szenario zum Thema haben. Aber von der Gegenwart und von der Realität ist der Film, wie gesagt, weit entfernt. - Kennst Du das Buch „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“?«

»Nein. Ist vermutlich wieder eines aus Deiner Sammlung “Glücklich sein mit Esoterik”, stimmts?« Regine spürte, dass ihrer Freundin Greta bald der Kragen platzen würde. Ihr war bewusst, wollte sie Ärger vermeiden, musste sie sich einbringen.

»Aber es erinnert mich an den Yoga-Unterricht. Bei den Entspannungsübungen erzählt uns die Yoga-Lehrerin auch immer, keinem der aufkommenden Gedanken zu folgen, sich nicht von ihnen mitziehen zu lassen und sie auch nicht zu bewerten - sie nur zu beobachten.« Regine sah sich im Yoga-Unterricht ausgestreckt auf der Matte liegend. »Das klingt einfach, aber wenn Du den ganzen Tag im Büro unter Druck gestanden hast und abends dann einfach mal - schwuppdiwupp - keinen Gedanken mehr folgen willst, dann ist das schon eine echte Herausforderung! Ich behaupte, einen Kopfstand zu erlernen ist wesentlich einfacher.«

Es war Greta nicht entgangen, wie sich augenblicklich die Augen, der Gesichtsausdruck, die Körperhaltung und die Gestik ihrer Freundin verändert hatten, als sie mit eigenen Erfahrungen Zugang zum Thema fand.

»Und ständig gegenwärtig zu bleiben, stelle ich mir genauso schwierig vor. Aber was soll mir das bringen, Greta?«

Greta grinste. »Sam, mach´s einfach mal. Beobachte Deine Gedanken wenn sie mal wieder ein „Auswärtsspiel“ haben und bleib gegenwärtig, wenn Du Blumen gießt oder Deine Wohnung putzt.«